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Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Bugatti, le Pur Sang, das Vollblut – oder der Witwenmacher


Vive la marque, es lebe die einzig wahre Marke! Zu dieser schlicht-spektakulären Aussage ließen sich die Bugattisti schon immer gerne hinreißen. Es ist für sie mehr als nur ein Automobil, das wird ganz schnell klar, wenn man mal etwas genauer hinsieht. Und für manche ist es sogar eine Religion. Aber was macht diesen Reiz eigentlich aus?

Es ist die einzigartige Mischung aus technischer Meisterschaft, von legendären Erfolgen gekrönt, von extravaganter Lebensart und schließlich einer großen Tragödie.  

Mittelpunkt war Ettore Arco Isidoro Bugatti, Sohn eines Möbeldesigners, geboren 1881 in Mailand, der früh schon als Automobilkonstrukteur in Mailand, dem Elsass und in Köln bei den Deutzer Motorenwerken tätig wurde. Bugattis Konstruktion Nr. 10 entstand im Keller seiner Villa in Köln-Deutz, und sie war der Urtypus des Vollblutes, des „Pur Sang“, wie er es nannte. Kurz zuvor hatte er nämlich die Leichtbaukonstruktion eines kleinen Rennwagens der Mailänder Firma Isotto Fraschini erlebt, was einen bedeutenden Sinneswandel bei ihm auslöste: „Gewicht ist der Feind“, das wurde sein Credo der frühen Jahre, und Ettore Bugatti lag damit genau richtig. Bis heute.

1909 machte er sich im Elsässischen Molsheim selbstständig, und sein Typ 13 wurde als Leichtgewicht ein großer Erfolg, der als erstes Modell den Namen „Bugatti“ auch auf dem Kühler trug. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Typ 13 weiter gebaut. Die ganz große Stunde des Ettore Bugatti schlug schließlich 1921 beim Gran Premio in Brescia, als er mit seinen zuverlässigen Leichtgewichten einen spektakulären Vierfachsieg erringen konnte! Dazu reichte damals ein Vierzylinder – Sechzehnventiler von 1453 Kubikzentimetern und lediglich 30 PS, aber das Auto wog auch nur 300 Kilogramm.

Dann kamen die goldenen Jahre. 1924 erschien der wohl berühmteste Bugatti, der Typ 35 mit Reihenachtzylinder, und er soll bis heute (!) der erfolgreichste Sportwagen aller Zeiten sein, mit über 1.000 Rennsiegen. In Molsheim residierte der Patron im Château St. Jean, sammelte kostbare Rennpferde und fuhr mit riesigem Tross und Champagner-Kisten an die Rennstrecken. Und doch, die Konkurrenz schlief natürlich nicht, folgenschwer schlug auch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zu. Das Prestigeprojekt Typ 41 „Royale“ fand nur zwei Käufer, der 12,8 Liter-Achtzylinder war einfach zu kostspielig.

Alfa Romeo und Maserati, aber auch Mercedes-Benz und die Auto-Union bauten für den Rennsport immer stärkere Motoren. Bugatti antwortete 1931 mit dem Typ 51, einem Roadster mit dem charakteristischen spitzen Bootsheck, Reihenachtzylinder mit doppelt obenliegenden Nockenwellen und 160 PS aus knapp 2300 Kubikzentimetern. Aber die gigantischen Förderprogramme der faschistischen Mächte Italiens und bald auch Deutschlands unterstützten die eigenen Firmen mit großen staatlichen Summen. Wer sollte da noch mithalten können?

Ettore Bugatti verließ seinen bewährten Weg des Leichtbaus im Rennsport und kreierte den Typ 54, ein Monstrum von fast fünf Litern Hubraum und gut 300 PS. Aber 1931 gab es noch keine passende Bereifung für eine solche Leistung. Der schwere Rennwagen war ebenso schwer zu fahren. Bald gab es Tote, und die Engländer verpassten dem Typ 54 den wohl unrühmlichsten Spitznamen der Bugatti-Geschichte: „The widowmaker“, der Witwenmacher.

