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Motorrad-Magie – NSU 501 T

Einmal Bayern Rügen und zurück


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom  gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Franz Lorenz fährt mit alter NSU an einem Tag 920 Kilometer

Wenn man das Hobby zum Beruf machen kann, ist das eine tolle Sache. Noch besser ist, wenn es immer noch ein Hobby bleibt. Bei Franz Lorenz aus Bad Griesbach im Landkreis Passau ist genau dies der Fall. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Franz Lorenz neben seiner Arbeit als Kfz-Meister mit NSU-Motorrädern – ausschließlich mit den Blockmodellen aus der Vorkriegszeit, wie er betont. Also Motorrädern, bei denen der Motor und das Getriebe in einem Block zusammengefasst sind. Inzwischen widmet sich der Bayer hauptberuflich voll und ganz den Motorrädern aus dem baden-württembergischen Neckarsulm. Vom Namen der 27000-Einwohnerstadt am Zusammenfluss von Neckar und Sulm leitet sich übrigens das Kürzel NSU ab. Hier befindet sich im Deutschordensschloss auch heute noch das Deutsche Zweirad- und NSU-Museum. 

Unzählige NSU-Motorräder sind im Laufe der Jahre durch die Hände von Franz Lorenz gegangen – mit vielen verbinden sich interessante Geschichten. So zum Beispiel mit der NSU 501 T, Baujahr 1929, mit 500 ccm Hubraum und 11 PS Leistung. Bei ihr wurde nur die Technik überholt, ansonsten ist sie im Originalzustand mit einigen Umbauten aus früherer Zeit. Dieses Motorrad fuhr der Meister selber auf Oldtimer-Veranstaltungen. Die 501 T hatte er im Herbst 2010 in der Nähe von München gekauft. Dort stand sie seit rund elf Jahren, konnte aber vom damaligen Besitzer nicht wirklich gangbar gemacht werden. Die wenigen Fahrversuche endeten immer mit dem Abschleppen durch den Traktor des Nachbarn. Er hat dann das Motorrad teilzerlegt, um es anschließend wieder neu aufzubauen. Wegen einer Krankheit kam er aber nicht mehr dazu und musste es verkaufen. So erwarb Franz Lorenz mehrere Kisten mit Motorradteilen, hatte aber keinen Zweifel daran, dass er das Ganze wieder zu einer ordentlichen NSU zusammenfügen konnte. 

Der Verkäufer erzählte damals, der Vorbesitzer aus dem Raum Traunstein habe das Motorrad bei Kriegsbeginn im Allgäu in einem Heuschuppen versteckt, damit es nicht für Kriegsdienste hergenommen werden konnte. Etwa 1986 holte er es wieder zurück nach Hause und beauftragte einen Mechaniker, das Motorrad wieder fahrbereit zu machen. Aus Altergründen konnte er selber nicht mehr fahren und verkaufte es. Aber erst der erneute Verkauf an Franz Lorenz hauchte dem alten Schätzchen wieder richtig neues Leben ein.

Der Niederbayer lebt für NSU. Auf seiner Internetseite www.nsu-lorenz.de hat er auf einer Karte alle Standorte von NSU-Blockmodellen eingetragen, von denen er Kenntnis erlangt hat. Es sind richtig viele, was aber nicht wirklich überrascht, denn NSU war zeitweilig der größte Motorradhersteller der Welt. Die Exemplare auf der Karte reichen von einzelnen Fahrzeugen in Norwegen und Finnland bis nach Sizilien und sogar Südafrika. Insgesamt über 600 und jede Woche kommen neue Einträge dazu. 

Auf der Insel Rügen ist exakt ein NSU-Blockmodell verzeichnet, genauer gesagt eine NSU 501 T, Baujahr 1929. Die gehört seinem Oldtimerfreund Tom Fahrow. Animiert durch die Fernsehserie „Ein Bayer auf Rügen“, bei der der Harley fahrende Polizist Valentin Gruber – gespielt von Wolfgang Fierek – von Miesbach auf die Insel verschlagen wird, plant Lorenz 2016 den Besuch bei Tom. 
Na und? Wo ist das Problem, die Mauer steht ja längst nicht mehr, und zur Ostseeinsel führt von Stralsund aus eine moderne Brücke? Nun, Franz Lorenz will die Distanz von 920 Kilometer bis Mukran bei Sassnitz selbstverständlich mit einem Oldtimer, einer NSU 601 TS, Baujahr 1931, zurücklegen – und zwar an nur einem Tag. Und natürlich nicht über die Autobahn sondern überwiegend auf Bundesstraßen. Die Strecke ist handschriftlich auf Zetteln notiert und in einer Plastiktüte mit Magneten am Tank befestigt: Deggendorf Richtung Cham B85, dann B22 Richtung Neustadt an der Waldnaab, B15 Richtung Tirschenreuth, in Mitterteich wechseln auf die B299, kurz in die Tschechische Republik nach Eger und Franzensbad, zurück nach Deutschland auf der B92 Richtung Bad Brambach in Sachsen. Der Weg ist das Ziel, wenngleich er natürlich das Ziel Rügen nicht aus den Augen verlieren darf.

