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Frühe Fernfahrten – Friedel Spada nach Asien (Teil 2)


Während Clärenore Stinnes einmal die Welt umfahren und am Ende auch auf dem Tacho den Erdumfang von 48.000 km ablesen wollte, begnügte sich Friedel Spada mit Birma (Myanmar) als Endpunkt der Reise – aus gänzlich anderen Motiven.

Eine Frau ist geeigneter als ein Mann
Zum Schluss der okkultischen Geschichte „Die drei Todgeweihten“, die in Fortsetzungen in der ‚Münchner Illustrierte Presse‘ (MI) erschienen, rief diese dazu auf, „den augenblicklichen Stand der okkultischen Wissenschaften und deren sichtbare Anwendung durch Fakire und ähnliche Wundermänner zu studieren…Und zwar möchten wir eine Dame dazu ausersehen…weil es auch einer Frau leichter gelingen (wird), dort Zutritt zu erlangen, wo er einem Manne aus Furcht und Misstrauen verweigert werden könnte“ (zitiert wird aus MI ab 15.6.1927 und aus dem Buch). In der nächsten Nummer wurden drei von der Redaktion in die engere Wahl gestellte Damen „ohne Nam und Art der Kandidatinnen“ vorgestellt mit der Aufforderung an die Leser, „…ihre Meinung der Schriftleitung (innerhalb von 2 Tagen) einzusenden…da die Abreise so schnell wie möglich erfolgen soll“.  

Die Wahl fiel auf Elfriede Spada, verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter, in Berlin lebende Rheinländerin, deren „straffe(r) Körper…mehr auf sportliche als auf wissenschaftliche Betätigung schließen (läßt)“. Diese im Leben stehende Frau also sollte auf Kosten des Verlags die außersinnliche Wahrnehmung des Ostens, seit jeher anziehend auf aufgeklärte Mitteleuropäer wirkend, hinterfragen und zu diesem Zweck nach Asien reisen, genauer nach Indien, Tibet, Darjeeling und Sikkim. Dort nämlich geschah auch den drei romanhaften Todgeweihten allerlei Wundersames. 

Während die renn- und rallyeerfahrene Clärenore Stinnes ihre Reise etwa ein Jahr lang vorbereitete und in den deutschen Auslandsvertretungen Depots für Öl, Benzin und Ersatzteile anlegen ließ, schickten die Münchner ihre unerfahrene Friedel praktisch Knall auf Fall in die Wüste – im wahren Sinne des Wortes. Dem Himmel sei Dank bestand Friedel auf einem Begleitfahrzeug mit Mechaniker, von dem vorher nicht die Rede gewesen war, doch für einen „Filmoperateur“ wollte die Illustrierte nicht auch noch aufkommen. Eine „gewaltige Menschenmenge“ wurde Zeuge, als Friedel und ihr 18-jähriger Monteur, „ein pommerscher Junge, fast noch ein Knabe“, auf zwei grauen Mercedes 28/95 PS „am Dienstag, den 2. August 1 Uhr mittags…von (der) Sendlingerstr. 80 aus, ihre Expedition nach Asien“ antraten. 

Die Reiseroute bis Teheran ist bereits erzählt, ihre erste Begegnung mit Übersinnlichem noch nicht. Eine Begegnung hiermit erlebte sie in Damaskus, verkörpert als Wahrsager, „also endlich Okkultismus, nach dem ich ja auf der Suche bin!“. Der gute Mann konnte ihr zwar nicht die Zukunft vorher-, dafür aber Alter, überstandene Krankheiten und die Existenz ihres Kindes auf den Kopf zusagen. Friedel war schwer beeindruckt.

Beeindruckt war sie auch von Handgreiflicherem. Der Irrfahrt in der Syrischen Wüste kaum entfleucht, dankte sie den Untertürkheimern überschwänglich: „Was meine beiden Mercedes-Wagen geleistet, ist unbeschreiblich. Auf jeden Fall haben sie meinem Monteur und mir das Leben gerettet“. Von Feststellungen dieser Art übrigens waren Clärenore und Carl-Axel weit entfernt: An ihren beiden Adler ging bis auf die Motoren eigentlich alles kaputt, besonders häufig die Achswellen.   

Die „Weiterreise von Kermanshah über Teheran nach Isfahan (ging) glatt und ohne jeden interessanten Zwischenfall vonstatten – nicht gerade zu meiner Freude, denn ich suche auf meiner Reise ja gerade das Außergewöhnliche und Abenteuerliche“. 

