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Motorrad-Magie – Lurquin-Coudert


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Geheimnisvolle Lurquin-Coudert 

Es sind nur noch ganz wenige Exemplare bekannt
Vieles lässt sich heute mit ein paar Klicks im Internet recherchieren – oft allerdings mit der Gefahr, dass Falsches immer weiter verbreitet wird. Eine recht seriöse Quelle ist da das offene Internet-Lexikon Wikipedia. Dadurch, dass hier viele freie Autoren aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten schreiben, werden die meisten Fehler langfristig ausgemerzt. Zur Marke Lurquin-Coudert konnte man auf der entsprechenden Wiki-Seite bis 2015 nur lesen: „Lurquin-Coudert war ein französischer Hersteller von Automobilen“. Keine Rede von Motorrädern! Doch die hat es unbestritten auch gegeben. Und zwar sogar vor den Vierrädern. Inzwischen ist der Eintrag ergänzt: „...Hersteller von Automobilen und Motorrädern“. Dazu gibt es drei Motorrad-Fotos, aber im Text werden ausschließlich – und auch sehr knapp – die PKW beschrieben.
Paul Valkenet aus dem niederländischen Leusden ist einer der ganz wenigen, die eine Lurquin-Coudert besitzen. Entsprechend kann er einiges über sein Motorrad mit dem markanten, mehreckigen Tank berichten. 1899 wurde Lurquin-Coudert in Paris gegründet und war damit einer der wahren Pioniere der französischen Motorrad-Industrie. Die Marke fuhr bei zahlreichen Motorradrennen an der Spitze mit.  Firmengründer Coudert war einer der bekanntesten Fahrer. 
Im Prospekt von 1904 finden sich drei Modelle: Das „Model de Touriste“ mit einer Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h, die „Course aut Route“ mit 80 km/h und als Spitzenmodell die „Course de Piste“ mit 95 km/h. Später gab es auch V-twin-Viertaktmotoren. „Aktuell sind insgesamt 15 Motorräder dieser Marke bekannt“, erzählt Paul Valkenet und relativiert das gleich ein wenig, „aber vielleicht gibt es mehr, versteckt in Scheunen oder Sammlung.“

Sehr aufwändige Düsenreinigung 

Valkenets Rarität hat einen Hubraum von 211 ccm. Sie ist ein Viertakter mit Schnüffler-Einlassventil. Das Auslassventil steht gegenüber dem Einlassventil. Der Vergaser stammt von Longuemare und hat eine konusförmige Düse, die tief im Vergaser steckt. „Um die Düse zu reinigen, muss man den Vergaser zur Hälfte auseinandernehmen“, zeigt Paul Valkenet eines der vielen kleinen Problemchen auf, die so eine Über-Hundertjährige mit sich bringt. 
Sofort fallen dem Betrachter die vielen Hebel an der rechten Tankseite auf, die alle vor und während der Fahrt in die richtige Stellung gerückt werden müssen. Und das ändert sich unterwegs je nach Motordrehzahl, Last, Temperatur und Sauerstoffgehalt in der Luft. An der Oberseite des Vergasers gibt es die Möglichkeit, mit einer sekundären Luftzufuhr das Brennstoff-Gemisch zu regulieren. Die Zündung – die ebenfalls mit einem Hebel am Benzintank verstellt werden kann – wird durch eine Batterie gespeist, die nicht geladen werden kann. „Ist die Batterie leer, dann muss ich sie wechseln. Alternativ muss ich nach Hause pedalieren oder sogar schieben“, zeigt der 69-jährige Niederländer ein weiteres Problem auf. 

Motorschmierung mittels Handpumpe

Mit einer Handpumpe muss die Schmierung – wie bei vielen Modellen aus jener Zeit – vorgenommen werden. Mit ihr wird der Schmierstoff ins Kurbelwellengehäuse gedrückt. Während der Fahrt wird überschüssiges Öl durch eine Bohrung in der Kurbelwellenachse nach außen geblasen – die so genannte Verlustschmierung. „Wenn zuviel Schmierstoff im Gehäuse ist, werden meine Schuhe und Kleidung dreckig“, warnt Valkenet. Doch dies ist leider die einzige Möglichkeit zu erfahren, ob ausreichend Öl vorhanden ist oder man nachfüllen muss. Es gibt keine Möglichkeit, den Ölstand zu messen.
Paul Valkents Lurquin-Coudert wird von einem Keilriemen angetrieben. Es gibt kein Getriebe und damit auch keine Kupplung. Die Konsequenz: An roten Ampeln muss er den Motor abstellen und anschließend wieder mühevoll anpedalieren. Die Riemenscheibe hat vorne 90 mm Durchmesser und hinten 520 mm. Bei der Bremse ist Valkenet ganz bewusst einen Kompromiss zu Lasten der Originalität eingegangen. Im Urzustand gab es eine Vorderradbremse, eine weitere Bremse war auf der Riemenscheibe am Hinterrad montiert. Beide werden am Lenker betätigt. Um seine Lurquin-Coudert zugelassen zu bekommen – aber auch im Sinne der Sicherheit – wurde zusätzlich eine Rücktrittbremse montiert.  

Text: Gregor Mausolf, Foto: Matthias Mausolf 

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