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Der legendäre "Blue Train"

Die Spitznamen unserer Automobilen Schätze

Das Bentley Speed Six Sportsman Coupé mit Karosserie von J. Gurney Nutting ließ Woolf Barnato  1930 zur Erinnerung an seinen Sieg gegen den Blue Train anfertigen. The „Blue Train“ kam so als Kurzform für diesen Wagen auf.
Das Fahrzeug mit dem extravaganten Heck ist bereits mehrfach nachgebaut worden. Die Spezialisten von Bob Petersen Engineering fertigen diese Modelle wie früher von Hand.
„Old Number One“, das Original. Mit diesem Bentley Speed Six gewann Woolf Barnato 1929 und 1930 in Le Mans. 1928 war er bereits mit einem Bentley 4 ½ siegreich. Niemand sonst hat es je geschafft, in Le Mans nur dreimal anzutreten und dreimal zu gewinnen.


Es ist eine der wirklich guten alten Geschichten mit dem Duft nach Brandy, Benzin und Brazil, von Connolly-Leder und Chesterfield-Clubsesseln auf schweren Teppichen, geliefert von der East India Company: Die legendäre Geschichte vom „Blue Train“ und Woolf Barnato, jenem Mann, der sich im März 1930 an der französischen Côte d´Azur nach einem gepflegten Drink im Hotel Carlton gelassen hinter das Volant seines Bentley Speed Six Mulliner Saloon bequemte, um das bis heute unvergessene Rennen gegen den Nachtexpress von Cannes nach Calais, „Le Train Bleu“, zu gewinnen.

Dieser Schnellzug verband seit 1886 die Kanalküste mit dem sonnigen Süden, und wohlhabende Briten nutzten ihn gerade in den Wintermonaten reichlich, um dem Regen und Nebel der Insel zu entfliehen. Im Winter 1922 bekam dieser „Calais-Méditerranée-Express“ neue Schlafwagen mit eleganter Metall-Beplankung, edel in dunklem Blau mit goldener Beschriftung: die Geburtsstunde des „Blue Train“. Man fuhr nach Dover, setzte mit der Fähre über den Kanal und bestieg den Zug in Calais, um über Paris, Dijon und Lyon nach Marseille und von dort an der Küste entlang bis nach Monte-Carlo und Endstation Ventimiglia zu fahren.

Und was kann nur passieren, wenn englische Sportsmen eine Herausforderung wittern? Sie wetten. Und dann geht es los. Den ersten Ritt gegen den Blue Train wagte man im Januar 1930 mit einem Rover Light Six, der prompt nach rund 750 Miles, 1210 Kilometern, das Rennen mit einer Stunde Vorsprung gewinnen sollte. Im März prügelte der nächste seinen Alvis Silver Eagle über die Schotterpisten quer durch Frankreich und fuhr ganze drei Stunden Vorsprung heraus. Dergleichen konnte einen Woolf Barnato wohl nicht mehr reizen. Hatte er doch zum zweiten Mal in Folge auf Bentley die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. 1928 mit dem Viereinhalb-Liter, 1929 mit dem Speed-Six und 1930 gleich noch einmal, aber dazu musste es erst Frühsommer werden. Genug Zeit also für ein anderes Abenteuer.

