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Motorrad-Magie – BMW R 42

An dieser BMW hat der Finanzminister wenig Freude

Die BMW R42 ist zwar schön anzusehen, aber nicht besonders komfortabel. Sie hat einen Rohrrahmen ohne Hinterradfederung.
Jedes Jahr 46 Euro wert ist für Runde Sander dieses Dokument aus dem Jahr 1933: Die Bescheinigung über die Ablösung der Kfz-Steuer.


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

1933 wurde die Kfz-Steuer für immer und ewig bezahlt
Regierungen waren schon immer sehr kreativ, wenn es um die Steuer ihrer Bürger ging. Doch langfristig gesehen geht die Rechnung der Finanzpolitiker nicht immer auf. Und so sorgt ein uraltes Gesetz von 1933 dafür, dass der Finanzminister an einer BMW R42 – und wahrscheinlich noch einigen anderen Fahrzeugen – keine rechte Freude hat. Er guckt nämlich bei der Kfz-Steuer jedes Jahr auf Neue in die Röhre. Rune Sander aus einem kleinen Dorf bei Lübeck geniest ein Privileg, um das ihn vermutlich viele beneiden: Seine BMW R42, Baujahr 1928, ist für alle Zeiten steuerbefreit. Ein steuerliches Kuriosum, das sich für den Oldtimer-Liebhaber über die Jahre richtig bezahlt macht.

Unter chronischem Geldmangel litt die öffentliche Hand eigentlich schon immer. Im Dritten Reich standen zudem größenwahnsinnige Bauprojekte und ein riesiger Rüstungsapparat an. Dafür brauchte der Staat natürlich eine Menge Geld. Also hatten clevere Bürokraten die Idee, ihren Bürgern die Einmalzahlung der Kfz-Steuer anzubieten. Im Falle unserer BMW R42 mit ihren 494 ccm Hubraum lag die Ablösesumme bei stolzen 63 Reichsmark. Gemessen an der heutigen Kaufkraft sind das laut Deutscher Bundesbank rund 271 Euro. Aktuell liegt die Kfz-Steuer für ein Motorrad mit 500 ccm bei jährlich 36,80 Euro. 

Die Entscheidung für die Einmalzahlung war optimistisch oder auch mutig – je nach Sichtweise. „Lebenslang“ bezog sich naturgemäß auf das Motorrad und nicht auf seinen Besitzer. Schon einen Tag später konnte sich die Amortisationsrechnung durch einen Totalschaden oder Diebstahl der Maschine pulverisiert haben. Was wäre im Falle einer Beschlagnahme bei einem Krieg, an den 1933 allerdings nur die wenigsten dachten?

Ob der Erstbesitzer derartige Überlegungen angestellt hat, ist nicht überliefert. Jedenfalls bekam Rune Sander beim Kauf der R42 von dessen Sohn umfangreiche Dokumente in die Hand gedrückt. Darunter der Kaufbeleg vom 7. Februar 1928: Exakt 1949 Reichsmark hatte die Firma Fendler & Lüdemann aus Hamburg für „1 BMW-Motorrad, Typ R42 incl. Lichtanlage, Tachometer, Tageszähler, Boschhorn, Soziussitz, Fußrasten und Schlusslicht“ in Rechnung gestellt. Die Original-Bedienungsanleitung war vorhanden und – aus heutiger Sicht sehr wichtig – ein Dokument über die Ablösung der Kfz-Steuer. „Die Bescheinigung wird vom Finanzamt akzeptiert“, freut sich Rune Sander. Ja, ja, die deutsche Bürokratie ist halt in jeder Hinsicht gründlich und korrekt.

Nach 1933 hat es eine dauerhafte Ablösung der Kfz-Steuer nie wieder gegeben, recherchierte Ingeburg Grüning, Pressesprecherin im Bundesfinanzministerium. Die Ablöse war zudem auf Fahrzeuge mit einer Erstzulassung vor dem 1. Januar 1933 beschränkt. Die Bescheinigung des Finanzamts musste übrigens als Steuerkarte auf jeder Fahrt mitgeführt werden. Keine Erkenntnisse hat das Finanzministerium darüber, wie viele Fahrzeughalter heute noch von der einmaligen Kfz-Steuer profitieren. Die meisten dürften ohnehin Bestandteil von Oldtimer-Sammlungen sein und mit 07-er Kennzeichen bewegt werden, vermutet Ingeburg Grüning.

Auf der Deutschen Automobilausstellung in Berlin feierte die BMW R42 im November 1925 ihre Premiere. Bis 1928 wurde dieses zweite Tourenmotorrad von BMW über 6500mal produziert. Ihr Zweizylinder-Boxer-Viertaktmotor mit Seiten-Ventilsteuerung leistet 12 PS bei 3400 min−1, womit eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h erreicht werden kann. Hub und Bohrung sind mit 68 mm identisch, woraus sich ein Hubraum von 494 ccm ergibt. Die BMW R42 hat ein Dreiganggetriebe. Die Kraftübertragung zum Hinterrad erfolgte schon damals – genau wie beim Vorgängermodell R32 – mit Kardanantrieb. Der war aufwändiger und damit teurer als ein Kettenantrieb, zugleich aber praktisch wartungsfrei.

Text: Gregor Mausolf, Foto: privat

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