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Motorrad-Magie – Orionette Typ2

1945 im Heu vor den Russen versteckt


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Orionette war viele Jahre lang unter Heu versteckt - Erst ein Scheunenbrand brachte sie wieder ans Tageslicht
Allein im Berlin der Vorkriegszeit gab es an die hundert Motorrad-Manufakturen. Viele verschwanden wieder so schnell, wie sie gegründet worden waren. Kein Wunder also, dass man in der Motorrad-Oldtimerszene immer wieder auf Zweiräder stößt, von denen man nie zuvor irgendetwas gehört hat. Die Orionette Typ2, Baujahr 1923, von Ralf Ebel aus Ladeburg bei Berlin zählt sicherlich dazu.

1921 begann die Orion Aktiengesellschaft für Motorfahrzeuge im Berliner Stadtteil Kreuzberg an der Oranienstraße 6 mit der Fertigung eines Zweitakt-Fahrrad- Einbaumotors namens „Orion-Simplex“ mit 98 ccm und 1,2 PS sowie 129 ccm und 1,7 PS. Der im Set enthaltene Rohr-Aufbau-Tank wanderte später als Dreiecks-Tank unter den Rahmenoberzug und trug den Schriftzug Simplex. Bald wurde für diesen Motor auch ein eigenes Fahrgestell angeboten. Dieses Leichtmotorrad wurde unter dem Namen Simplex verkauft.

Zur Simplex gesellte sich schon nach relativ kurzer Zeit die Orionette Typ1 mit überarbeitetem 1,7 PS-Motor. Darauf folgten als Sportmodell die Orionette Typ2 mit 2,5-, 3,0- oder 3,5 PS-Motor und Anfahrhilfe sowie der Typ 3 als Tourenmodell mit den gleichen Leistungsvarianten aber mit Zweigang-Blockgetriebe und Kickstarter. Auch eine seitenwagentaugliche Maschine mit 346-ccm-Zweitaktmotor, Dreigang- Blockgetriebe und Rückwärtsgang wurde als Orionette „Star Modell“ angeboten.

Außergewöhnliche Motorkonstruktionen
Alle Orionette-Modelle und der Einbaumotor – nun „Motorette“ getauft – blieben bis zur Auflösung der Orion AG im Jahre 1925 nebeneinander im Programm. Engelbert Zaschka als Leiter der Entwicklungsabteilung forcierte zudem einige außergewöhnliche Konstruktionen: Zum Beispiel ventilgesteuerte Zweitaktmotoren und einen Viertaktmotor mit einem Ventil im Kurbelgehäuse. Über den Prototypen-Status kamen diese Motoren jedoch nie hinaus.
Der Typ2 hatte anders als sein Vorgängermodell eine Korkkupplung; es kann also  beim Anhalten ausgekuppelt werden. Auf Pedale wie beim Typ1 wurde zu Gunsten von bequemen Trittbrettern für den Fahrer verzichtet. Das allerdings hat den Nachteil, dass nun das Leichtmotorrad zum Motorstart angeschoben werden muss. Der Vergaser wurde hinter dem Motor platziert. Eine Pendelgabel ersetzte die Schwinggabel des Vorgängermodells.

Nur wenige Exemplare bekannt
Benzingespräche sind das „Salz in der Suppe“ einer jeden Oldtimerveranstaltung. Bei einem solchen wurde Ralf Ebel die Orionette zum Kauf angeboten. Der 51-Jährige erinnert sich: „Interessant waren weder der Hubraum noch dass der Motor ein Zweitakter war – aber wer hatte schon von Orionette gehört?“ Dabei gefiel ihm auch, dass es sich um ein Motorrad aus Berlin handelte, also quasi vor seiner Haustür gebaut worden war. Sein Wohnhaus in Ladeburg liegt gerade mal 28,5 Kilometer von der Oranienstraße entfernt. „Mir selbst sind bis heute nur drei Stück dieses Typs bekannt“, berichtet Ebel. Sein Interesse war geweckt. Das Motorrad stand in Gransee, nicht allzu weit von seiner Heimatstadt entfernt und kurz entschlossen fuhr der Kfz-Techniker-Meister dorthin und kaufte die Maschine.
Jetzt wollte Ralf Ebel natürlich so viel wie möglich über die Orionette wissen. Zum Glück hatte es einen Artikel in der Zeitschrift „Motorrad Klassik“ gegeben. Demnach  ist er der vierte Besitzer des Motorrades. Der Ersteigentümer – so war dort zu lesen – hatte die Orionette 1945 vor den Russen im Heu versteckt und vergessen. Die Scheune brannte in den 80-er Jahren ab, und beim Abtragen des alten Heus kam die Rarität wieder ans Licht.