Woolf Barnato gehörte in die Riege der fabelhaften Bentley Boys. Waghalsige junge Männer aus bestem Hause, die als Privatfahrer auf Bentley einen Sieg an den nächsten reihten. 1929 war ihr wohl größtes Jahr, als in Le Mans die Plätze eins, zwei, drei und vier von ihnen belegt wurden. Technischer Vater dieses einmaligen Erfolges war Walter Owen Bentley (1888-1971), Maschinenbauer bei der Eisenbahn und Flugzeugführer der Royal Air Force im Ersten Weltkrieg. 1919 präsentierte er sein erstes Automobil, ab 1921 gab es eine Serienfertigung in Cricklewood, einem Stadtteil im Nordwesten von London. Bentley, selbst begeisterter Rennfahrer, kam jedoch bereits 1925 in finanzielle Schwierigkeiten. Woolf Barnato, Sohn eines steinreichen Diamantenhändlers, war so überzeugt von den Qualitäten der Rennwagen, dass er mit einer großen Finanzspritze den Laden übernahm. Ein Jahr darauf, 1926, erschien der Bentley 6 ½, 1928 dessen leistungsgesteigertes Nebenmodell Speed-Six, erfolgreichster Bentley im Rennsport überhaupt. In der offenen Version hatte Woolf Barnato 1929 Le Mans gewonnen, mit einem geschlossenen Saloon mit Karosserie von Mulliner ging er nun ins Rennen gegen den Blue Train. Wie schon erzählt, verließ der Zug am 13. März 1930, pünktlich um 17.45 Uhr den Bahnhof in Cannes. Barnato und sein Beifahrer Dale Bourne leerten ohne Eile ihre Drinks und begaben sich zum Auto. 100 Pfund Sterling hatte Woolf Barnato gewettet. Aber natürlich war das Rennen bis zur Kanalküste für ihn keine Herausforderung mehr. Um so etwas sollten sie sich im Rover oder Alvis kümmern. Er jedoch hatte gewettet, zur Ankunft des Blue Train in Calais bereits in seinem Conservative Club in London, 74 St. James Street zu sitzen!

Von Dover bis London sind es rund 120 Kilometer, und eine moderne Fähre von heute benötigt für die rund 32 Kilometer durch den Ärmelkanal noch immer eindreiviertel Stunden.

Die beiden rasten also durch die Nacht in Frankreich. Ab Lyon regnete es in Strömen, morgens um halb fünf suchten sie in Auxerre nach Benzin, später gab es dichten Nebel und hinter Paris mussten sie ihr einziges Ersatzrad aufziehen. Am Morgen erreichten sie gegen 10.30 Uhr die Küste bei Boulogne. Dann eine quälend lange Kanalüberquerung mit dem Schiff.
Um 15.30 Uhr parkten Barnato und Bourne den Speed Six vor dem Club in London. Exakt vier Minuten später erreichte der Blue Train den Bahnhof von Calais. Das war eine Geschichte so ganz nach dem Geschmack der britischen Sportsmen. Die Franzosen allerdings fanden das gar nicht lustig und verboten Bentley einen Auftritt auf dem Pariser Salon des Jahres 1930 wegen eines nicht autorisierten Rennens quer durchs Land. Le Mans allerdings gewann Barnato dennoch gleich noch einmal, mit dem Speed Six aus dem Vorjahr, „The Old Number One“.

Zur Erinnerung an das Rennen gegen den Blue Train ließ Barnato einen weiteren Speed Six bei J. Gurney Nutting in der Londoner Elystan Street einkleiden. Das „Sportsman Coupé“ mit flacher Verglasung und Schrägheck ist einer der spektakulärsten Bentley, der je gebaut worden ist.
Auffällig daran ist auch die gepolsterte Außenhaut aus Kunstleder, ein Patent des Flugpioniers Charles Weymann. Diese Konstruktion verband den Leichtbau mit dem Vorzug, dass der gepolsterte Aufbau auch auf schlechtesten Straßen nicht klapperte, weil die Leiterrahmen jener Zeit noch nicht sehr verwindungssteif waren.

Nun, das Auto tauchte später auf einem Gemälde von Terence Cuneo auf, wie es knapp vor dem Blue Train in einer Staubwolke zum Sieg rast, wobei aufmerksame Beobachter eine kleine Maus  ausmachen können, die vor dem heranstürmenden Coupé die Flucht ergreift. So kam fälschlich in die Welt, dass Barnatos Sportsman Coupé eben jenes Auto gewesen sei, mit dem er das Rennen bestritten hätte. Das jedoch war ein gediegener Saloon mit Aufbau von H. J. Mulliner & Co aus Northampton.

1931 war das Bentley-Abenteuer vorbei. Die Weltwirtschaftskrise gab den wackligen Zahlen den Rest. Zuvor hatte man in Cricklewood noch einen gigantischen Achtliter der Öffentlichkeit präsentiert. Rolls-Royce kaufte den insolventen Betrieb und verlagerte die Produktion nach Derby, um dort den Namen Bentley mit gezähmten Autos weiterleben zu lassen. Daher gibt es heute für die Enthusiasten zwei Sorten Bentleys. Die aus Cricklewood und den Rest.

Text und Fotos: Achim Gandras        

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