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Frühe Fernfahrten

Alice im Abenteuerland

Alice Ramsey (am Lenkrad) auf 1909 Maxwell 30 HP. Neben und hinter ihr die Schwägerinnen Nettie Powell und Margaret Atwood, im Fond links Freundin Hermine Jahns (19). Das MBMC auf dem Wimpel steht für Maxwell-Briscoe Motor Company.


Ein Blick zurück zeigt zwar die Dominanz der Männer in der Pionierzeit des Automobilismus, doch die Frauen waren keineswegs nur Zuschauerinnen. Einige wagten die Fahrt durch die amerikanische Landmasse – noch zu Indianerzeiten.

Alice im Abenteuerland

Erinnert sei an die Journalistin Louise Hitchcock Davis, über deren Fahrt 1899 ich an dieser Stelle Tinte verspritzt habe. Hatte Louise, die ihre Kondition als eisern und ihre Nerven als stählern einschätzte, gleichwohl anderen Frauen eine Transcontinental Tour nicht zutrauen mochte, noch einen Mann an Bord, so stürzten sich bis 1916, um in der amerikanischen Vorkriegszeit zu bleiben, nicht weniger als vier Damenteams ins Wagnis eines Coast to Coast-Trips.

Unter ihnen die 22-jährige Mutter Alice Ramsey, die 1909 mit drei wagemutigen Begleiterinnen auf 4-Zylinder Maxwell 30 HP Amerika von New York nach San Francisco aufrollte. Für die 3800 Meilen (6114 km) benötigte Alleinfahrerin Alice 60 Tage inklusive Zwangsaufenthalte und einer Nachtfahrt (mit Acetylenlicht). Alice war damit die erste Frau, die den Kontinent am Lenkrad eines Automobils bezwang – Luise hatte ihre stählernen Nerven schon in Chicago verloren.

Im Gegensatz zu Louise und ihrem Mann John Davis, deren Fahrt zehn Jahre zuvor von zwei Zeitungen finanziert und organisiert worden war, fuhr Alice im Auftrag der Maxwell-Briscoe Motor Co. Deren Verkaufschef war von Alices schneidigem Fahrstil schwer beeindruckt und erhoffte sich von einer Coast to Coast-Tour nur mit Ladies landesweites Aufsehen. Also übernahm Maxwell Finanzierung und Organisation und stellte einen Journalisten ab, der das Damenteam zum Teil im Auto, zum Teil auf der Eisenbahn begleitete. Er passte auf, „that no harm befalls the ladies“, fütterte die Presse mit Alices Abenteuern, arrangierte Hotelübernachtungen, brachte die im weiteren Umkreis an der Strecke liegenden Maxwell-Händler auf Trab und verschwieg mechanische Schäden am Auto. Die jedoch sollen sich mit streikendem Magnetzünder, verbogener Vorderachse, gesprengten Federauflagen und elf zu Tode radierten (Atlas-)Reifen in Grenzen gehalten haben, wie Alice in ihren erst 1961 herausgebrachten Erinnerungen Veil, Duster, and Tire Iron berichtete.

Sie schrieb auch von den von Dauerregen aufgeweichten Pisten, von unterirdischen Gangsystemen der Präriehunde, die die Vorderachse verbogen, von reifenmordenden Tal- und Flussüberquerungen auf den Schwellen der Eisenbahnbrücken sowie von metertiefen Auswaschungen, die Brems- und Kupplungsbeläge verdampfen ließen. Doch insgesamt blieben die Zwischenfälle auf Normalmaß – auch dank der Hilfe der Maxwell-Händler. Diese reparierten oder überholten das Auto, während sich die girls, wie Alice scherzhaft ihre Reisebegleiterinnen nannte, in den Hotels erholten, oder schickten einen Monteur ins Nirgendwo, der dort eine der beiden gebrochenen Achswellen austauschte. Glück gehabt auch bei der Begegnung mit Indianern: Mit Pferd, Pfeil und Bogen jagten sie Hasen, keine Squaws.

Nach einem triumphalen Empfang in San Francisco kehrten die vier Frauen per Bahn an die Ostküste zurück. Alice, die in den Folgejahren mehr als dreißig Mal – hier hörte sie das Zählen auf – den amerikanischen Kontinent im Auto bezwang, wurde später von den drei großen historischen US-Autoclubs als Ehrenmitglied geführt und von der American Automobile Association als ‚Woman Motorist of the Century‘ geadelt.

Text: Erik Eckermann
Bildquelle: Curt McConnell: A Reliable Car and a Woman who knows it. 

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