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Rette sie wer kann - Borgward


Borgward baute auch Wagen der Spitzenklasse – weit entfernt von meinem eigentlichen Ziel, Mobile und Kleinstwagen zu erhalten.


  • Erst Stromlinie, zum Schluss Trapezform

    Jeder von uns trägt Bilder mit sich herum, die ihn so sehr beeindruckt haben, dass er sie sein Lebtag nicht vergisst. Da mache ich keine Ausnahme. Es muss um 1954 gewesen sein, ich hatte noch keinen Führerschein, Papi und Mami führten ihre neue Isabella aus, die sie gerade erworben hatten, und ich durfte mitfahren. Irgendwann wollten wir einkehren, und als wir vor das Gasthaus in Schwarzenbek kurvten, einem kleineren Ort östlich von Hamburg, stieg eine Familie gerade in ihren Borgward ein. Und das war ein Hansa 2400, ein außergewöhnliches Auto schon damals und kaum auf den Straßen zu sehen. Ich habe nur noch das Fließheck im Kopf – und die schlaksige Tochter mit ihren langen Beinen. Heiliger Strohsack, durchfuhr es mich, das musst Du auch haben. Wobei mir bis heute nicht klar ist, wen oder was ich da im einzelnen meinte. Wie dem auch sei: Gute 15 Jahre später fügte es sich, dass ein schlaksiges Mädchen mit langen Beinen meine Frau wurde und ein 2400 Fließheck meine Autosammlung bereicherte. Das Leben steckt voller Überraschungen.  


    Wie ich zu dem Mädchen kam, bleibt mein Geheimnis. Über den Hansa, den Borgward auch als Sport-Limousine bezeichnete, lässt sich hingegen sprechen: Seit seiner Neuzulassung im März 1953 tat er Dienst in einer Hamburger Mühlenbauanstalt bis 1957, danach bei nur zwei Besitzern im Schleswiger Raum. Der letzte wollte sich die Reparaturen ersparen, die nun allmählich fällig gewesen wären, und verkaufte mir den Wagen 1969, nicht eben billig. Ich wagte den Ritt auf eigener Achse zurück nach Hause, doch weit vor Hamburgs Toren blieb der Wagen mit rauchender Kupplung liegen. Das fand ich gar nicht lustig, zumal auch die Stoßdämpfer defekt waren, die Vorderachse ein Eigenleben führte, der Tacho surrte und, typisch Borgward, die Schaltung hakte. Also ab in die Garage und aufgebockt.


    Ab 1974 diente der Hansa mit dem Stromlinienheck als Lückenfüller im neu eröffneten Kleinwagenmuseum von Otto und Marianne Künnecke in Störy, von 1977 bis 1990 bereicherte er das Pett'sche Automuseum in Asendorf/Bremen, und 2002 ging er an einen Borgward-Sammler in Norddeutschland. Der hat ihn inzwischen restauriert und wieder auf die Straße gebracht.


    Wie es der Zufall so will – schon wieder eine Fügung – schneite mir kurz nach Fließheck Nummer 1 ein zweites Exemplar ins Haus, genauer gesagt, ich überführte einen Hansa 2400 Baujahr 1954 im Jahr 1970 auf eigener Achse von Waldshut im Schwarzwald nach München. Maschine, Getriebe und Hinterachse machten einen guten Eindruck, doch abgefahrene Reifen, weiche Stoßdämpfer und Luft im Bremssystem streckten die rund 400 km zu einer tagesfüllenden Veranstaltung. Auch dieses Auto, von Blechschäden schwer gezeichnet, übernahm der Borgward-Sammler vom schönen Rhein sieben Jahre später.


    Weil sich der Fließheck-2400 nur schwer verkaufen ließ, bot Borgward ab März 1953 auch eine Stufenheck-Version an. Die bezeichnete das Werk keck als Pullman, obwohl dessen wesentlichstes Merkmal, die Trennwand zwischen Fahrer- und Fondsitzen, normalerweise fehlte und nur gegen Aufpreis eingebaut wurde. 


    So ein Pullman Baujahr 1958 jedenfalls stand Mitte 1971 in auto motor sport zum Verkauf, worauf ich zum Telefon griff und Schalmeienklänge hörte, die der weit weg in Kassel wohnende Verkäufer später auch schriftlich von sich gab: Ein paar Reparaturen vorausgesetzt, hätte ich „ein zu 80% oder gar 90% neuwertiges Fahrzeug zur Verfügung … mit wenigstens der gleichen Lebensdauer moderner Fahrzeuge, die erfahrungsgemäß nicht mehr als 4 bis 5 Jahre vorhalten“. Er schloss sein Solo in der Gewissheit, dass „es sich bei uns um überzeugte Borgward Liebhaber handelt ... denn auch mir liegt daran, daß Sie in München mit Ihrem Pullman brillieren sollten, wie auch Ihre Frau Gemahlin sich des Vorzugs bewußt ist, sich in einem exklusiven, nur noch Wenigen zugänglichen Komfort-fahrzeug bewegen zu können“.


    Bei soviel Schmalz wurde ich weich – und unvorsichtig: Ich kaufte das Auto am Telefon, ohne es vorher gesehen zu haben. Das war noch nie vorgekommen. Die Frau Gemahlin war nicht erfreut, zumal ihr jetzt dank des Komfortfahrzeugs ein paar tausend Mark vom Haushaltsgeld abgingen. Um es kurz zu machen: Der Pullman ist noch heute in der Familie, doch um ihn weiterhin brillieren zu lassen, waren Investitionen erforderlich, die ein Vielfaches des Kaufpreises ausmachten. 


    Obwohl vom Pullman noch weniger verkauft werden konnten als vom Fließheck, ließ Borgward nicht locker und stellte 1959 den P 100 oder 2,3 Liter vor, von Werner Oswald als „technisch modern konzipiert und formal glänzend gelungen“ charakterisiert. Von ihm wurden bis zum Borgward-Konkurs 1961 knapp 2600 Stück gebaut, von denen einer von 1973 bis 1976 ein Gastspiel in meiner Scheune gab. Eine technische Besonderheit an diesem Wagen war die Luftfederung, die Borgward als erster europäischer Hersteller ab 1960 anbot. Einen solchen 'Airswing'-Wagen stellte ich 1973 sicher und verkaufte ihn 1976 unter Preis an einen überzeugten Borgward-Liebhaber, um den oben erwähnten Borgward-Flüsterer noch einmal zu erwähnen.


    Erik Eckermann  


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