Dazu lässt sich übrigens mal ein schauriges Kapitel des Motorsports beleuchten. September 1933, Großer Preis von Italien im Autodromo di Monza, im königlichen Park im Nordwesten von Mailand. Berüchtigt ist der Hochgeschwindigkeitskurs von Beginn an, seit Eröffnung im Jahre  1922. Damals kam bereits im Training zum allerersten Rennen der erste Rennfahrer, der deutsche Gregor „Fritz“ Kuhn, ums Leben. 1928 reißt Emilio Materassi gleich 22 Zuschauer mit in den Tod.  Die Vollgas-Strecke, die heute noch zu gut 70 Prozent ungebremst gefahren wird, erlaubt bis zu 370 Stundenkilometer in der Formel 1! Das ist ein Rekord von 2004, Rubens Barrichello auf Ferrari.  

Aber zurück nach 1933. Graf Carlo Felice Trossis Duesenberg verliert Öl und die Streckenposten schütten Sand zum Abbinden darüber. Unmut kommt bei den Fahrern auf. Aber die vielen Zuschauer haben schließlich bezahlt! Los geht’s also und in der Curva Sud kommt der Führende Giuseppe Campari auf Alfa P2 von der Strecke ab und ums Leben. Beim Ausweichmanöver gerät auch sein Verfolger Mario Umberto Baconin Borzacchini im Maserati 8CM auf die sandige Ölspur. Er stirbt im Krankenhaus. Dennoch: kein Rennabbruch.

Kurz darauf verunglücken Nando Barbieri und Luigi Castelbarco an anderer Stelle.
Dann erreicht der polnische Graf Stanislaw Czaykowski im dritten Lauf die Curva Sud. Der Sieger des Großens Preises von Marokko überschlägt sich mit seinem Bugatti Typ 54, der Witwenmacher brennt aus, Graf Czaykowski hat keine Chance.

Was für Zustände im Motorsport, welch ein Wahnsinn. In Monza starb auch Wolfgang Graf Berghe von Trips. 1961 hatte er bereits die Hand am Weltmeisterschaftspokal. Der Rheinländer wäre der erste Deutsche Champion in der Königsklasse gewesen. Und noch viele andere; Doppelweltmeister Alberto Ascari, Weltmeister Jochen Rindt, Ronnie Peterson, tragische Namen von Weltruhm.

Für Bugatti waren die großen Jahre vorbei. Ettores Sohn Gianoberto „Jean“ übernahm 1936 die Firma, nachdem sich der Patron nach einem Streik seiner Arbeiterschaft angewidert nach Paris zurückgezogen hatte. Jean setzte auf Luxus und verschlankte die Produktion, indem er auf ein einziges Motorenkonzept zurückgriff. Der Typ 57 mit 3,3 Liter - DOHC-Reihenachtzylinder wurde das meistverkaufte Modell der 30er Jahre aus Molsheim. 1937 und 1939 gewann Bugatti zudem die prestigeträchtigen 24 Stunden von Le Mans. Am 11. August 1939 jedoch, am Vorabend des Rennens von La Baule, verunglückte Jean Bugatti bei einer Testfahrt im Siegerwagen von Le Mans. Er wurde nur 30 Jahre alt. Drei Wochen später begann der Krieg, die Deutschen besetzten das Werk und bauten dort Schwimmwagen. Ettore Bugatti starb 1947. Sein zweiter Sohn Roland versuchte ein Comeback von „la marque“, aber bis auf wenige Fahrzeuge mit Vorkriegsmotor wurde nichts mehr produziert.

Foto: Er begründete den Weltruhm des Ettore Bugatti: Der Typ 13 „Brescia“, benannt nach dem Vierfachsieg ebenda im Jahre 1921. Le Pur Sang, das Vollblut, so nannte ihn der Patron, der auch ein großer Pferdeliebhaber war.

Text und Foto: Achim Gandras

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