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Frühe Fernfahrten

Englers Alpenfahrten III

Den für die Teilnahme an der Herkomer-Konkurrenz 1905 bestellten „Opel 18-24 PS“ ließ Engler vom Werk zunächst mit einer zweiplätzigen „Einfahr-Karosserie“ versehen. Nachdem „alle Fahrten…zur vollkommenen Zufriedenheit“ ausgefallen waren, setzte Opel eine Tourenwagen-Karosserie aufs Chassis, um den Ausschreibungsbedingungen zu entsprechen.
1905 Opel 18/24 PS, 4 Zylinder, 3768 cm³, 24 PS/18 kW

Mit zunehmender Reife und Verbreitung des Automobils wandelte sich das empfindsame Reisen, wie es Otto Julius Bierbaum 1902 beschrieben hatte, allmählich zur sportlichen Herausforderung, von Eduard Engler tatkräftig unterstützt.

Vom Autowandern zum Motorsport

Wegen seiner guten Erfahrungen mit den von Opel gelieferten Darracq-Wagen und „besonders in Anbetracht dessen, dass wir ziemlich ausserhalb der Stadt wohnen und nicht wegen jeder kleinen Fahrt den starken Wagen herausnehmen wollten“, bestellte Engler einen Opel Zweizylinder 12-14 PS, der im Januar 1904 ausgeliefert wurde und den er bis 1907 fuhr. Und um nicht allzu aussichtlos an der ersten Herkomer-Tourenwagen-Fahrt 1905 teilnehmen zu müssen, kam er „mit der Firma Opel überein, dass sie mir einen neuen Wagen baue, den ich während der Herkomer-Konkurrenz fahren wollte, nachher sollte es mir freistehen, diesen Wagen entweder zu behalten oder mir für 1906 sofort einen anderen zu bestellen“. Was zum Kauf eines Opel 18-24 PS führte, der zunächst mit einer „Einfahr-Karosserie“ (siehe Abbildung), zur Herkomer-Fahrt selbst mit einer Tourenwagen-Karosserie versehen wurde. „So kam es…, dass ich während 1 ½ Jahren der glückliche Besitzer von drei Fahrzeugen war…“, für einen Bürgerlichen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg außergewöhnlich. 

Die Herkomer-Konkurrenz 1905 selbst fand Engler nicht eben berauschend, weil „dieses dreitägige Hasten und Jagen im Staube anderer…nicht jedermanns Sache (ist)“ und die Ausschreibung auch nicht ganz im Sinne Herkomers ausgefallen war. Der nämlich wollte „…unbedingt veredelnd auf die deutsche Automobil-Industrie ein(wirken)“, indem die Ausschreibungs-Kriterien den Tourenwagen, nicht den Rennwagen fördern sollten. Englers Opel 24-28 PS, mit etwa 26.000 km auf dem Geschwindigkeitsmesser, meisterte die 937 km-Tour durch Süddeutschland zwar ohne technische Panne, ließ in ihm aber den Wunsch aufkommen, „für das Frühjahr 1906 einen 60 PS Wagen…zu bestellen“. Mit 60 PS gehörte man um diese Zeit zur automobilen Spitzenklasse.

Vor Auslieferung des 60 PS-Boliden jedoch hatte sich Engler, wie auch schon in den Vorjahren mit seinen früheren Wagen, „zu einer fünfwöchigen Dienstleistung während des Kaisermanövers zu melden“, bei dem zum ersten Mal das 1905 gegründete Deutsche Freiwilligen-Automobil-Corps teilnahm. Betrachteten die Militärs vom Rücken ihrer Rösser das Automobil ursprünglich mit Misstrauen, „(erbrachte) die Verwendung des Korps im Kaisermanöver 1905…aber den Beweis, dass eine moderne Armee ohne diese Hilfskräfte in einem zukünftigen Feldzuge...nicht mehr auskommen kann und besonders der rasche und kleine Wagen, der sogenannte Rennwagen, …zu Aufklärungszwecken und zum Ueberbringen von wichtigen Meldungen kaum zu entbehren sein (wird)“.  

Mit seinem im Mai 1906 ausgelieferten Opel, der nicht 60, sondern 50 PS leistete (Abb. 6), wollte Engler „in der diesjährigen Herkomer-Konkurrenz als ernstlicher Bewerber auftreten“, übersah aber als eines der Mitglieder des Arbeitsausschusses, dass diese „nicht in Konkurrenz mitfahren durften. So war mir also das Kämpfen untersagt, aber im Stillen fuhr ich für mich doch in Konkurrenz mit, um wenigstens moralisch einen Platz zu erringen“.  

