DruckenPDFBookmark

Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Von Schneewitchensärgen und „Menschen in Aspik“




Der rundum verglaste Schneewittchensarg aus dem Märchen der Gebrüder Grimm wurde immer wieder gern als Spitzname an besonders lichte Fahrzeuge vergeben, wie an den Volvo P 1800 ES von 1971, den Porsche 924 mit seiner gläsernen Heckklappe oder auch an den Wartburg  311/5, die „Campinglimousine“ aus den späten 50er Jahren. Der allererste Schneewittchensarg jedoch war mindestens drei Nummern kleiner: Es war der Messerschmitt Kabinenroller.

Deutschland, besser West-Deutschland, entstanden aus den drei Besatzungszonen nach dem verlorenen Krieg: das in manchen Späßen vielgerühmte „Trizonesien“. Und endlich geht es dort wieder bergauf! Erich Kästner spricht zwar grimmig vom „Motorisierten Biedermeier“, aber die Menschen haben das Elend doch auch wirklich satt. „Es müsse ja langsam mal gut sein“, so die Überschrift über das Vergessen und Verdrängen einer unseligen, aber glücklicherweise vergangenen Zeit. Der Kabarettist Wolfgang Neuss singt bald schon frech das Lied vom Wirtschaftswunder und spricht anstatt von Autos eher von klappernden Mühlen und Einsamkeitsgefühlen auf den leeren Straßen. „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder, jetzt kommt das Wirtschaftswunder, der deutsche Bauch erholt sich auch und wird bald wieder runder, jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik: Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg.“  

Eisbein in Aspik! Nie mehr trockenes Brot aus der Hungerration für Essensmarken! Und dazu vielleicht bald schon ein Fahrrad. Bezahlt mit der harten D-Mark der Währungsreform. Oder, besser noch, ein Moped. Nie mehr laufen – Quickly kaufen! Sie sehen schon, wir haben das Jahr 1953 erreicht. Auf der IFMA in Frankfurt ist soeben diese neue 49ccm-Leichtbauklasse vorgestellt worden. Es geht aufwärts.

Eisbein in Aspik. Fleischklößchen und buntes Cocktailgemüse in glibbernder Gallerte... 1953 ist ebenfalls das Jahr, in dem ein Star der Rollermobile das Licht der Welt erblickt. Mancher hat eben schon das nötige Kleingeld, um die Raten für einen überdachten Motorroller abzustottern. Natürlich gibt es den VW Käfer, aber der ist für viele einfach noch zu teuer. Es ist der nagelneue Messerschmitt KR 175 Kabinenroller auf drei Rädern, vorne zwei und hinten eines. Dazwischen zwei Sitze hintereinander und diese beschirmt durch eine Plexiglaskuppel, die seitlich aufgeklappt wird. 

Fritz Fend hat das Ding in Rosenheim erfunden, zuerst als kleinen „Flitzer“ für Kriegsbehinderte: Ein Einsitzer, mit Handbetrieb über Kurbelgriffe, doch bald schon mit 38- und später 98ccm-Motörchen. Das war 1948. Von dieser noch sehr provisorischen Konstruktion hörte auch Willy Messerschmitt, der berühmte Flugzeugbauer in Regensburg, der nach der Niederlage allerdings keine Flugzeuge mehr bauen durfte. Fend und er wurden sich einig. Allerdings mussten bald schon die Flugzeugingenieure ordentlich nachbessern, denn die ersten Modelle waren mit Direktlenkung und Behelfsfederung eher Katapulte für eine vorzeitige Himmelfahrt. 