In der Ausgabe 2/94 der Motor Klassik wird weiter berichtet, dass ein Enkel des inzwischen 90-jährigen Erstbesitzers seinem Kollegen davon erzählt hatte. Als Oldtimerfreund war dieser interessiert und stattete kurzerhand dem Senior einen Besuch ab. Doch leider wollte sich der alte Mann nicht von der Orionette trennen.  Erst die Präsentation seines restaurierten D-Rads überzeugte den alten Herren. Später erzählte der Greis, dass er mit seiner Ehefrau auf einem kleinen Soziuskissen vor vielen Jahren bis an den Bodensee gefahren war. Er konnte das sogar mit Urlaubsbildern belegen. „Vier Wochen lang war sie danach nicht zu gebrauchen“, wird der Senior zitiert, wobei er wohl seine leidensfähige Frau meinte und nicht die Orionette.
Die Maschine wurde von ihrem neuen Besitzer frisch lackiert, doch wechselte sie im Tausch gegen eine zerlegte Schüttoff später erneut den Eigentümer. Die Orionette verbrachte die nächste Zeit als Leihgabe im heute nicht mehr existierende Zweirad- und Technikmuseum Werder bei Berlin. Gefahren wurde sie von ihrem dritten Besitzer nie, und so konnte Ralf Ebel die Rarität vor einigen Jahren kaufen.

Viel Arbeit wartete auf Ralf Ebel
„Zuhause begutachtete ich meine Neue in Ruhe und stellte fest, dass das Fahrzeug wohl nur ein „Stehzeug“ war, und der Begriff „restauriert“ scheinbar für jeden eine andere Bedeutung hat“, erinnert sich Ebel. Die gröbsten Mängel: Der Vergaser war nicht komplett; die Bowdenzüge hatten statt Lötnippeln Knoten in der Bowdenzugseele; statt Maschinenschrauben waren teilweise Holzschrauben mit platt gedrückten Scheiben als Muttern verwendet worden; falsche Reifen waren montiert, und der Motor war innen völlig verdreckt und verrostet. Der Anspruch des KFZ-Meisters an eine Restaurierung war da ein anderer!
Sein Ziel war natürlich, das kleine Maschinchen wieder in einen Top-Zustand zu versetzen und selbstverständlich auch wieder fahrbereit zu machen. Mit einfachen Arbeiten fing der Brandenburger an und die waren schnell erledigt: Reifen, Bowdenzüge und Schrauben wurden ausgetauscht, der fehlende Vergaserschieber neu angefertigt.
Die weitaus größere Aufgabe war die Überholung des Motors. Vorsichtig zerlegte Ralf Ebel das Aggregat komplett und reinigte jedes Einzelteil. Nun zeigte sich zum Glück, dass alle wichtigen Komponenten noch zu gebrauchen waren. Ausgestattet mit neuen Kolbenringen, neuen Lagern, modernen Radialdichtringen statt der originalen Labyrinthringe und frischem Getriebefett versehen konnte das Triebwerk wieder an seinen Platz. Die völlig verbrannte Kupplungsscheibe wurde durch eine dünne Korkscheibe ersetzt. Zwar endete die erste Probefahrt mit einem Plattfuß, war aber sonst überaus erfolgreich. Der Oldtimerfreund hatte halt die Reifen mangels Erfahrung zu wenig aufgepumpt. Doch daraus lernt man, und Ralf Ebel hat die Orionette seitdem auf diversen Oldtimer-Rallye problemlos bewegt.

Text und Foto: Gregor Mausolf 

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