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Motorrad-Magie – BMW R23

Plötzlich Besitzer einer Vorkriegs-BMW


Dieses Schreiben des Vorbesitzers brachte den Durchbruch beim Straßenverkehrsamt Münster. 

Foto: Gregor Mausolf



Vorkriegs-Oldtimer haben etwas Magisches. Wer einmal vom  gutartigen Veteranen-Bazillus befallen ist, der zieht ihn unweigerlich in seinen Bann, löst vielfach eine Sammelleidenschaft aus. Viele restaurieren die alten Schätzchen selbst, denn die alte Technik ist im wahrsten Sinne des Wortes noch begreifbar und damit verständlich. Um die meisten Oldies ranken sich spannende Geschichten: Angefangen von immer seltener werdenden Scheunenfunden, über Unikate bis hin zu Absonderlichkeiten, die sich aus dem Steuerrecht früherer Tage ergeben. In einer Serie stellen wir im ADAC-Oldtimer-Newsletter einige dieser tollen Vorkriegsmotorräder und ihre Besitzer vor. Aber Vorsicht! Es besteht Ansteckungsgefahr.

Besuch einer Oldtimerrallye hat sich für Bernd Rückl gelohnt

„Unverhofft kommt oft“ sagt der Volksmund. Das trifft auch für Bernd Rückl aus Münster-Wolbeck zu. Als Motorradfahrer interessieren ihn auch alte Vorkriegs-Maschinen, bei denen die Technik noch nicht hinter Vollverkleidungen versteckt ist. Die gibt es jedes Jahr zu Pfingsten in großer Menge in Ibbenbüren zu bestaunen – gerade mal 50 Kilometer von Münster entfernt. „Irgendwann fahre ich da mit“, denkt sich Bernd Rückl beim Besuch der Ibbenbürener Motorrad-Veteranen-Rallye. Dass es schon ein Jahr später soweit sein würde, ahnt er an jenem Samstag noch nicht. Mit einer BMW R23, Baujahr 1939. Doch die steht zu diesem Zeitpunkt noch in einer Werkstatt bei Coburg. 
Ihr Besitzer war inzwischen an den Rollstuhl gefesselt und wollte sich schweren Herzens von seinen vier Schätzchen trennen. So setzte er sich an seine alte Schreibmaschine und antwortete auf die jährliche Einladung aus Ibbenbüren. Er schilderte sein Schicksal und die Entscheidung, seine Oldtimer zu verkaufen. Die Bedingung: Sie müssen in gute Hände kommen. In den Reihen des veranstaltenden Automobilclubs Ibbenbüren (AMC) findet sich leider kein Interessent, und so veröffentlicht der Club in seinem Magazin zur Veteranenrallye einen Bericht mit der Offerte des Oberfranken. 
Das liest natürlich auch Bernd Rückl. Abends zurück in Wolbeck schreibt er sofort eine Mail an den AMC. „Selbstverständlich kommt das Fahrzeug in gute und wertschätzende Hände“, verspricht er. „Hoffentlich hat der Besitzer ein Herz für Anfänger mit technischer Ausbildung in diesem anspruchsvollen Hobby“, fragt sich der Diplomingenieur aus Münster, der in der IT-Branche arbeitet, also beruflich kaum mit Zahnrädern und Motoröl zu tun hat. Ganz bewusst hat der Ibbenbürener ADAC-Ortsclub zunächst einen direkten Kontakt zwischen Verkäufer und potentiellen Käufern vermieden. Schließlich wollte man nicht, dass ein alter Mann über den Tisch gezogen wird. Also wird die Mail ausgedruckt und mit der guten alten Post nach Oberfranken geschickt.

