DruckenPDFBookmark

Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Glas V8 – der „Glaserati“


Der Glas V8, ein klassisches, viersitziges Gran Tourismo-Coupé mit italienischem Design von Frua, war ein echter „Donnerbolzen“ auf dem deutschen Markt in der Mitte der 60er Jahre. Dabei hatte sich der Hersteller, die Landmaschinenfabrik Hans Glas GmbH im niederbayrischen Dingolfing, nur zehn Jahre zuvor mit dem winzigen Goggomobil einen ersten Marktanteil erobert. Und nun das! Automobile Oberliga. Frechheit oder Geniestreich? Bald schon hieß der Glas V8 im Volksmund, durchaus mit einem Anflug von echter Ehrfurcht, „Glaserati“, in Anspielung auf die Grandezza seiner feinen italienischen Zeichnung.

Dingolfing in Niederbayern. Keine Gams, kein Murmeltier, nur flaches Land. Man meint, hier sei alles das, was Bayern im Prospekt nicht ist. Aber dieses vermeintliche Nichts hat einen goldenen Boden. Hier steht das größte BMW-Werk der Welt, mit über 18.000 Beschäftigten, die täglich bis zu 1.500 Automobile fertigen, dazu feine Rohkarossen der noblen Konzerntocher Rolls-Royce.

Aber wer weiß noch, wie es dazu gekommen ist? Wir haben es dabei mit einer der erstaunlichsten Geschichten der Automobilindustrie zu tun. Dingolfing in Niederbayern. Seit 1883 werden hier im Ortsteil Pilsting „Isaria“-Landmaschinen der Firma Glas produziert. Seniorchef Hand Glas und Sohn Andreas „Anderl“ Glas wittern nach dem Krieg jedoch schon früh den Boom und bauen ab 1951 den „Goggo-Motorroller“, benannt nach Georg „Goggo“ Glas, dem Enkel des Patriarchen. Das Ding mit seiner großen Nase wird zum Erfolg. 

Doch Hans Glas fährt der Legende nach im Gewitter-Sturzregen vom Oktoberfest in München nach Hause und sieht durchnässte Motorrad- und Rollerfahrer in schnatternden Menschentrauben unter Bäumen und Vordächern kauern. Ganz klar: Ein kleines Automobil muss her, viel billiger als der Käfer, aber ein richtiges Auto im Schrumpfformat, kein Dreirad wie der Messerschmitt Kabinenroller. Mit diesem Konzept vom „echten Auto“ wird das Goggomobil bei rund 280.000 Exemplaren zum größten Erfolg unter den Kleinstwagen des Wirtschaftswunders. 

Doch der übermächtige Käfer wird längst durch stabile Preise in der riesigen Serie zur großen Bedrohung. Glas denkt etwas größer und baut den Isar, das „Große Goggomobil“ mit 600 und 700 Kubik. Es ist ein Flop, denn ein Goggomobil ist eben jener Winzling, den man nun nicht mehr fahren will. Glas denkt noch größer. Es folgen 1004, 1204 und 1304, dazu der 1700. Glas baut den weltweit ersten Serienmotor mit obenliegender Nockenwelle, die von einem Zahnriemen angerieben wird. Dann die Sensation: Ein atemberaubendes Coupé, auch als Cabrio zu haben, 1300 GT und 1700 GT, 1963 vorgestellt auf der IAA in Frankfurt. Gezeichnet von Pietro Frua in Turin. 

Und weiter geht die Flucht nach vorne, denn eigentlich ist die Kapitaldecke viel zu dünn. Glas will in die Oberklasse. Ein Sechszylinder soll her. Da man aber schon die fertigen Zylinderköpfe des 1300er-Vierzylinders hat, nimmt man eben zwei davon und baut einen V8 mit 2600 Kubikzentimetern. 140 PS in der Vorserie, dann 150. Die Karosserie des ebenfalls von Frua gezeichneten Grand Tourismo-Coupés erinnert sehr an den Maserati Quattroporte I von 1963, stilbildend auch für die zweite Serie des Maserati Sebring von 1965. Klar, das Aufsehen ist beträchtlich. Aber die Kassen sind leer. Im August 1966 ist der Glas 2600 V8 auf dem Markt, im November schon verkauft die Familie Glas ihr Unternehmen an BMW. Unter Münchner Federführung werden einige Glas-Modelle noch weiter gebaut. Zum Beispiel das GT-Coupé als BMW1600 GT mit dem BMW-M10-Motor aus dem BMW 1600 TI. Der V8 wird aufgebohrt auf drei Liter und leistet nun 160 PS. So wird er als BMW 3000 V8 noch bis Mai 1968 gebaut. Insgesamt entstehen lediglich 706 Exemplare. Der letzte Glas jedoch wird ein Goggomobil sein, das 1969 vom Band läuft.

Übrigens blieb Hans Glas Junior, ein Bruder von Georg „Goggo“ Glas, noch lange in der Werksleitung. Und der Konstrukteur des Goggo-Rollers, Karl Dompert, ebenfalls. Ihm hat die niederbayrische Region sehr viel zu verdanken. Als BMW ein Werk für die neue 5er-Serie in Landshut plante, konnte Dompert die Unternehmensführung von Dingolfing als Standort überzeugen. Im September 1973 lief dort der erste neue 5er vom Band. Heute ist Dingolfing das größte Werk des BMW-Konzerns. 

Text und Foto: Achim Gandras

Hinweis


War dieser Artikel für Sie hilfreich?
77 von 77 Nutzern fanden diesen Artikel hilfreich

Weitere interessante Themen für Sie

Kauf & Verkauf

Informationen rund um Kauf & Verkauf, Zulassungsmöglichkeiten & Co. Mehr

Oldtimer-Urteile

Interessante Rechtsurteile zum Thema Oldtimer und Youngtimer. Mehr

– ADAC Produkte –

ADAC-AutoVersicherung

Jetzt bares Geld sparen mit dem Original! Sichern Sie sich mit der Auto-FamilienVersicherung, der ersten Kfz-Versicherung für Familienflotten, bis zu 12% Rabatt auf den Jahresbeitrag! Mehr





Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität