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Motorrad-Magie – Standard AS 500

Der Standard AS 500 sieht man ihre über 90 Jahre nun wirklich nicht an. Foto: privat

Einer von mindestens drei Kfz-Briefen der Standard.


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom  gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Bekannter von Ernst Wirth war nur am Motor interessiert

Motorrad-Gespanne bilden eine Einheit – doch produktionstechnisch waren sie das früher in den seltensten Fällen. Relativ wenige Hersteller hatten sich auf Seitenwagen spezialisiert und passten diese an das entsprechende Motorrad an. Daher findet sich in der Typenangabe historischer Gespanne oft die Formulierung „mit XXX-Seitenwagen“. 

An dieser Stelle muss Ernst Wirth aus Bronschhofen in der nördlichen Schweiz passen. Er fährt eine Standard AS 500, Baujahr 1926. Das ist klar. Beim Beiwagen gibt’s jedoch bis heute nur ein Schulterzucken. „Der Seitenwagen ist total unbekannt. Bis heute konnte mir noch niemand Angaben über den Hersteller mitteilen,“ berichtet der Schweizer. „Eventuell kommt er aus Frankreich? Ich weiß nichts Genaues.“
Der schöne Name „Princess“ an der Seite könnte in der Tat auf Frankreich hindeuten. Gibt man aber im Internet die Suchbegriffe „Princess“ und „Seitenwagen“ ein, sind die wenigen Treffer in Zusammenhang mit der amerikanischen Marke Indian genannt. Vielleicht kann ja ein Leser des ADAC-Oldtimer-Newsletters hier Licht ins Dunkel bringen?

Die Standard Fahrzeugfabrik GmbH wurde 1926 von Wilhelm Gutbrod gemeinsam mit einem Kompagnon gegründet. In den ehemaligen Pferdeställen einer Kaserne in Ludwigburg begann Gutbrod mit der Produktion von Motorrädern unter dem Markennamen Standard. 1933 wechselte das Unternehmen nach Stuttgart-Feuerbach und 1937 dann nach Plochingen am Neckar. 1933 begann der Württemberger auch mit der Fertigung von Automobilen sowie Lieferwagen mit dem Markennamen Gutbrod. 1940 endete die Motorrad-Produktion. Nach dem Krieg kam das Unternehmen Gutbrod nicht mehr richtig auf die Füße und musste 1954 wegen Zahlungsunfähigkeit auch die Automobilproduktion einstellen.

Auf sehr ungewöhnliche Weise ist Ernst Wirth an die Standard AS 500 gekommen. Ein Bekannter von ihm hatte das alte Motorrad in  Nussdorf in Bayern entdeckt und es in die Schweiz importiert. Den Freund interessierte allein der eingebaute Motor, denn er fährt Oldtimer-Motorradrennen. Die Standard-AS-500-Gespanne waren nämlich original mit einem MAG-Motor D50 ausgerüstet, der ein ausgewiesener Sportmotor war. Den baute der Freund aus und tauschte ihn gegen einen „normalen“  OHV-MAG-Motor. „Am Gespann selbst hatte er kein Interesse“, schmunzelt Wirth. „So kam ich 2006 in den Besitz dieses seltenen Oldtimers.“
Dessen Geschichte ist zumindest zum Teil recht gut dokumentiert. Laut der vorhandenen alten Kraftfahrzeugbriefe aus Deutschland hatte die Standard ab 1954 das amtliche Kennzeichen B 97-446 und ab 1988 RO-AW 450. Vor 1954 war sie in München angemeldet. 

An der Standard war demnach früher ein Stoye-S-636-Beiwagen montiert. Wann das Fahrzeug den jetzt montierten Seitenwagen erhielt, entzieht sich Wirths Kenntnis. „Ich besitze noch ein TÜV-Gutachten aus dem Jahre 1988 mit Fotos, auf denen noch der Stoye montiert ist.“ Und ein weiteres Detail entspricht nicht dem Urzustand: Original wurde die AS 500 ohne Schalldämpfer ausgeliefert. Die aktuellen sind entsprechend nachgerüstet, sie stammen von einem späteren Jahrgang. Vielleicht, damit es der Prinzessin nicht zu laut wird…

Text: Gregor Mausolf

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