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Moving Stars – Autos der Filmgeschichte

Toyota 2000 GT







Not very british: MI6-Agent Bond fädelt sich in den Sitz eines japanischen Sportwagens. Gestatten: 2000 GT. Vorname: Toyota. Unser Autor Egbert Schwartz taucht ein in die Filmgeschichte eines exotischen Coupés, das nur 351mal gebaut wurde und vor 50 Jahren auf der Leinwand als Cabrio debütierte. 

Und... Action! Es ist eine für Bond-Fans eher ungewohnte Szene, die sich am 12. Juni 1967 auf der Leinwand des Odeon Filmpalastes am Leicester Square in London abspielt: Da schwingt sich der MI6-Agent James Bond alias Sean Connery auf der Flucht vor den Häschern seines Gegenspielers Blofeld nicht auf den Fahrer- sondern auf den Beifahrersitz eines heranbrausenden weißen Cabrios – und lässt sich von seiner japanischen Kollegin Aki in Gestalt der Darstellerin Akiko Wakabayashi rasant in Sicherheit beschleunigen. Der Titel dieses fünften Bond-Streifens: „You only live twice“ – auf deutsch: „Man lebt nur zweimal“. Es ist eine Anspielung auf den zum Filmauftakt vorgetäuschten Tod von 007, der dadurch inkognito nach Japan eingeschleust werden kann. Er soll einer dort agierenden  Verbrecherorganisation namens „Spectre“ und ihrem Chef Ernst Stavro Blofeld das weltzerstörerische Handwerk legen.

Zwei Toyota 2000 GT-Cabrios

Zweifach „lebt“ aber auch das weiße Cabrio, in dem Mr. Bond chauffiert wird: Ein Toyota 2000 GT. Es ist der erste Supersportwagen eines japanischen Herstellers. Mit technischen Features, die exakt auf die automobilen Ansprüche eines MI6-Agenten zugeschnitten scheinen: Handliche 4.175 mm lang, 1.120 kg leicht und mit einem 150 PS starken Zweiliter-Reihensechszylinder ordentlich motorisiert, um in 10 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h zu erreichen. Einzelradaufhängungen vorne wie hinten sorgte für eine leistungsadäquate Straßenlage, Dunlop-Scheibenbremsen für entsprechende Verzögerung. Und in der Designsprache muss sich das dynamisch gezeichnete Fastback-Coupé ohnehin nicht vor europäischen Pendants verstecken. 

Allein die ursprüngliche Karosserieform macht Probleme: Als geschlossenes Coupé erweist sich der 2000 GT suboptimal für die geplante Fluchtszene und andere Einstellungen, die einen direkten Blick ins Cockpit erfordern. Zudem kollidieren die Dachhöhe von 1,16 m und Sean Connerys Körpergröße von stattlichen 1,90 Metern. Doch Produzent Albert R. Brocoli will unbedingt eine einheimische Marke für die Action-Szenen in Japan haben und Toyota erkennt die Chance für eine exklusive Promotion seines auf der 12. Tokyo Motorshow 1965 als Prototyp präsentierten Prestigemodells. 

Der Beginn der Dreharbeiten in Großbritannien ist für Anfang Juli 1966 terminiert, in Japan auf Ende Juli. Und so lässt der von Toyota für das Filmauto abgestellte Projektleiter Toshihiro Okada kurzerhand das Dach bei zwei weißen, identischen Vorserienmodellen kappen. Zusätzliche Versteifungen sind für den Cabrio-Umbau nicht erforderlich: Der Kastenrahmen erweist sich als stabil genug. Damit der groß gewachsene Connery ins Auto passt, muss allerdings noch der Beifahrersitz weiter nach hinten versetzt werden. Und weil selbst ein chauffierter Agent im Geheimdienst ihrer Majestät nicht ohne ein Mindestmaß an Equipment auskommt, implantiert Okada die aktuellsten elektronischen Highlights in die 2000 GT-Cabrios: einen Farbbildschirm in der Mittelkonsole, der die Bilder der hinter den Kennzeichen montierten Kameras zeigt, ein drahtloses Telefon, einen Hifi-Empfänger, ein Tonband mit Voice-Steuerung sowie einen Videorecorder. Für die Konstruktion eines Verdecks bleibt keine Zeit mehr.

