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Frühe Fernfahrten

Blanche in der Publicity-Mühle

Blanche Stuart Scott auf 1910 Overland 25 HP. Zwischen den Vorderfedern Acetylen-Behälter zur Speisung der Scheinwerfer, hinten Riesen-Kofferraum mit Aufschrift „The Car, the Girl and the Wide, Wide World“. 


Ein Blick zurück zeigt zwar die Dominanz der Männer in der Pionierzeit des Automobilismus, doch die Frauen waren keineswegs nur Zuschauerinnen. Einige wagten die Fahrt durch die amerikanische Landmasse – noch zu Indianerzeiten.

In unserem letzten Beitrag ging es um Alice im Abenteuerland. Doch da ist noch jemand mit dem Anspruch, als erste Frau den Kontinent durchquert zu haben, nämlich Blanche Stuart Scott (25). Nur ein Jahr später, 1910, als die Erinnerung an Alices Tour bei Publikum und Presse noch hätte präsent sein müssen, beharrten Blanche und mit ihr Sponsor Willys-Overland auf „the first crossing by a woman“. ‚Alternative Fakten‘ sind demnach, um in den USA zu bleiben, keine neuartige Masche des Oberhäuptlings vom Stamme der Bleichgesicht-Trashtrumpians.

Auch ging es Willys-Overland weniger um die Langstreckenfahrt als solche als vielmehr um eine Publicity-Tour. Denn Blanche steuerte so viele Städte und Kommunen wie möglich an, mäanderte von einem Overland-Händler zum anderen und beglückte diese darüber hinaus per Telegramm über den täglichen Reisefortschritt. Den übertrugen die Händler umgehend auf einen Overland aus Pappkarton, der auf einer Kontinent-Karte in den Schaufenstern Blanches jeweiligen Standort anzeigte – zum Höllenärger der Konkurrenz. Deren Agenten begleiteten Blanche auf Teilstrecken in der Hoffnung auf einen mechanischen Defekt, den sie publizistisch auszuschlachten gedachten, und boten sogar 5000 Dollar für den Wechsel von Overland zu einem Konkurrenzfabrikat. Mit anderen Worten: Willys-Overland hatte mit seiner Amazone einen Coup gelandet, der den anderen Autobauern einschließlich Maxwell richtig auf den Magen schlug.

Inzwischen kämpfte sich Blanche von Cleveland bis Indianapolis durch, durfte auf Barney Oldfields ‚Green Dragon‘ eine Runde drehen, schlug dann aber einen Haken zurück nach Toledo, dem Sitz der Willys-Overland Company. Kein Wunder, dass Blanche, der ein Hang zu den VIPs nachgesagt wird und die selbst gerne eine solche werden wollte, 68 Tage für die Strecke New York City bis San Francisco benötigte, fünf Tage länger als ein Männerteam sieben Jahre zuvor.

Auch Blanche war nicht allein. Sie saß zwar, wie Alice, die ganze Strecke selbst am Lenkrad, doch bis (vermutlich) Toledo begleitete sie Amy Phillips, den Rest der Fahrt deren jüngere Schwester Gertrude Phillips (23). Und wie bei Alice war auch ein PR-Mann (von Willys-Overland) zur Stelle, der Blanche im eigenen Auto oder auf der Bahn begleitete, die Motor- und allgemeine Presse mit Artikeln bombardierte, Empfänge in jeder Kommune veranstaltete und Blanche später heiratete, wenn auch nicht für lange.

Beim Auto handelte es sich um einen weißen Overland-Roadster (4 Zylinder, 25 HP) mit im Heck aufgesetztem Kofferkasten und ausgerüstet mit dem üblichen Überland-Zubehör wie Flaschenzug, Ersatzreifen, Reifenkompressor und Kanister für Wasser, Öl und Benzin. Anders als die unbewaffnete Alice verließ sich Blanche auf einen automatischen Revolver von „furchterregendem Aussehen“ und ließ sich unterwegs, wie praktisch, eine für die Notdurft umgebaute Magenpumpe ins Auto montieren. Neben Reifenwechseln, die Blanche meist gaffenden Männern anvertraute, falls in der Nähe, brachen Holzspeichen, die beiden Vorderfedern und wohl einiges mehr, worüber sich jedoch Willys-Overland und Blanche ausschwiegen. Zurück (per Bahn) in New York ließ sie sich von Flugpionier und Flugzeugbauer Glenn Curtiss als Pilotin ausbilden und gehört damit zu den ersten fliegenden Frauen in den USA. Ihre Kontinentfahrt, so gab sie später zu, war doch nicht so schwer wie vorher angenommen, doch Alices Fahrt ein Jahr zuvor betrachtete Blanche Zeit ihres Lebens als ‚Fake News‘. Schade. 

Text: Erik Eckermann
Bildquelle: The First Coast-to Coast Auto Trips by Women 1899-1916. Jefferson/NC London 2000. 

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