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Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Die Wanderdüne


Der Mercedes W 114/115 kam im Modelljahr 1968 auf den Markt. Daher ist er mit der letzten Ziffer bis heute inoffiziell als „Strich Acht“ ebenso bekannt wie beliebt. Bis 1976 sollte er fast zwei Millionen Käufer finden, was ihn zeitweise sogar zum Champion in der deutschen Zulassungsstatistik werden ließ. Das erste wirkliche Massenmodell von Daimler-Benz. Allerdings gab es ihn in ausgesprochen unterschiedlichen Ausführungen, wobei man kaum beim Hinsehen unterscheiden konnte, mit wie viel Leistung er unterwegs war. Mit sechs Zylindern und doppelt obenliegenden Nockenwellen brachte er es als 280E auf damals sehr stolze 185 PS. Auf der anderen Seite der Leistungsskala gab es ihn jedoch auch als Vierzylinder-Diesel mit zwei Litern Hubraum. 55 PS zerrten dann an den fast eineinhalb Tonnen des 200D, und das vielleicht auch noch mit Automatik. Schon hatte er im Volksmund sein Fett weg: die Wanderdüne.

Majestätisch erhebt sich der gigantische Sandhaufen gegen den Himmel, und über seinen Rücken pfeift der Wind und schiebt das Ding Körnchen für Körnchen voran. Unaufhaltsam. Obwohl man schon ganz genau hinsehen muss, um die Bewegung überhaupt wahrzunehmen. Ein genialer Scherz, den Nimbus der Wanderdüne einem Automobil anzuhängen. Aber doch schwingt auch eine gehörige Portion des Respekts mit. Langsam, aber unaufhaltsam ist er nämlich wirklich, der Mercedes Strich Acht, und als Diesel sowieso. Und diese Unaufhaltsamkeit kann man mit Zahlen belegen. Der Beweis ist matt und abgewetzt in Dunkelblau und steht im Stuttgarter Mercedes-Museum.

Es ist das Taxi von Gregorios Sachinidis aus Saloniki, ein W115 240D von 1976 mit 4,6 Millionen Kilometern auf der Uhr! Also sechsmal zum Mond und zurück oder 115 Mal um die Erde, mit gerade einmal drei Austauschmotoren... Natürlich kam diesem Wunder zugute, dass die Winter in Saloniki wohl ohne Feuchtsalz auskommen, denn die braune Pest hatte den „Strich Acht“ bei uns auf der Menüliste unter den besonders bekömmlichen Spezialitäten aufgeführt. Es gibt gar Leute, die behaupten, ein korrodiertes Exemplar sei aufgrund der komplexen Karosseriestruktur praktisch irreparabel. Wurde er aber gepflegt, dann macht er bis heute Freude, und das große Heer seiner Fans spricht dazu Bände.

Wie so viele andere Design-Ikonen der Sechziger und Siebziger Jahre wurde auch der „Strich Acht“ von Paul Bracq gezeichnet. Der berühmte Franzose, 1933 in Bordeaux geboren, war bereits ab 1957 „beim Daimler“ beschäftigt und seine klare Linie durchzog bald die gesamte Produktpalette. Mercedes W111 Coupé ab 1961, Mercedes W 113 SL „Pagode“ ab 1963, Mercedes W 100, der „600er“ ab 1964, Mercedes W 108 S-Klasse ab 1965 und schließlich der „Strich Acht“ ab Dezember 1967. Das Coupé kam 1969 hinzu. W115 hieß er als Vier- und Fünfzylinder, W 114 als Sechszylinder. 1973 erhielt das Auto eine Modellpflege mit geänderter Frontschürze, geriffelten Rückleuchten ohne Chromring und Wegfall der vorderen Ausstellfenster, was die auffälligsten Neurungen waren. Da war Paul Bracq allerdings längst im Dienst von BMW und zuständig für das neue Design der E 21-Dreier- und E 23 - Siebener-Reihe, ebenfalls echte Welterfolge.
Aber zurück zur Wanderdüne. Was für ein Spaß es war, auf den 280E das 200D-Schild zu pappen und auf jene Leute im Rückspiegel zu hoffen, die das Top-Modell nicht am Doppelrohr-Auspuff erkennen konnten. Halsbrecherisch wurde die Fuhre noch bei letzter Gelegenheit vorm steilen Berg überholt, um nicht mit annähernder Schrittgeschwindigkeit in einer schwarzen Rußwolke dahinter zu versinken. Dann allerdings der erstaunte Fluch über die Lichthupe im Rückspiegel, weil der DOHC-Sechszylinder mit 185 ganze 130 PS mehr hatte, als erwartet. Aber das waren ja auch noch ganz andere Zeiten, sagen wir jetzt und benehmen uns wieder artig mit wohlverdientem H-Kennzeichen auf Flanierfahrt.

Text und Foto: Achim Gandras

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