Sechs Minuten Leinwand-Star

Einer der beiden 2000 GT-Cabrio-Zwillinge wird in die Londoner Pinewood-Studios speditiert, der andere bleibt in Japan. Der Grund: Aki-Darstellerin Wakabayashi kann nicht Auto fahren. Sie sitzt bei den Nahaufnahmen in den Studios hinter dem Lenkrad des einen Exemplars, bei den Actionszenen in Japan wird sie von einer Stuntfrau am Steuer des anderen gedoubled. Diese Fahrszenen mit dem 2000 GT werden zwischen Juli und Oktober 1966 an 14 unterschiedichen Locations gedreht – unter anderem auf der Tokioer Prachtmeile „Ginza“, wofür an einem frühen Morgen mehrere Straßenzüge gesperrt werden. Doch die Sequenz fällt letztendlich der Schere zum Opfer, sehr zum Ärger von Toyotas Filmprojekt-Beauftragtem Okada. Und auch der Gesamtauftritt des 2000 GT findet nicht unbedingt Beifall in den Chefetagen des japanischen Herstellers: Innerhalb der 116 Minuten dieses fünften Bond-Abenteuers ist das weiße Cabrio ganze sechs Minuten zu sehen, aufgeteilt auf drei verschiedene Szenen. 

Doch im Vorfeld der Filmpremiere darf Toyota dann noch einmal kräftig die Werbetrommel für seinen Markennamen und den 2000 GT rühren: Im Rahmen einer Promotiontour gehen beide Cabrios auf Reisen, werden zusammen mit den Darstellern in USA und Europa präsentiert. Dazu zählt ein Auftritt im Rahmen des Formel 1-Grand Prix am 5. August 1967 auf dem Nürburgring: AvD-Präsident Alfons Fürst von Metternich chauffiert Schauspielerin Karin Dor – in „Man lebt nur zweimal“ die Blofeld-Komplizin Helga Brandt – vor einer Kulisse von 450.000 Zuschauern über die Nordschleife.

Motorsportlich geht es für den Toyota 2000 GT dann auch im realen Leben außerhalb des Filmgeschäfts zu: Drei Exemplare des Coupés, das von 1967 bis 1970 in einer Auflage von nur 351 Stück bei Yamaha (!) weitestgehend in Handarbeit gebaut wird, treten 1968 in in der SCCA-Serie (Sports Car Club of America) unter der Ägide von Cobra-Schöpfer Carol Shelby gegen etablierte Konkurrenten wie Porsche, Triumph und Datsun an. Stammpilot Scooter Patrick gelingt in dieser Saison ein Sieg beim letzten Lauf in Laguna Seca. Bereits die Prototypen hatten 1966 bei Langstreckenrennen in Japan drei Podiumsplätze – inklusive Sieg – eingefahren. 1967 kommt ein weiterer beim 24-Stunden-Rennen in Fuji dazu. Ebenfalls auf der Erfolgsliste stehen drei FIA-Welt- und 13 internationale Rekorde auf dem Hochgeschwindigkeitskurs Yatabe bei Tokio.

Auf dem deutschen bzw. europäischen Markt taucht der Toyota 2000 GT offiziell niemals auf. Mit einem Preis von umgerechnet 20.000 D-Mark hätte er in den 1960er-Jahren beispielsweise mit einem  21.900 D-Mark teuren Porsche 911 (130 PS) konkurrieren müssen. Ein Fall typischer Fall für Exoten-Liebhaber. Heute gibt es zumindest ein Exemplar in Deutschland: Ein rotes Coupé des Baujahres 1967, das wohl einst von einem amerikanischen GI importiert und wurde. Es gehört der Toyota Deutschland GmbH, ist 1995 restauriert worden und absolviert seinen Dienst als „rollender Botschafter“ der Marke bei Oldtimer-Rallyes. Die beiden weißen Film-Cabrios haben ihren cineastischen Geheimdienst-Einsatz unbeschadet überlebt: Eines genießt seine Pensionistendasein im Toyota-Werksmuseum, das andere als Liebhaberstück in Privathand.

Text: Egbert Schwartz; Fotos: Toyota

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