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Motorrad-Magie – DKW NZ 500

Ein Wunschmotorrad mit vielen Macken

Heute präsentiert sich die NZ500 wie aus dem Ei gepellt. 

Foto: Wuttke 

Allein der Motor zeigt schon, dass sich die aufwändige, zweijährige Restaurierung gelohnt hat. 
Foto: Klimpel 
Eine alte Zapfsäule versetzt Hermann Klimpel und seine NZ500 zurück in die Vorkriegszeit. 
Foto: privat


Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Umfangreiche Restaurierung war unumgänglich

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen manchmal Welten. So erging es auch Hermann Klimpel aus Bernstadt im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Der Wunsch des Oldtimer-Freundes: Eine große Zweizylinder-Maschine. 
Motorrad-Oldtimer beschäftigen den heute 67-Jährigen seit den frühen achtziger Jahren. „Ein Kollege, der plötzlich seine beantragte Ausreise aus der DDR vollziehen musste, vermachte mir damals seine EMW R35/3“, erzählt der Bernstädter. Die Begeisterung für die historische Technik war geweckt. Es folgten eine BMW R35, eine IFA BK 350 und die DKW NZ250.
Zu allen regionalen Oldtimerveranstaltungen fuhr seine Frau tapfer auf dem Rücksitz mit. Später kamen noch eine IFA DKW RT125 und eine Dürkopp M10 hinzu. Fortan konnte Klimpels Frau selbst fahrend an Oldtimertreffen und Ausflügen teilnehmen. Doch auch die schönsten Touren mit der unverwüstlichen BMW R35 konnten nicht den Wunsch nach einer großen Zweizylindermaschine unterdrücken. „Schon lange träumte ich von der 500er NZ, zumal ich ja schon die flotte und handliche DKW NZ250 hatte“, erinnert sich Klimpel.
Er wusste auch, wo sein Wunschmotorrad stand. Aber der Besitzer – ein Kfz-Meister aus der Nähe von Zittau – wollte sich von diesem seltenen Stück lange nicht trennen. Dann, im Alter von über 70 Jahren sagte er eines Tages: „Ich gebe meine Werkstatt auf, nun kannste Dir die NZ500 holen!“ Aber: Die DKW hatte über viele Jahre in einem Schuppen gestanden, war vom alten Meister nie gefahren oder gewartet worden. Hauptständer und Vorderradständer fehlten. Der Lenker samt Hebelage sowie Tacho und Fußschalthebel stammten von einer Jawa. Schaltkasten mit Batteriehalter und Rücklicht, der Ansaugstutzen sowie der Vergaser waren einst an anderen DKW-Modellen montiert. Doch das alles konnte die Euphorie von Hermann Klimpel nicht bremsen. 

Schwierige Suche nach fehlenden Teilen

Der Sachse zerlegte die Maschine gründlich, suchte parallel – und meist vergeblich – auf Oldtimermärkten nach den fehlenden Teilen. Es folgten weitere Überraschungen. Laut Rahmennummer stammte dieser von einer NZ350-1 (WH). „Der ist optisch baugleich mit dem der NZ500, ohne jedoch die unter dem Sattel eingeschlagene Kennzeichnung,“ erfuhr Klimpel. Zahlreiche aufgeschweißte Bleche und Verstärkungen aus Flachstahl sowie ein Dutzend Risse und ausgefranste Löcher der Motorhalterungen deuteten auf einen Seitenwagen und eine brutale Fahrweise mit dem „Lastesel“ hin. Ein anderer Rahmen konnte von einem Oldtimerkollegen eingetauscht werden. Dieser hatte zwar auch einige aufgesetzte Blechflicken, war aber insgesamt in einem deutlich besseren Zustand. Auch dieser Rahmen wurde in seinem früheren Leben mit Seitenwagen betrieben, trug aber beidseitig die Kennzeichnung»NZ500«.
Klimpel beauftragte einen erfahrenen Motorenbauer und Oldtimerspezialisten mit der Instandsetzung des Triebwerkes, der Neuanfertigung aller Bolzen und Buchsen, der vorderen Parallelogrammfederung einschließlich des hydraulischen Stoßdämpfers sowie der hinteren Schwingenlagerung und der Hinterradfederung. Für den Motor mussten neue Kolben beschafft und die Zylinder ausgeschliffen werden. Die Kurbelwelle wurde in einem weiteren Spezialunternehmen in der Oberlausitz überarbeitet. 
Das Kupplungskettenrad mit dem Kupplungskorb war irgendwann zerbrochen und im eingebauten Zustand wieder verschweißt worden. Daher musste für den Motor ein komplett neuer Primärtrieb angefertigt werden. Den Nachbau des Primärtriebes übernahm ein Fachbetrieb für Maschinenbau und Zahnräder. Hier wurde ebenfalls ein neues Kettenrad für die Hinterradantriebskette angefertigt – alles in bester Passgenauigkeit. Die Kupplung wurde mit neuen Lamellen ausgerüstet, die es passend für alle NZ-Modelle und mit zeitgemäßem Reibbelag versehen zu kaufen gibt. 

