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Rette sie wer kann

Warum, zum Teufel, hatte ich mir nur vorgenommen, neben Mobilen und Kleinstwagen auch die Autos von Borgward zu retten?

Borgward führt die Pontonform in Deutschland ein
Wenn ich so über die Felder stapfte, auf denen die Leiber der geschundenen Autos rosteten, hatte ich keine Zeit, der Frage nachzugehen – die Bremer Pontonschiffe zogen mich einfach magisch an. Denn Borgward spielte um 1950 die erste Geige im Kreis der Chorknaben, die da hießen Mercedes, Volkswagen, Opel und Ford und die dem autohungrigen Volk Handreichungen in Form kaum verbesserter Vorkriegsmodelle mit zum Teil archaischer Technik andienerten. Borgward dagegen tat sich nicht nur mit der modernen Pontonform hervor, sondern auch mit vier Türen, die es sonst nur bei Mercedes gab, mit unabhängiger Radaufhängung rundum und mit hydraulischen Bremsen (alle 1949), mit automatischem Getriebe (1950), mit Dieselmotor (1952) und Vollsynchron- Vierganggetriebe (1953), mit Benzin-Direkteinspritzung bei Sport- und Rennwagen (1954) und mit Luftfederung beim P 100 (1960). 

„Obwohl gerade (der Borgward-)Diesel seinem einzigen Konkurrenten überlegen war“, stichelte Werner Oswald gegen den Mercedes 170, „fand er, vom Publikum unterschätzt, nur geringe Akzeptanz“ (Deutsche Autos 1945-1990, Stuttgart 2003, Band 4, S. 426). Und einem von den nur 3490 gebauten Exemplaren begegnete ich droben in Schleswig, wo er  die längste Zeit gewesen war: Ich zahlte 50 Mark und holte ihn per Hänger nach Hamburg. Das war im Oktober 1968. 

Eigentlich hätte ich nun frohlocken müssen, denn der schwarze, viertürige Hansa 1800 Baujahr 1953 befand sich in einem äußerlich guten Zustand. Sogar zugelassen war er noch. Doch statt des Dieselmotors war eine auf drei Zylindern röchelnde Hansa 1500-Maschine eingebaut, die bekanntlich nur Benzin verdaute. Immerhin hatte mir der Vorbesitzer einen Dieselmotor für weitere 50 Mark mitgegeben, und den, so meine Absicht, hätte ich ja irgendwann einmal einbauen können. Dazu kam ich jedoch nicht mehr, denn 'schon' nach sechs Jahren ging der Wagen an einen Borgward-Sammler am schönen Rhein.

Zum Viertürer gehört ja nun unbedingt ein Zweitürer, und so war mein Anschlusskauf, nur zwei Tage später, ein 1800er Benziner, noch mit altem Armaturenbrett und kleinem Rückfenster. Die ebenfalls 1953 gebaute Limousine mit Schiebedach fand ich auf einem Schrottplatz, das tiefhängende Eichengeäst und der verkeilte Standplatz erschwerten eine gründlichere Besichtigung. Mit schwerem Gerät räumte der Friedhofsmann eine Gasse zum Objekt meiner Begierde, legte es frei und zwang mich damit quasi zum Kauf, der mit 40 Mark nicht allzu teuer ausfiel. Gewaschen und mit aufgepumpten Reifen machte mir die Schönheit wieder Mut, doch die Wiederherstellung von Blech und Lack verhieß Schweiß und Tränen und Penunzen.

Und um die 1500/1800er-Baureihe zu vervollständigen, warf ich ein Auge auf einen 1500er Kombi, den ich, schon in München wohnend, zufällig auf einem Parkplatz in Hamburg gesehen hatte. Über die Zulassungsstelle fand ich den Eigentümer heraus, von dem ich dann erfuhr, dass der '52er Hansa mit einem Strömungsgetriebe gesegnet war. Eine Automatik in einem Kombi – das war doch ein Wort, und wie war doch gleich der Preis? Langsam, junger Mann, hörte ich den Eigentümer bremsen, ich verkaufe nicht, später vielleicht, ich merke Sie vor.

Er merkte mich vor. Schon acht Monate später, im Oktober 1969, übernahm ich den grün lackierten 'Strömer' für viel Geld minus kleinem Abschlag, weil die Automatik nicht mehr einwandfrei funktionierte. Nach fünfjährigem Aufenthalt in einer Hamburger Garage zierte er drei Jahre das Automuseum Störy und vier Jahre das Automuseum von Joachim Pett in Asendorf/Bremen, bis der am schönen Rhein wohnende Borgward-Sammler auch diesen Wagen in sein Reich aufnahm.   

Weiter oben war von Anziehungskraft die Rede, die die Hansa-Baureihe damals auf mich ausübte. Die ging soweit, dass einer dieser Schrottplatzbesitzer, von Haus aus abweisend bis misstrauisch und immer scharf auf's Geld, seine gute Seite hervorkehrte und mich davor warnte, ein weiteres Exemplar mitzunehmen. Das nämlich lag dort schon seit vielen Jahren flach auf seinem Plattformrahmen, der wegen des feuchten Bodens nur noch andeutungsweise vorhanden war. Wichtige Teile wie Räder, Hinterachse und Motorhaube fehlten, schon die Bergung wäre zum Abenteuer ausgeartet. Ich hörte auf den Meister, der diesmal auch seinen Hund angekettet hatte, und bin ihm heute noch dankbar.

Erik Eckermann


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