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Vor 30 Jahren

Das letzte Aufblitzen der Hecktriebler

 

Drei Jahrzehnte ist es her, dass ein Fahrer mit einem heckgetriebenen Auto die Rallye-Weltmeisterschaft gewann: 1982 vollbrachte Walter Röhrl zusammen mit seine Beifahrer Christian Geistdörfer das scheinbar unmögliche Kunststück auf einem Opel Ascona 400.

Mit zwei Siegen und sechs Podestplätzen hielt er die Armada der favorisierten Audi quattro mit dem überlegenen Allradantrieb in Schach. Denkbar knapp sicherte er sich den Titel im letzten Lauf vor der Französin Michèle Mouton.


  • Herzschlagfinale in Afrika

    Rallye Elfenbeinküste 1982. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer liegen nach rund 3.400 Kilometern mit ihrem Opel Ascona 400 nur noch knapp 18 Minuten hinter der führenden Michèle Mouton und ihrer Co-Pilotin Fabrizia Pons im Audi quattro. Deren Vorsprung bröckelt, er hatte schon anderthalb Stunden betragen. Aber der Audi wird von technischen Defekten eingebremst, Michèle Mouton ist nervös. In einer Kurve überschlägt sich der quattro, Fabrizia Pons verliert ihr „Gebetbuch“ mit dem Streckenaufschrieb, das Fahrwerk muss repariert werden. Und dann steht das Auto endgültig, die Zeit für die Reparatur eines verbogenen Dämpfers reicht nicht mehr aus, um in der gesetzten Frist in Wertung ins Ziel zu kommen. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer fahren auf Platz 1, sind damit Rallye-Weltmeister auf Opel Ascona.

    Es war, als hätte der Blitz eingeschlagen. Jener, der die Front der im Grunde hausbackenen Limousine ziert. Der Opel Ascona B ist schon nicht mehr aktuell, als Walter Röhrl und Christian Geistdörfer damit zum ersten Lauf der Rallye-Weltmeisterschaft 1982, der legendären und traditionellen „Monte“ antreten. Im Jahr zuvor hatte der Ascona C seinen bereits 1975 präsentierten Vorgänger abgelöst. Doch die Rüsselsheimer haben zu diesem Zeitpunkt noch keine entsprechende Evolutionsstufe für dieses neue Modell gezündet – letztendlich war eine solche auch nicht geplant. Weil man sich, ganz einfach, auf die Entwicklung einer 400er-Version des noch immer aktuellen Manta B für die Saison 1983 konzentrierte: Bis dahin würde es der „alte“ Ascona 400 noch schaffen, musste er eben noch ein Jahr durchhalten.

    Doch eines fehlte Motorsport-Direktor Tony Fall für das Cockpit des Ascona in dessen vermeintlich letzter Saison: ein Fahrer, dessen Talent die Nachteile des leistungsstarken, aber konventionellen Hecktrieblers gegenüber den ebenfalls potenten, allradgetriebenen Audi quattro egalisieren konnte. Doch das Angebot auf dem Markt war rar: Die Ingolstädter hatten Stars wie Stig Blomqvist, Hannu Mikkola, Franz Wittmann, Michele Cinotto und den „schönen, schwarzen Vulkan“, die Französin Michèle Mouton auf der Gehaltsliste.

    Mouton hatte sich 1981 mit ihrem Sieg bei der Rallye San Remo in die Geschichtsbücher eingetragen: Als erste Frau, die einen WM-Lauf gewann. Tony Falls Wunschkandidat wäre die Weltmeisterpaarung von 1980 gewesen: Walter Röhrl/Christian Geistdörfer. Doch die war vorerst nicht zu haben.


  • Blitz statt Stern, Ascona statt Manta

    Röhrl/Geistdörfer hatten ihren Arbeitgeber Fiat zum Ende der Saison 1980 mit dem Titel der Rallye-Weltmeister in der Tasche in Richtung Mercedes-Benz verlassen. Die Marke mit dem Stern wollte 1981 mit einem Mittelmotor-Allradler auf Basis eines stark verkürzten 500er in die prestigeträchtige WM einsteigen – und sich dazu den Besten der Besten ins Cockpit holen. Doch der Vorstand sagt den Werkseinsatz noch vor dem ersten WM-Lauf ab – so steht der amtierende Weltmeister von heute auf morgen ohne ein konkurrenzfähiges Einsatzgerät da: Zwangspause. Und keine Chance, den Titel zu verteidigen.