Das muss jemand gehört haben, denn in der Ostpersischen Wüste kam es knüppeldick, besser haarspaltenfein: Ihr Tross geriet in einen Sandsturm. „Sandwellen stürzten uns entgegen wie Wogen auf stürmischer See… (wir) versanken…in Sand und mußten die Wagen mühsam wieder ausbuddeln. Wir verständigten uns von Wagen zu Wagen mit Hupensignalen, um uns nicht zu verlieren oder zu rammen, denn sehen konnten wir uns nicht mehr…Wo am Tage vorher noch unendliche Wüstenebene gewesen, waren über Nacht Hügel und Schluchten entstanden“. Mit Hilfe von Brettern, Teppichen und nur halb gefüllten Reifen erreichten sie schließlich ein Gehöft, „wo Persiens übelstes Karawanengesindel unterschlüpfte“. „Wir waren hier also ‚geborgen‘“, schrieb sie erleichtert, doch „wir hatten noch acht sehr schlimme Tage voll böser Erlebnisse und wüster Strapazen zu bestehen“, bis sie endlich die Straße nach Duzd-Ab (Zahedan) an der Grenze zu British Baluchistan (Pakistan) erreichten.

Weihnachten 1927 verbrachten sie bei Kälte und Schnee in Quetta, damals Indien, heute Pakistan. Bei der Weiterfahrt waren die „Lehmwege…von den schweren Rädern der Ochsenwagen in tiefen, feinen Pulverstaub zermahlen, in dem unsere Wagen wie Schneepflüge wirkten und uns mit riesigen Staubschwaden überschütteten…(Nicht nur) die Lungen schmerzten bei jedem Atemzug“, auch die Motoren mussten haufenweise Feststoffe eingeatmet haben. Friedel verliert zwar kein Wort über die Technik, doch ein Foto zeigt den Mercedes im Staub mit teilzerlegtem Motor und der lapidaren Unterschrift: „Großreinemachen nach dem Pulverstaub“. 

Nach Sandsturm, Staubschwaden und einem Überfall, der die beiden Abenteurer fast das Leben kostete, „begann die großartige indische Parklandschaft, durch die die Engländer herrliche Autostraßen gebaut haben...Man mag persönlich über die Engländer denken wie man will: ihre kolonisatorischen Fähigkeiten, die Großzügigkeit, mit der hier überall vorgegangen wird, hat etwas Geniales“. Auf der Suche nach Okkultismus zickzackte Friedel durch den nördlichen Teil Indiens, berührte die Ausläufer des Himalayas im Westen, den Golf von Bengalen in Kalkutta, den Himalaya im Osten und wiederum den Golf in Rangoon (Yangon), wo sie im August 1928 ihre Reise beendete. Nach Kaschmir wagte sie sich nicht hinein, weil ihr ein Yoghi dort den sicheren Tod prophezeit hatte. Stattdessen drang sie auf dem Brahmaputra und in Fußmärschen zu den Abors im Himalaya vor, die in den Jahren zuvor drei Engländer umgebracht hatten, und zu den Naga-Kopfjägern in Assam, die zwar Friedels Haarpracht bewunderten, diese aber nicht antasteten. Die Wilden, schließt Friedel ihr Buch, sind zwar nicht „bessere, so doch entschieden menschlichere Menschen…als wir“ und wünscht ihnen, „noch recht lange nicht zivilisiert zu werden“. 

Den Reisezweck, nämlich den „Stand der okkulten Wissenschaft“ – Widerspruch in sich selbst – zu studieren und zu vertiefen, gelang auch dieser mutigen Frau nicht. Die ‚okkulten‘ Phänomene wurden vielfach für ihre eigene Erfindung gehalten. „Alles, was ich berichtet habe, entspricht der Wahrheit“, stellte sie klar. „Wie weit Taschenspielertricks und Suggestion im Spiele waren, kann ich nicht beurteilen“. 

Text: Erik Eckermann

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Abb. 1
Auf längeren Fahrten musste mit kleineren Reparaturen gerechnet werden. Friedel und Walter zerlegen mal eben den Motor und befreien ihn vom Staub der Landstraße. 

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Abb. 2
Friedel „zerlumpt aber glücklich nach dem Marsch von Assam nach Birma“ in der für Europäer landesüblichen Tracht zum Ende ihrer Asienfahrt.

Bildquellen: Emelka Lichtspielkunst AG, München

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