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Frühe Fernfahrten

Anita King auf 1915 Kissel Kar 60 HP

Anita King auf 1915 Kissel Kar 60 HP. Mächtiger, Botschaften verkündender Tourenwagen mit robustem Fahrwerk für amerikanische Straßen. Schwachpunkte waren damals Reifen und Holzspeichenräder, die gerne mal wegknickten.


Ein Blick zurück zeigt zwar die Dominanz der Männer in der Pionierzeit des Automobilismus, doch die Frauen waren keineswegs nur Zuschauerinnen. Einige wagten die Fahrt durch die amerikanische Landmasse – noch zu Indianerzeiten.
In unserem letzten Beitrag ging es um Blanche Stuart Scott auf 1910 Overland 25 HP. 

Ab etwa 1910 gerieten die einst abenteuerlichen Fahrten quer durch die USA mehr und mehr zu Publicity-Kampagnen. Daran beteiligten sich auch Frauen, die wie die Männer vor und nach ihnen haarige Situationen meistern mussten.

King und die vier K

Da gab es mal einen deutschen Zulieferer, dessen auf die drei Anfangsbuchstaben reduzierter Firmennamen einige Schwierigkeiten in den USA bereitete, denn 3K oder KKK steht dort für den 1865 gegründeten terroristischen Geheimbund Ku-Klux-Klan. Dessen war sich wohl auch Anita King (31) bewusst, die auf Kissel Kar 1915 die USA von Küste zu Küste durchquerte und ihre Tour werbewirksam als Kings Kissel Karadventure oder ähnlich hätte vermarkten können. Doch sie sattelte ein K drauf: Mit nunmehr vier K aus ‚Koast to Koast in a Kissel Kar‘ war sie über jeden Zweifel erhaben. Mit einem davor gesetzten ‚King Kruises‘ verbog sie zwar die englische Rechtschreibung ein weiteres Mal, marginalisierte jedoch mit 6 K das böse Original-3K und zementierte zugleich ein Alleinstellungsmerkmal. 

Ein solches stellte auch die Tatsache dar, dass sie mutterseelenallein von Los Angeles/San Francisco losfuhr und in New York ankam. Damit war sie vermutlich nicht nur die erste Frau, sondern die erste Person, die die USA ohne Mitfahrer von Küste zu Küste im Auto durchquerte. Allerdings, und darüber wurde offiziell nicht berichtet, folgten ihr Paramount-Presseleute in genügend großem Abstand, denn mit Paramount Pictures hatte sie neben Firestone und der Kissel Motor Company solvente Sponsoren an Bord.

Die Ambitionen von King, Kissel & Co zielten – wir sind in den USA –  in Richtung Publicity: Autohersteller Kissel wollte seinen ungemein geistreichen Werbeslogan ‚Every Inch a Car‘ untermauern und Autos auch in den Weiten der Prärien verkaufen, Paramount dachte an eine Verfilmung, Stummfilm-Star Anita King an ihre Karriere und an ihre Schwester, deren unvermuteten Tod sie mit der Solo-Fahr wohl verarbeiten wollte. Tatsächlich kam „The Race“ 1916 in die Kinos, mit Anita in der Hauptrolle. Diese übrigens war als Kind deutscher Einwanderer als Anna Keppen auf die Welt gekommen. In den Mitteilungen, die während der Cross Country-Tour an Öffentlichkeit und Kissel-Händler gingen, mischten sich Fakten und Fiktion „to an alarming degree“, wie Autor Curt McConnell in seinem Buch über die Frauen-Bewegung auf vier Rädern feststellt.

So könnte es sich beim stundenlangen Kampf mit einem bösartigen Timberwolf schlicht um einen Hund gehandelt haben, den Anita kurzerhand mit „rifle and six shooter … her only companions“, aus dem Weg geräumt haben dürfte, wenn überhaupt. Weitere Gruselstories mit ‚postfaktischem‘ Beigeschmack säumten ihren Weg oder, besser, setzten Paramount und Kissel in die Blätterwelt. Einigermaßen glaubwürdig hingegen sind die Angaben zum Auto: Den ziemlich großen Tourer Model 6-42 mit mittig montierter 3-Gang-Crashbox und einem Radstand von immerhin 320 cm (zum Vergleich: 1975 NSU Ro 80 286 cm, 2017 Audi Q7 282 cm) pullte eine 6 Zylinder-Maschine vom Motoren-Zulieferer Wisconsin, die aus 5578 cm³ um die 60 PS herausholte. Ausgeräumte Sitzmöbel schufen Platz für Gepäck und, falls notwendig, Schlafgelegenheit, so dass Anita den Sternenhimmel genießen konnte, ohne das Auto verlassen zu müssen – im Hinblick auf bösartige Wölfe sicherlich beruhigend.

Nach Irrfahrten in den Wüsten von Nevada und Utah und den üblichen Zwangsaufenthalten im Schlamm grundloser „Straßen“ weiter östlich landete das Paramount Girl nach 5231 Meilen (8417 km) und 48 Tagen in New York. Damit war Alleinfahrerin Anita 12 Tage schneller in dieser neo-amerikanischen Sportart als das Frauenteam um Alice Ramsey 6 Jahre zuvor, obwohl sie wegen häufiger Ausflüge zu südlich und nördlich ihrer Strecke gelegenen Kinos deutlich mehr Meilen abspulte als Alice.  

Lange allerdings konnte sich Anita ihres Rekords nicht erfreuen, und auch ihr Solo darf, ohne ihr fahrerisches Können und ihre körperliche Konstitution anzweifeln zu wollen, relativiert werden. Denn auf den prospektierten Teilstrecken des 1913 begonnenen und 1915 fertiggestellten Lincoln Highways, Nordamerikas erste durchgehende Straßenverbindung von Ost nach West, tummelten sich schon 1910 durchschnittlich vier Coast-to-Coast-Autos pro Monat mit möglicherweise Solo-Fahrerinnen unter ihnen, die wegen fehlender Sponsoren namenlos blieben.

Text: Erik Eckermann

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