Um 4.40 Uhr geht’s los. Da ist es in Bad Griesbach noch dunkel. Franz Lorenz fährt in die Morgendämmerung hinein. Um 5.13 Uhr geht an diesem Tag die Sonne auf, und Rügen ist noch weit, sehr weit. Erst mal Richtung Deggendorf, da kennt sich Franz Lorenz noch gut aus. Seine Frau Heike begleitet ihn in einem Kleintransporter und dokumentiert die Fahrt mit zahlreichen Fotos. Sie hat auch eine neue Landkarte dabei, und übernimmt manchmal die Führung, wenn es in Städten zu unübersichtlich wird. Bedenken, dass seine NSU unterwegs schlapp macht, hat Franz Lorenz nicht. Er hat sie ja schließlich selbst für die Tour vorbereitet. Außerdem: „Die alten NSU-Maschinen sind für Langstreckenfahrten geradezu prädestiniert“, schwärmt der Bayer. Aber sicher ist sicher.

Kurz vor 14 Uhr dann endlich eine kurze Mittagspause in der Höhe von Wittenberg. Gestärkt geht es weiter, denn bis Mukran sind es immer noch fast 400 Kilometer. Richtung Potsdam, dann über den Berliner Ring, jetzt also doch mal auf die Autobahn. Berlin auf Nebenstraßen, noch dazu im Berufsverkehr – das würde zu lange aufhalten. Kurz hinter Oranienburg bekommt Franz Lorenz Gesellschaft. Tom Fahrow ist ihm entgegengefahren, um den restlichen Weg auf die Insel gemeinsam zurückzulegen. Na klar, mit seiner NSU 501 T. Vorbei an blühenden Feldern, durch wunderschöne Alleen und durch Nadelwälder kommt das Ziel immer näher. Da kann auch ein heftiger Regenschauer die Stimmung der beiden nicht wirklich herunterdrücken.

Über die neue – inzwischen auch schon wieder zehn Jahre alte – Strelasundbrücke wird endlich Rügen erreicht. Noch einmal durch eine Allee, wo weiße Kreuze auf den Bäumen zur gemäßigten Fahrt mahnen. Doch das braucht unseren Oldtimerfreunden niemand zu sagen. „20.25 Uhr Ankunft“, notiert Heike Lorenz. Ihr Mann ist noch topfit, weder das Gesäß noch die Arme tun weh. Obwohl er ja unzählige Male die Handschaltung des Dreigang-Getriebes betätigen musste und die Fahrtrichtung anzeigen, denn Blinker hat eine NSU aus den 1930-er Jahren ja nicht. „Schade, dass es schon vorbei ist“, so die erste Reaktion von Franz Lorenz. Gerne hätte er die 1000 Kilometer vollgemacht – mit einem Schlenker zum Kap Arkona. Leider war macht stürmisches Wetter auf Rügen den Bayern einen Strich durch die Rechnung. 

21.41 Uhr: Sonnenuntergang in Neu-Mukran, doch da ist der Bayer auf Rügen nebst Begleitern längst angekommen. Ein paar Feierabendbiere in der Werkstatt von Freund Tom. Es gibt viel zu erzählen von den 920 Kilometern an einem Tag. 920 Kilometer in einer reinen Fahrzeit von 13:20 Stunden. 4 x getankt, 1 x Bratwurst-Stopp, 0 x geschraubt – so steht es im Tour-Protokoll. „...und unendlich viel Spaß!!!“

Zurück fährt die NSU nach ein paar Tagen der Inselerkundung hinten im Kleintransporter. Man muss es ja nicht übertreiben. Inzwischen plant Tom Fahrow einen Gegenbesuch, natürlich mit seiner NSU. Dann lautet die Überschrift: „Ein Rügener in Bayern.“

Text: Gregor Mausolf, Foto privat

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