    Kampflos müssen Röhrl/Geistdörfer zusehen, wie die Audi quattro in ihrem Debütjahr die Konkurrenz düpieren, den ersten Sieg (Mouton) einfahren, mit technischen Defekten ausfallen und Ari Vatanen/David Richards auf Ford Escort RS 1800 die Weltmeisterschaft gewinnen. Bei der Rallye San Remo dürfen sie zum ersten und einzigen Mal in ihrem Pausejahr antreten – mit einem privaten Porsche 911 SC: Sie führen auf Asphalt, verlieren auf Schotter gegen Mouton/Pons mit dem Audi und fallen letztlich mit gebrochener Halbachse aus.

    Doch dann, für die Saison 1982, ist der Weg frei: Tony Fall holt sein Dreamteam nach Rüsselsheim und stellt ihm den 275 PS starken Opel Ascona B 400 hin – statt des ursprünglich anvisierten Manta B 400. Der Opel-Vorstand hatte sich aus Marketinggründen für die Limousine entschieden.


  • Fahrtalent gegen Allradantrieb

    Röhrl hat den Einsatz des Audi quattro in seiner Zwangspause genau studiert: „Dieses Auto weist den Weg in die Zukunft. Und gegen dieses Auto werde ich wahrscheinlich verlieren“, gibt er sich pessimistisch, mit dem konventionellen Ascona 400 Paroli bieten zu können. Doch der Regensburger wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die technische Überlegenheit. Buchstäblich. Setzt sein ganzes Fahrkönnen ein. Und gewinnt zum Auftakt der WM die weitestgehend trockene Rallye Monte Carlo, bei der die Audis ihre Allradüberlegenheit nicht ausspielen können.

    Röhrls Vorteil ist die Beständigkeit, mit der er in den kommenden Läufen aufs Podium und in die Punkte fährt. Und das Star-Trio des Audi-Teams, Blomqvist/Mikkola/Mouton, das sich bar jeder Stallregie gegenseitig Punkte und Siege wegschnappt: Mikkola und Mouton gewinnen jeweils dreimal, Blomqvist zweimal. Röhrl/Geistdörfer werden nach dem Auftaktsieg in Monte Carlo dreimal zweite, dreimal dritte und einmal vierte. Letztendlich ist es Michèle Mouton, die dem Regensburger am gefährlichsten wird: Neben ihren Siegen in Portugal, Griechenland und Brasilien punktet sie in Schweden (5te), Korsika (7te), San Remo (4te) – und beim letzten Lauf, der RAC, in Großbritannien (2te). Doch da ist Röhrl bereits Weltmeister.

    Die Entscheidung fällt beim vorletzten Lauf an der Elfenbeinküste: Mouton kommt mit einem hauchdünnen Punktevorsprung auf Röhrl nach Afrika. Siegt Röhrl, reicht ihr ein zweiter Platz zum Titelgewinn. Erstmals in der Geschichte des Rallye-Sports kann eine Frau Weltmeisterin werden. Die Französin ist hochmotiviert und hat theoretisch wie praktisch alle Chancen auf ihrer Seite.

    Doch dann schlägt das Schicksal zu: Am Abend vor dem Start erfährt sie vom Tod ihres Vaters. Sie behält die Nachricht für sich, will ihm beim Gewinn der Weltmeisterschaft ihren Titel widmen. Dann geht alles schief. Als Michèle Moutons Auto steht, fährt Walter Röhrl dennoch wie entfesselt, fliegt über eine Bodenwelle, kommt unsanft auf. „Du Idiot, willst Du dass wir hier noch ausfallen?“ brüllt Geistdörfer ins Mikro. „Pass doch aufs Auto auf, jetzt wo wir Erster sind!“ Röhrl ist irritiert: Im Gegensatz zu seinem Co-Piloten ist er nicht mit dem Teamfunk verbunden: „Michèle ist vor einer halben Stunde ausgefallen“, informiert ihn Geistdörfer nun.

    „Das war also der Moment, in dem ich erfuhr, ich bin zum zweiten Mal Weltmeister“, erinnert sich Walter Röhrl später. „Ich hatte Michèle besiegt, diese starke Frau. Sie hätte Weltmeisterin werden können, das wäre einmalig gewesen. Das hatte ich ihr vermasselt. Ich litt mit ihr. Aber nur kurz, denn schließlich musste ich mich gegen Presse-Intrigen und den Druck von Tony Fall wehren. Das hat mir den Sieg moralisch entschuldigt.“

    Den letzten WM-Lauf, die RAC-Rallye, bestreitet Röhrl nicht mehr: Teamchef Fall unterstellt ihm mangelnde Motivation und wirft ihm rufschädigende Äußerungen gegenüber Opel vor – Röhrl hatte im Laufe der Saison immer wieder die technische Überlegenheit der Audi quattro betont, auch gegenüber der Presse.

    1983 starten Röhrl/Geistdörfer für Lancia im 037, im Jahr darauf sitzen sie im Audi quattro.

     

    Egbert Schwartz

     

    Fotos: Adam Opel AG, Audi AG


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