Start- und Zielort der Herkomer-Konkurrenz 1906, die in diesem Jahr auch über österreichisches Gebiet führte, war München. Auf der Fahrt von Frankfurt dorthin kam ihm die Erkenntnis, „sich an keiner Konkurrenz unter solchen Bedingungen wieder zu beteiligen“. Damit meinte Engler den von den Luftreifen auf den Naturstraßen aufgewirbelten Staub, der „sich mit dem Tau des frischen Morgens zu einer wahren Zementschicht verarbeitet hatte…(die von den) Gesichtszügen…nicht einmal mehr (den) Bart“ erkennen ließ. Das Fahren in Staubwolken war gefährlich, auch hielt er es „vom hygienischen Standpunkt aus für ein gewagtes Unternehmen, während all dieser Zeit die verschiedenartigsten Bazillen durch den Körper wandern zu lassen“.  

Sein Opel wäre fehlerfrei gelaufen, hätte Engler nicht „den Wasserhahn offen-gelassen…, so dass wir nach wenigen Kilometern eine heisse Maschine hatten und infolgedessen einen durchgebrannten Dichtungsring erneuern mussten“. Der Kolbenring war schnell ausgewechselt, so dass Engler nicht nur die gesamte Strecke über Rosenheim, Salzburg, Linz, Klagenfurt, Wien, Innsbruck, Zirler Berg und zurück nach München mitfuhr, sondern unmittelbar darauf mit Frau und Chauffeur eine dreiwöchige Fahrt nach Tirol und Oberitalien mit Rückreise über die Schweiz unternahm. Seit Frankfurt „hatten wir über 4500 km zurückgelegt und ausser den beiden Pneumatikdefekten nicht eine einzige Störung zu verzeichnen gehabt, gewiss eine vorzügliche Leistung mit dem neuen Opel-Wagen…“.  

Das Reisen im Automobil, so Englers Resümee, hatte „gegen die letzten Jahre bedeutend zugenommen“, und während man früher „oft auf einer Strecke von 1000 km nicht einem einzigen Auto begegnete…(kann heute) jeden Augenblick in einer Kurve ein anderer Wagen, womöglich auf der falschen Strassenseite, entgegenkommen…“. Als noch ärgerlicher freilich empfand er die Schikanen der ‚Obrigkeit‘, die dem Automobilisten in Person von mit Taschenuhren messender Gendarmen und neidischer Richter das Fahren besonders in Deutschland so schwer wie möglich machten. Hier tat sich der badische Bezirk Kehl hervor, der manchen Fahrer veranlasste, sich „einen Einspänner entgegenschicken zu lassen, um unter dessen Führung das polizeilich erlaubte Fahrtempo durch diese Stadt nicht zu überschreiten“. Bei einer Ausfahrt des Frankfurter Automobil-Clubs 1906 ging ein Fahrer „in seiner Vorsicht sogar soweit, dass er mit einem ‚Schrittmacher zu Fuss‘ (den) Ort betrat, aber dennoch unerlaubt rasch gefahren sein soll. Eingaben und eine Anzahl von Prozessen waren die Folge der prompt eingelaufenen Strafverfügungen über 50-60 Mark im Einzelfall“. 

Eduard Engler beendete das Jahr 1906 und auch sein Buch 100.000 Kilometer am Steuer des Automobils in sportlicher Hinsicht mit einer „Hetzpartie“ von Frankfurt nach Berlin. Unter Beachtung der 15 km/h-Vorschriften in Ortschaften und einschließlich der Zwangsaufenthalte vor geschlossenen Bahnschranken schaffte er die rund 510 km in 12 Stunden und 20 Minuten, was einem Schnitt von 41,4 km/h entspricht. Er hatte dabei das Vergnügen, einer im D-Zug reisenden Dame mehrmals vor geschlossener Barriere zuwinken zu können. „Vor Fulda indessen, wo die vorzügliche Straße dicht neben der Bahnlinie hergeht, holte ich den Zug ein und fuhr dann eine Zeitlang neben meiner freundlichen Dame her, bis ich sie nach einem letzten Abschiedsgruss hinter mir liess und den Zug auch nicht mehr zu sehen bekam“. In den vergangenen 110 Jahren scheint uns doch so einiges abhanden gekommen zu sein.

Text: Erik Eckermann
Bildquelle: Dieter Dressel

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