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Rückrufe in den USA und in Deutschland


Wer das Thema Pkw-Rückrufe in den Medien aufmerksam verfolgt, der wird schnell feststellen, dass man von Rückrufen oftmals zuerst oder sogar ausschließlich aus den USA erfährt. Woran liegt das? Haben die deutschen Kunden gegenüber den amerikanischen Kunden das Nachsehen? In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die Unterschiede in der Handhabung von Rückrufen in Deutschland und in den USA. 

Der einfachste Grund ist, dass über Rückrufe in den USA deutlich mehr Informationen frei verfügbar sind. In Deutschland stellt das Kraftfahrtbundesamt (KBA) lediglich eine sehr spärliche Suche nach Marke, Modell und Baujahr bereit und gibt dann bekannt, welche Bauteile betroffen sind und verweist für weitere Informationen an den Hersteller. Eine Liste neuer Rückrufe gibt es nicht, nur über die europäische RAPEX-Datenbank erfährt man einen Teil der in Deutschland stattfindenden Rückrufe. Das US-amerikanische KBA-Pendant, die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA), veröffentlicht dagegen regelmäßig alle wesentlichen Schriftstücke zwischen Behörde und Hersteller auf seiner Internetseite frei zugänglich. Darin enthalten sind unter anderem die genauen vom Rückruf betroffene Motor- und Modellbezeichnungen, die Anzahl der rückzurufenden / zu überprüfenden Fahrzeuge, der Anteil der potentiell betroffenen Fahrzeuge, eine genaue Ursachenbeschreibung sowie eine Chronologie der Ereignisse, die zum Rückruf führen (hier ein Beispiel aus Oktober 2017).

Zwischenfazit: Die NHTSA ist transparenter als das KBA und macht es damit auch Journalisten einfacher, schnell eine Nachricht über einen Rückruf zu schreiben. In Deutschland ist man auf die Veröffentlichungen der EU-RAPEX-Datenbank angewiesen und kann dann anhand der dortigen Informationen bei den Herstellern weitere Informationen erfragen, die diese aber nicht herausgeben müssen. Dieser Unterschied begünstigt die Kommunikation von US-Rückrufen.

Rückrufmüdigkeit in den USA

Genau wie in Deutschland erfahren US-Amerikaner auch per Post von einem Rückruf. Im Gegensatz zu Deutschland aber von einer der fünfzig bundesstaatlichen Meldebehörden, was das Erreichen der Halter erschwert. Die niedrige Erfüllungsquote bzw. Rückrufmüdigkeit ist seit einigen Jahren ein weiteres Problem in den USA. So gibt es eine Untersuchung, dass bis 25 % aller Probleme, die zwischen 2006 und 2010 per Rückruf behoben werden sollten, in 2012 immer noch offen waren (in Deutschland liegt diese Zahl nahe null Prozent). Der Hauptgrund liegt sicherlich darin, dass es keinen Zwang gibt, einem Rückruf nachzukommen (in Deutschland erfolgt bei Nichtbefolgung nach einiger Zeit eine Zwangsstilllegung des Fahrzeugs). Aber auch die hohe Anzahl an Rückrufen, sowie die teilweise niedrigen und veröffentlichten Quoten der betroffenen Fahrzeuge, verbunden mit weiten Strecken zur nächsten Markenwerkstatt, sind weitere Gründe, warum viele Amerikaner Rückruf-Muffel sind. Wenn man mehrere Stunden zu einem Händler fahren muss für einen Rückruf, der nur 1 % der möglicherweise betroffenen Fahrzeuge wirklich trifft, dann mag sich der eine oder andere Fahrer diesem Risiko aus Bequemlichkeit aussetzen. Genau wie in Deutschland kostet auch in den USA den Autofahrer ein Rückruf kein Geld. In den USA ist dies für Fahrzeuge in den ersten 10 Jahren sogar gesetzlich geregelt, aus Imagegründen ist in beiden Ländern aber jeder Rückruf kostenlos.


Wieso ist die amerikanische Behörde so transparent und das KBA nicht?

Neben der genannten Informationen bietet die NHTSA auch die Möglichkeit einer Fahrgestellnummernabfrage, um zu prüfen, ob das eigene Fahrzeug (oder das für einen Gebrauchtwagenkauf in Frage kommende Fahrzeug) noch offene Rückrufe hat. Das KBA vertritt hier die Position, dass der Datenschutz eine solche FIN-Abfrage in Deutschland verbieten würde und dass in Deutschland das Netz für Rückrufe engmaschiger ist, eine FIN-Abfrage daher nicht nötig sei. Dieser Position widerspricht das Gutachten aus 2016 vom VZBV deutlich.

Auch bei der Untersuchung von möglichen Rückrufen ist die NHTSA deutlich offener: Zum einen erlaubt es eine komfortablere Meldung von möglichen Risiken, zum anderen werden offene Untersuchungen inklusive des aktuellen Status veröffentlicht. Das KBA bietet so einen Service nicht, Hinweisen geht man aber nach. 



Gibt es mehr Rückrufe in den USA als in Deutschland oder finden die Rückrufe in Deutschland verspätet statt?

Eine eindeutige Antwort gibt es hierauf leider nicht, da es bisher keine Untersuchung gibt, die Rückrufe in beiden Ländern miteinander vergleicht. Hier behindert das KBA durch mangelnde Transparenz genauere Analysen. Fakt ist aber, dass in den USA deutlich höhere Strafen drohen, wenn ein Produkt Gesundheitsrisiken für Verbraucher verursacht. Für die Hersteller könnte dies zum Anlass genommen werden im Zweifel erst einmal den US-Markt zu bedienen, um rechtliche Risiken zu reduzieren. Das plakative Beispiel, dass in den USA selbst ein Schild mit falschen Reifendruckangaben zum Rückruf führte, während hierzulande der Ausfall der Servolenkung als Komfort-Problem abgetan werden kann ist zwischenzeitlich zumindest dahingehend hinfällig, dass auch in Deutschland einige Fahrzeuge wegen falscher Reifendruckschilder zurückgerufen wurden. 

Sieht sich das KBA – insbesondere im Rahmen der Dieselkrise – Vorwürfen der Nähe zur heimischen Industrie ausgesetzt, während das Thema in den USA sehr verbraucherfreundlich behandelt wird, so gab die NHTSA bei einem Rückruf seiner heimischen Marke General Motors mit fehlerhaften Zündschlössern ebenfalls kein gutes Bild ab: Trotz vorliegender Informationen, erfolgte der Rückruf zu spät und kostete mindestens 13 Menschen in den USA das Leben. Das Versagen in der Behörde wurde nicht vollständig aufgearbeitet, die Behörde erhielt jedoch einen neuen Leiter und geht seit Ende 2015 deutlich aggressiver bei Verdacht auf Sicherheitsmängel gegen Hersteller vor. Das musste Anfang 2016 auch BMW erfahren, die für die Verschleppung eines Rückrufs 10 Millionen Dollar Strafe zahlen mussten.


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