Zweifel an der Kaufentscheidung

Doch damit nicht genug: Die Instandsetzung der maroden Vordergabel kam fast einem Neubau gleich. Anschließend zeigte sich, dass Vorderachse und Federungsbolzen nicht genau parallel zueinander standen. Also musste die fertige Gabel wieder zerschnitten und in ausgerichteter Stellung neu zusammengefügt werden „Spätestens an dieser Stelle fragte ich mich ernsthaft, ob es denn nicht besser gewesen wäre, den ganzen Haufen wieder zu verkaufen“, sinniert der 67-jährige Sachse. „Wenn aber eine Restaurierung so weit fortgeschritten ist, kann man nicht mehr einfach aufhören.“ 
An der Hinterradschwinge mussten Bolzen und Führungsbuchse erneuert werden. Die Federführungskolben an der Hinterradfederung waren so weit verschlissen, dass ihre Außenwandung teilweise nicht mehr vorhanden war. Mit einem Flüssigmetall- kleber wurden in die Tempergussgehäuse je ein Stahlrohr eingeklebt und die fehlenden Gehäuseteile ebenfalls aus dem gleichen Material nachgeformt. Nach dem Aushärten des Klebers wurden die Stahlrohre innen gehont. Nun konnten passende Federführungskolben aus Alu-Stranggussmaterial angefertigt werden. 
Räder und Bremsen waren ebenfalls in einem bedauernswerten Zustand. Felgen und Speichen hatten tiefe Rostnarben. Neue 40-Loch-Felgen wurden bestellt und die Räder von einem Fachmann eingespeicht und zentriert. Neue Bremstrommeln – Nachfertigungen aus Polen – wurden auf Teilemärkten erworben. Die hintere mit einem Zahnkranz mit 45 Zähnen versehen, war präzise gearbeitet, was man von der vorderen Bremstrommel leider nicht sagen konnte. Eine bittere Erfahrung. Neue Bremsbeläge waren dagegen kein Problem. Bremsschlüssel und Bremshebel mussten jedoch nachgefertigt werden. Lenker und Batteriehalter gab es als Neuteile zu kaufen. 

Perfekte Lackierung

Klimpel baute die Maschine sicherheitshalber einmal zusammen, bevor er alle Teile zum Lackierer brachte. Dabei zeigte sich, dass sowohl die Federn des Kippständers als auch deren Befestigungspunkte am Fahrgestell fehlten. Der Tank wurde vor dem Lackieren innen entrostet, entfettet, gereinigt und versiegelt. „Der Tank meiner noch völlig im Originalzustand befindlichen NZ250 diente als Vorbild für die Lackierung“, erzählt der 67-Jährige. Ein Profi übernahm die Lackierung – zu Klimpels vollster Zufriedenheit. Das Schwarz ist dem damals verwendeten Nitrolack im Aussehen völlig gleich. Klimpels Freund Rüdiger Guth übernahm die Handlinierung mit dem goldfarbenen Zierstrich. Seine Arbeiten sind in Oldtimerkreisen sehr gefragt. Viele Motorräder und Gespanne – nicht nur in Sachsen –  haben Zierstriche von seiner Hand. 
Blieb noch die Elektrik. Von einem DKW-Freund bekam Klimpel ein fabrikneues Hasag-Zündschloss sowie einen gut erhaltenen, aber leeren Spulenkasten Sp 20a. Elektronische Regler wurden gewählt, die äußerlich mit den originalen Patronenreglern identisch sind. Beim Neukauf des Kabelbaums musste Hermann Klimpel Lehrgeld zahlen. Die Leitungen zum Scheinwerfer fehlten ganz, und das Kabel zwischen Lichtmaschine und Spulenkasten war 8 cm zu kurz! Also musste auch der Kabelbaum selbst angefertigt werden. 

Ein gebrochenes Kabel bremst die Euphorie

Endlich konnte der erste Startversuch stattfinden. Der Motor sprang sehr gut an, die ersten Klänge waren berauschend. Zigmal startete Klimpel den Motor. Doch plötzlich blieb die Ladekontrollleuchte an! Nach stundenlangem Suchen und Messen war der Fehler gefunden: Ein von Isolierschlauch umgebener Draht war gebrochen. „Immer wenn ich den Draht zum Durchmessen berührte, war die Verbindung hergestellt und ich konnte keine Unterbrechung feststellen,“ ärgert sich der Sachse. 
Es folgten Testfahrten, die immer ausgedehnter wurden. Trotz des relativ großen Eigengewichtes der Maschine lässt sie sich spielend leicht fahren, ist eben echt handlich im Fahrbetrieb. Bei einer dieser ersten Fahrten fiel der rechte Zylinder plötzlich aus. Störungsursache war eine zu niedrige Zündspannung bei erhitzter Zündspule. Also wurden neue Zündspulen beschafft, die im Austausch angeboten werden. 
Inzwischen passt alles. Der Fahrspaß, den Hermann Klimpel mit seiner NZ500 auf den kurvenreichen Bergpisten des Zittauer Gebirges, der schönen Oberlausitz und auch bei Oldtimertreffen erlebt, entschädigt für viele Mühen bei der Rettung und dem Wiederaufbau dieses technischen Denkmals. 

Text: Gregor Mausolf 

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