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Motorrad-Magie – ES-KA

98-ccm-Motor stammt von Fichtel & Sachs aus Schweinfurt


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

ES-KA – ein „Meisterstück“ aus dem Sudetenland 

Tschechien fällt einem sicher nicht als erstes ein, wenn es um Vorkriegsmotorräder geht. Ok, ein paar bekommt man vielleicht auf die Reihe. Allen voran sicherlich Laurin & Klement, aus denen später die Marke Skoda hervorging. Jawa und Böhmerland sind sicher noch klangvolle Namen, eventuell  noch Praga. Das Internet-Lexikon Wikipedia listet immerhin 60 Marken auf, doch unser heutiges Motorrad ist nicht mal dabei. 
Christian Fauth aus Gronau am nordwestlichen Zipfel Nordrein-Westfalens hatte sich vor gut zwei Jahren ein neues – altes – Motorrädchen gekauft. Doch der Neuerwerb bereitete dem heute 57-Jährigen schon Kopfzerbrechen. Eindeutige Hinweise gibt das Typenschild auf dem Rahmen. Es handelt sich um eine ES-KA, Typ Mofa 98, so ist es dort in erhabenen Buchstaben zu lesen. Gebaut 1939 in Eger im Sudetenland, also dem heutigen Tschechien. Doch das Typenschild verrät noch mehr: Eigengewicht 62 kg,  zulässiges Gesamtgewicht 162 kg. Natürlich findet sich dort auch die Fahrgestellnummer 722708. 
Von der Fichtel & Sachs AG aus Schweinfurt stammt der Motor. Er hat eine Bohrung von 48 mm und einen Hub von 54 mm, woraus sich ein Hubraum von 98 ccm ergibt. Laut Typenschild hat das Aggregat eine Leistung von 2,25 PS. 
Mehr Informationen hatte Christian Fauth nicht. Also ging’s auf Spurensuche. Unter anderem wandte er sich an das Motorrad-Forum des Veteranen-Fahrzeug-Verbandes, wo es von anderen Nutzern wertvolle Tipps gab. Bei der Internet-Recherche fand er auch eine alte Produktbeschreibung. Der Prospekt preist „das neue, moderne, mit vielen Vorteilen ausgestattete ES-KA-Motorfahrrad mit 98 ccm Sachs-Motor“ als „Ein Meisterstück“ an. Schon damals war der Listenpreis noch nicht der Endpreis. Laut Prospekt kostete die ES-KA bei Barzahlung 333 Reichsmark – zuzüglich Rohstoffausgleichszuschläge für Bereifung und Sattelzeug. Für Drehgas wurde ein Aufpreis von 2,70 Reichsmark fällig, der Kraftfahrzeugbrief kostete 1,50 Reichsmark. 
Ganz exakt passt die Beschreibung im Vierseiter nicht zu Christian Fauths ES-KA, denn die hat eine schwarze Lackierung. In dem Prospekt heißt es nämlich: „Alle blanken Teile sind verchromt; Rahmen, Gabel, Kotbleche und Tank beige emailliert. Kotbleche und Tank sind mit rotbraunen, geschmackvoll abgesetzten Feldern verziert.“ Vielleicht ist die Lackierung ja mal erneuert worden. 
Schmunzeln kann man immer wieder über Formulierungen in alten Drucksachen. Das Wort „Kotblech“ steht anders als „Kotflügel“ längst nicht mehr im Duden. Auch „Drehgas“ sucht man vergeblich. Und auch damals schon haben Werbetexte mit Adjektiven Dinge angepriesen, die selbstverständlich sein sollten: „Zweckmäßige Stoßdämpfer“, „solide Gabelkonstruktion“ und ein „zuverlässiger Gepäckträger“ dürften eigentlich keiner Erwähnung wert sein. 

Text: Gregor Mausolf 

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