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Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Der Trabant, die Pappe


Schwer hat er es gehabt, der kleine Trabant aus Zwickau, wenn aus dem Westen hochnäsig auf ihn hinab gesehen wurde. Wirtschaftliche Schwierigkeiten hatten in der angejahrten DDR dafür gesorgt, dass er einfach zu lange gebaut werden musste. Als er hingegen 1957 das Licht der Welt erblickte, war er in seiner Klasse durchaus auf der Höhe Zeit. Fälschlicherweise wird übrigens oft behauptet, seine Karosseriebeplankung sei aus Pappe gewesen. Das allerdings stimmt nicht. Aber für einen legendären Spitznamen hat es jedenfalls gereicht: der Trabi, die Pappe!


Und dann die ganzen argen Witze von der Gehhilfe bis zum Lumpenpressling, und vom reichen Amerikaner, der das exklusivste Automobil der Welt haben will und in Zwickau fündig wird, weil man dort ganze 18 Jahre auf seinen Wagen warten muss! Er bestellt sofort und wird als West-Bonze natürlich umgehend beliefert, was ihn restlos überzeugt: „Das ist wirklich das exklusivste Auto der Welt! Sie schicken einem vorab sogar ein kleines Modell aus Plastik, Chapeau!“

Aber genug der Häme, denn das hat das Volksmobil aus der DDR dann doch nicht verdient. Bereits 1954 hatte man in Chemnitz, pardon, Karl-Marx-Stadt, den ersten Prototypen „P 50“ auf die Räder gestellt. Dieses Auto hätte man auch bestens im Westen verkaufen können, mit einem Lloyd oder Gutbrod hätte er gut im Wettbewerb stehen können: Vier echte Sitze, dazu ein 500-Kubik-Motor mit Frontantrieb, hinten sogar ein Kofferraum.

In Zwickau sollte das Mobil verfeinert werden und kam als „Trabant“ 1957/58 auf den Markt. Die selbsttragende Karosserie wurde dabei außen mit speziellen Teilen aus Faserverbundstoff beplankt, was ursprünglich sparsamer als teure Blechpressteile sein sollte. Dazu wurden russische Baumwollfaserreste mit einem Phenolharz auf Braunkohlenteer-Basis getränkt und heiß in einer Pressform gebacken. Anschließend wurden die Ränder passgenau abgesägt und verschliffen. Später sorgte das für große Schwierigkeiten in der Produktion, denn das Pressen und vor allem Aushärten dauerte natürlich sehr viel länger als das schnelle Knicken von Tiefziehblechen im Gesenk.

Um die Serienproduktion im großen Stil zu ermöglichen, wurden zwei ehemalige Fabriken der Auto-Union, Audi und Horch, zum „volkseigenen Betrieb“ VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau zusammengelegt. Die Zweizylinder-Zweitakter lieferte dazu der VEB Barkas aus Karl-Marx-Stadt, jenem Werk, das heute für Volkswagen in Chemnitz Motoren en gros produziert.

Der Trabant wurde mit seiner ersten Karosserie als P50 mit 500 Kubik und später P60 mit 600 Kubikzentimetern gebaut. 1964 erschien der P 601 in jener Form, die er fast unverändert bis zur Wende getragen hat.

Hatte sich eigentlich schon in den 60er Jahren abgezeichnet, dass der kleine Zweitakter veraltet war, so wurde er doch noch bis 1989 verbaut. Um 1980 solle es allerdings Versuche mit einem Motor von Daihatsu gegeben haben. Erst zur Wende kam ein Viertakt-Vierzylinder von Volkswagen zum Einsatz, aber nach Einheit und Währungsunion fiel die „Pappe“ praktisch zeitgleich in finstere Ungnade als Sinnbild eines hoffnungslos veralteten Systems. Waren die Wagen bisher immer gehegt und gepflegt worden, weil es einfach keine Alternative gab, stapelten sie sich nun sogar auf wilden Müllkippen am Straßenrand. Allein die hohe Produktionszahl von über drei Millionen Exemplaren sorgte für einen bis heute stabilen Bestand.

Inzwischen ist die Rennpappe Kult, keine Frage. Seltene Modelle, wie frühe P 50 und P 60, oder auch die Forst- und NVA-Kübelwagen als Cabriolets ohne Türen, gehen bereits wieder ordentlich ins Geld. Bleibt vielleicht noch zu erzählen, dass der berühmteste Trabi ein himmelblauer war, wie er in einem beliebten Schlager der DDR besungen wurde. Auch das lag an der Sparsamkeit: Die unvermeidlichen Pastelltöne an der Pappe benötigten weniger an teuren Farbpigmenten...  

Bild: Der Trabant P 601, die „Pappe“, hat es sogar als Sinnbild der deutschen Einheit bis ins italienische Automobil-Nationalmuseum in Turin geschafft.

Text und Foto: Achim Gandras

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