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Fahrzeuge und ihre Spitznamen

Victoria Spatz, der Feuervogel


Der Spatz war ein kleiner dreirädriger Roadster mit Kunststoffkarosserie, den der Stuttgarter Tüftler Egon Brütsch entwickelt hatte. Nach einer grundlegenden Überarbeitung durch einen Lizenznehmer kam er 1956 auf  den Markt. Das Auto war hübsch geschnitten und die Erwartungen waren groß. „Achtelcorvette“ hieß er intern, ein Roadster aus Kunststoff, wie der dicke V8 aus den USA, aber mit Einzylinder-Zweitakt-Motor. Flüchtlingsporsche nannten ihn ruppige Geister, was wirklich nicht nett war. 

Dann aber begab sich der berühmte Motorjournalist Ernst „Klacks“ Leverkus mit dem kleinen Gefährt auf Testfahrt. Das Motörchen hinter dem Sitz im engen Kasten, der Tank darüber, alles im hochentzündlichen neuen Gehäuse, das vielleicht sogar noch Lösungsmittel ausdünstete, wer weiß. 
Klacks erlebte fassungslos, wie ihm der Spatz nach ein paar Kilometern praktisch unter dem Hintern abbrannte. Aus der Achtelcorvette machte er keinen Firebird, aber zumindest einen Feuervogel, andere lachten über ihn als Brathähnchen.
Der Verkauf lief danach schleppend, um es vorsichtig zu formulieren.

Anfang der Fünfziger Jahre experimentierte der US-amerikanische Segelbootbauer Bill Tritt im kalifornischen Santa Ana mit einem neuen Verbundwerkstoff. In Polyesterharz getränkte Glasfasermatten klebte er in eine Negativ-Form und baute so die ersten Kunststoff-Boote. 

Bald folgte mit dem Glasspar-Roadster das erste entsprechende Automobil in einer Mini-Auflage. Die Kaiser Motor Company in Michigan baute daraufhin mit Kunststoff-Body den Kaiser Darrin, ein Cabriolet in Kleinserie mit Aufsehen erregenden Schiebetüren. 

Dann kam der Welterfolg mit der Chevrolet Corvette, jenem uramerikanischen Sportwagen, der seit Juni 1953 in der inzwischen 7. Generation ununterbrochen gebaut wird. Und seit dem ersten Tag an war die Karosserie der Corvette aus Kunststoff.

Egon Brütsch aus Stuttgart muss diesen neuen Traumwagen damals gesehen haben. Und er erkannte, dass man mit der Verwendung von Kunststoff die extrem teuren Presswerkzeuge für den Karosseriebau in Stahlblech vermeiden konnte. Das war der Weg zum günstigen Automobil!

1954 baute er den Spatz. Zwei Schalen aus Kunststoff, die mit einer Gummidichtung verschraubt wurden. Das Fahrwerk befestigte er kurzerhand an der Kunststoffschale, um noch mehr Gewicht zu sparen.

Der Unternehmer Harald Friedrich, Chef der bis heute erfolgreichen Werkzeugmaschinen-Fabrik Alzmetall am Chiemsee, erkannte das Potenzial und kaufte von Brütsch die Lizenz. Allerdings zeigten sich nach der ersten Probefahrt über holprige Feldwege massive Risse in der Haut des kleinen Dreirads. So konnte er das Auto nicht verkaufen, wie ihm klar wurde. Aber er wusste Rat. In München lebte der damals bereits 77-Jährige Hans Ledwinka, Konstrukteur des berühmten Stromlinien-Wagens Tatraplan, der gern die Überarbeitung des Spatz in die Hand nahm, um daraus allerdings eine Taube auf dem Dach zu machen.

Als Rückgrat bekam das Wägelchen einen Zentralrohrrahmen, damit die Karosserie nichts mehr zu tragen hatte. Außerdem wurde das Heck geändert, weil ein zweites Rad kaum teurer war und Harald Friedrich unbedingt ein „richtiges“ Auto haben wollte, weil es immerhin knapp 3000 DM kosten musste.

Die Produktion begann in Traunreut unter dem Markennamen BAW, Bayerische Autowerke GmbH. Friedrich holte sich die große Firma Victoria aus Nürnberg mit ins Boot, die soeben das Ende des Motorrads in Deutschland und somit den Verlust ihres Kerngeschäfts erleben musste. Alle wollten inzwischen Auto fahren. Victoria überarbeitete den Spatz gleich noch einmal. Der Sachs-Motor mit 200 ccm und 10,2 PS wurde gegen einen eigenen ausgetauscht, der bei 250ccm 14 PS leistete. So stand er nun als kleiner Mittelmotor-Roadster mit drei Sitzen nebeneinander da. Aber bei geschlossenem Verdeck kam man wegen der fehlenden Türen kaum hinein, dazu die regelmäßigen Brände, obendrein noch der Krach mit dem Erfinder Egon Brütsch, der Lizenzgebühren kassieren wollte. Das sah Harald Friedrich nicht ein, schließlich war das Auto zweimal komplett überarbeitet worden. Er stieg entnervt aus der Geschichte aus. Der Spatz wurde als Victoria 250 von 1957 bis 1958 gebaut, dann wurde die Produktion an die Firma Burgfalke verkauft, die im steigenden Wohlstand jedoch keine  Fahrzeuge mehr realisieren konnte. Vom Spatz entstanden daher insgesamt keine 1600 Exemplare.

Heute ist er eine sehr gesuchte Rarität. Und wenn Sie tatsächlich mal einen sehen sollten: Wetten, dass ein frisch gewarteter Feuerlöscher irgendwo griffbereit darin zu finden ist?

Text und Foto: Achim Gandras

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