Und doch sorgte der erste Messerschmitt Kabinenroller, der KR 175, vorgestellt im Frühling 1953 auf dem Genfer Salon, für großes Aufsehen. Ziemlich viel Flugzeug fand sich nun in dem Modell, bis hin zum Lenker, und vermutlich wollte Messerschmitt mit einigen Details an jene Zeiten erinnern, in denen man im zweistrahligen Messerschmitt ME 262-Düsenjäger noch von einer verspäteten Weltherrschaft geträumt hatte. Diese süffisanten Anspielungen waren dabei durchaus verbreitet. So nannte Egon Brütsch, Stuttgarter Pionier für selbsttragende Kunststoffkarosserien, 1956 einen kleinen Roadster tatsächlich „V2“. „Volkszweisitzer“ sollte das angeblich heißen, aber die Anlehnung an die „Vergeltungswaffe 2“, jene grässliche Mordrakete von 1944, klingelte in allen Ohren: „Hohoho, das ist aber gewagt“, flüsterte mancher hinter der vorgehaltenen Hand, aber irgendwie waren die alten Gespenster wohl noch reizvoll allenthalben.
Das ist jetzt allerdings ein guter Anlass, wieder mit Humor die Sache aufzugreifen. 

Der Messerschmitt Kabinenroller, der „Karo“ verkaufte sich blendend. Leicht und aerodynamisch, erst mit neun, später mit 200 ccm und 10,2 PS, erreichte das schlanke Fahrgerät locker die 100-Kilometer-Marke. Allerdings sorgte die opulente Plexiglaskuppel am kuriosen Gefährt schon bald für reichlichen Spott: „Schneewittchensarg“ wurde ihm verpasst, in Anlehnung an die märchenhafte Prinzessin, die scheintot von ihren sieben Zwergen im gläsernen Kasten auf den Berg im Wald getragen worden war.

Und dann die „Menschen in Aspik“! Die kamen noch obendrauf. Die Karo-Piloten glichen unter ihrer Käseglocke den Leckereien in Gelee und schon war auch dieser Spott geboren. Dem Erfolg jedoch tat das keinen Abbruch. Zwar stieg Willy Messerschmitt schon bald wieder aus, weil er mit Gründung der Bundeswehr 1955 wieder Flugzeuge bauen durfte. 

Ab 1957 firmierte Fritz Fend daher unter „Fahrzeug- und Maschinenbau Regensburg GmbH“, kurz „FMR“. Seinen größten Coup landete er im selben Jahr. Der „TG 500“, ein Karo auf vier Rädern mit 20 PS, der wie ein Gokart in der Kurve lag und für damals fabulöse 130 km/h gut war. Alle Welt nennt ihn bis heute den Tiger, aber „TG“ musste er genannt werden, weil sich die Firma Krupp den Namen hatte schützen lassen. Die Produktion des Tiger, und wir dürfen ihn ja so nennen, endete 1961 nach etwa 320 Exemplaren, andere Quellen sprechen von bis zu 950. Das allerdings dürfte großes Wunschdenken sein, denn viele TG 500 sind auch nachgebaut worden als gesuchte Raritäten, die mittlerweile sechsstellig bezahlt werden. Von den kleineren Modellen entstanden etwa 10.000 KR 175 und 40.000 mit 200er Motor. 

Im Juni 1964 war es dann aber endgültig vorbei. Für die kleinen Behelfsfahrzeuge gab es unter dem übermächtigen Käfer keinen Markt mehr. Fritz Fend (1920-2000) blieb seiner Idee jedoch Zeit seines Lebens treu. Noch 1999 stellte er den „F 2000“ vor, technisch in Anlehnung an seine dreirädrigen Klassiker des Wirtschaftswunders. Er sollte ein Unikat bleiben.

Text und Fotos: Achim Gandras

Hinweis


War dieser Artikel für Sie hilfreich?
2 von 2 Nutzern fanden diesen Artikel hilfreich

Weitere interessante Themen für Sie

Kauf & Verkauf

Informationen rund um Kauf & Verkauf, Zulassungsmöglichkeiten & Co. Mehr

Oldtimer-Urteile

Interessante Rechtsurteile zum Thema Oldtimer und Youngtimer. Mehr

– ADAC Produkte –

ADAC-AutoVersicherung

Jetzt bares Geld sparen mit dem Original! Sichern Sie sich mit der Auto-FamilienVersicherung, der ersten Kfz-Versicherung für Familienflotten, bis zu 12% Rabatt auf den Jahresbeitrag! Mehr





Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität