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Motorrad-Magie – Ner-a-Car

Ein Motorrad auch für Ärzte, Vikare und Frauen

Ungewöhnliche Kraftübertragung: Durch einen Reibantrieb kann auf ein Getriebe verzichtet werden.

Foto: Mike Hele

Mike Hele liebt exotische Fahrzeuge. Diese Ner-a-car hat ihn vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen.

Foto: Gregor Mausolf



Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Riesiger Kotflügel ist das Markenzeichen der Ner-a-car

Wie in anderen Bereichen auch, gibt es bei historischen Motorrädern die unterschiedlichsten Arten von Markennamen. Meist wurden sie nach Firmengründern benannt, oft nach dem Ort oder der Region ihrer Herstellung, gerne wurden auch mehr oder weniger sinnvolle Buchstabenkombinationen als Abkürzungen genutzt. Eine dieser Spezies ist Ner-a-car – ein sonderbarer Name für ein Motorrad. Es ist wohl ein Wortspiel um seinen Konstrukteur Carl A. Neracher.

Carl Neracher und Alan Smith hatten ein gemeinsames Ziel. Sie wollten ein Motorrad entwerfen und bauen, das alle Bedürfnisse eines Motorradfahrers, der nicht nass und schmutzig werden wollte, mit einer sehr guten Straßenlage vereinen sollte. Heraus kam 1921 Ner-a-car. Mit etwas gutem Willen kann man den Namen aus dem Englischen auch mit „einem Auto ähnlich“ übersetzen. Entsprechend warb Neracher mit dem Slogan „Fahr wie Du (angezogen) bist“. In Anzeigen wurden gerne Frauen mit normalen weißen Kleidern auf dem Motorrad abgebildet.

Design und Technik des typischen Motorrads der damaligen Zeit beschäftigte den Amerikaner bereits seit 1917. Schnell wurde ihm klar, dass bei motorisierten Zweirädern einiges im Argen lag. Die Straßenlage der Maschinen war schlichtweg schlecht. Am Ende einer Tour war der Fahrer oft nass und schmutzig. Dadurch kamen Motorräder für Menschen, die beruflich auf ein Fahrzeug angewiesen waren (Ärzte oder Vikare zum Beispiel), sowie für Frauen nicht in Frage.

Entsprechend hat die Ner-a-car einen sehr niedrigen Schwerpunkt, einen tiefen Einstieg und eine komplett geschlossene Karosserie. Als erstes Motorrad überhaupt verfügt sie über eine Radnabenlenkung. Auffälligstes Merkmal aber war der riesige vordere Kotflügel, der den Fahrer vor all dem Schmutz und Wasser schützt, die ein normaler Fahrer bei nassem Wetter über sich ergehen lassen muss. Zu diesem sehr revolutionären Design kam ein Reibantrieb, wodurch ein Getriebe überflüssig wurde. 
„Die zentrale Lenkung macht Ner-a-car so ruhig auf der Straße, dass es möglich ist, dass der Fahrer die Arme verschränkt und das Fahrzeug ausschließlich über die Verlagerung des Schwerpunktes lenkt“, erläutert Mike Hele aus Waterlooville im Süden Englands, der ein solches Gefährt besitzt. 

Fortschrittlich, wie Amerikaner nunmal waren, nutzten sie das recht neue Medium Film. In Werbespots wurden die herausragenden Fahreigenschaften gezeigt: Mal stand der Fahrer auf dem Sitz, mal lag er komplett auf dem Motorrad, während dieses unbeeindruckt weiterfuhr. Motorrad-Zeitschriften hoben seinerzeit hervor, dass das Bike sehr sicher bewegt werden konnte und gerade auf lockerem Untergrund einen sehr guten Grip aufwies. 

Erfolglos hatten Smith und Neracher im Jahre 1919 versucht, sich Kapital für die Produktion der Ner-a-Car im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten zu beschaffen. Unter anderem luden sie H. Powell von Simplex-Autos (Großbritannien) ein, um die Möglichkeit einer Fertigung durch Simplex zu diskutieren. Später vereinbarte man, dass die Briten Ner-a-Car-Motorräder in Lizenz bauen durften, um sie in Großbritannien und den Kolonien sowie in Kanada zu verkaufen. 1920 wurde dann mit  King Camp Gillette in den USA doch ein Finanzier gefunden und die Ner-a-Car-Corporation konnte gegründet werden.

Die englische Ner-a-Car-Version  wurde 1921 auf der Isle of Man TT vorgestellt. Sie unterschied sich von dem US-Bike dadurch, dass  hier ein  Simplex-Motor eingebaut wurde, der aber genau wie anschließend das amerikanische Aggregat 221 ccm Hubraum hatte.

Ebenfalls 1921 übernahm die Ner-a-Car-Corporation eine Fabrik in Syracuse im Staat New York. Ein Jahr später konnte die US-Produktion aufgenommen werden. Die erste amerikanische Ner-a-Car wurde auf der Chicago Show vorgestellt. Ein Jahr später wurde im Vereinigten Königreich das Modell B mit einem größeren 285-ccm-Motor und einem viel größeren vorderen Kotflügel produziert. 1924 kam das Modell C mit einem Blackburne 350-ccm-Viertakt-Seitenventil-Motor. Dieses verfügte dann doch über ein Getriebe und eine Kupplung. Dem US-Motor wurde ein wenig mehr Hubraum spendiert: 255 ccm. Doch auch Ner-a-car blieb von der Weltwirtschaftskrise nicht verschont. 1926 musste wegen mangelnder Nachfrage die Produktion sowohl in England als auch den USA eingestellt werden. Bis dahin waren immerhin 10.000 Fahrzeuge in Amerika und 6.500 in Großbritannien gebaut worden. Heute soll es nur noch rund 100 geben. 

Eines davon gehört Mike Hele, ein weiteres steht im neuen Motorradmuseum auf dem Timmelsjoch.  „Vor über 20 Jahren habe ich in einem alten Motorrad-Buch das Bild einer Ner-a-Car gesehen,“ erzählt der heute 67-jährige Hele. „Da ich immer schon eine Vorliebe für ungewöhnliche Autos und Motorräder hatte, war ich sofort begeistert.“ Die Suche nach diesem ungewöhnlichen Gefährt gestaltete sich sehr schwierig, zumal Hele ein restauriertes Motorrad haben wollte. Unfertige Maschinen anderer Hersteller gab es schließlich in seiner Garage schon genug. Erst nach zehn Jahren fand Hele sein Modell B in vollständig restauriertem Zustand. „Schon bei der allerersten Fahrt verliebte ich mich in dieses Motorrad. Es war eine einzigartige Erfahrung, entspannt zurückgelehnt zu fahren. Dieses Gefühl hat mich nie verlassen. Jedesmal, wenn ich fahre, kann ich einfach ein Lächeln nicht verkneifen.“

Text: Gregor Mausolf

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