Ein Brief wie aus einer anderen Zeit
Wenige Tage später kommt Post aus Bayern. „Ein maschinengeschriebener Brief. Ungewöhnlich, wie aus einer anderen Zeit“, erinnert sich Rückl. Telefonisch machen der Oberfranke und der Westfale einen Besichtigungstermin für die nächste Woche aus. 
Die Spannung steigt bei Bernd Rückl, als er auf das Gelände einer Tankstelle bei Coburg fährt. Ein Blick durch das Fenster. Tatsächlich, dort steht die BMW. Gemeinsam mit dem Noch-Besitzer nimmt der Münsteraner das Motorrad in Augenschein: Etwas Patina, gut eingeölt, schöner Lack, schöne Linierung. Unter den wachsamen Augen den Seniors beginnt dessen Sohn mit der Startprozedur: Tupfen am Vergaser bis Benzin kommt, Zündung auf spät, Starter in die richtige Position, kick und die Maschine läuft. Jetzt gleich Zündung auf früh stellen. 
Vor der Probefahrt noch eine kurze Einweisung in die Schaltung. Erster Gang rein, einkuppeln und los – noch kein Problem, doch das lässt nicht lange auf sich warten. Hochschalten ist angesagt. Gang suchen, es geht bergan, die Geschwindigkeit fällt ab. Rückl gerät in den dritten Gang. Abgewürgt. Erneutes Starten. „Es ist nicht einfach, die Gänge zu finden. Aber langsam stellt sich ein Gefühl für das alte Schätzchen ein“, stellt der Münsteraner fest. „Mit dem Starrahmen sind die 30 km/h gefühlte 50. Was ein Fahrgefühl. Da kommt keine moderne Maschine mit.“
Inzwischen ist die BMW im Transporter sicher verzurrt, der Rückweg ins Münsterland kann angetreten werden. Letzte mahnende Worte des Ex-Besitzers: „Ist der Benzinhahn zu?“ „Klar!“ „Nein, andersrum!“ „Ach so, bei meiner Honda zeigt der Hahn in diese Richtung!“ Honda? Ein Japaner? Der alte Bayer hört wohl nicht richtig.

Langer Kampf mit den Behörden
Wer glaubt, dass damit die Geschichte zu Ende ist, der kennt deutsche Behörden nicht. In Coburg fuhr die BMW R23 mit einem 07-er Kennzeichen. Doch Bernd Rückl als Oldtimer-Neuling will seinen Neuerwerb permanent zulassen. Also Einzelabnahme beim TÜV.
Hier zeigt sich die erste Schwierigkeit: Wenn man einen Kfz-Brief hat, ist eine Abnahme nach §21 StVZO nicht so problematisch. Doch dieses Dokument existiert leider nicht mehr. „Der TÜV wirbt mit einer Datenbank für über eine Million Fahrzeugtypen. Aber ist meine Maschine nicht enthalten,“ ärgert sich Rückl ein wenig. Zum Glück ist der Gutachter kooperativ. Er übernimmt die Daten, die der Oldtimerneuling zuvor im Internet recherchiert hatte. Dann die Abnahme selbst: Der wichtige Mann im blauen Kittel beanstandet Scheinwerfer und Rücklicht ohne „K~“-Zeichen. Doch diese Kennung gab es 1939 noch gar nicht, und die Abnahme muss nach den Kriterien des jeweiligen Baujahres erfolgen. Sollte ein Prüfer eigentlich wissen und entsprechend schnell ist er überzeugt. Mechanisch findet er überhaupt keine Mängel. Da hat jemand im Vorfeld sehr gute Arbeit geleistet.
Noch schnell zur Zulassung, und die ersten Oldtimerrallyes können kommen. Das Straßenverkehrsamt Münster stellt sich quer. Der fehlende Kfz-Brief wird erneut zum  Problem. Sämtliche Argumente – Scheunenfund, Wirren eines Weltkriegs, 40 Jahre DDR-Diktatur und selbst die erfolgreiche Zulassung in Coburg – werden ignoriert. Da hilft es auch nicht, dass sich sogar die Amtsleiterin der Sache annimmt.
Unverrichteter Dinge muss der Oldtimer-Neuling von dannen ziehen. Zahlreiche Mails werden am nächsten Tag zwischen Wolbeck und der Zulassungsstelle Coburg hin und her geschickt. Verzweifelt wendet sich Rückl telefonisch an den Vorbesitzer. Dessen Brief bringt einige Tage später den Durchbruch. Er bescheinigt mit der inzwischen wohlbekannten Schreibmaschine, dass kein Kfz-Brief existiert. Zugleich redet er den münsterschen Bürokraten ins Gewissen: „In Münster können Sie den Männern von der Zulassung vorlesen, daß 1939 bis 1945 ein schrecklicher Krieg gehaust hat.“ Das wirkt. „Sie können vorbeikommen, wir lassen das Motorrad zu,“ heißt es kurz in einer Mail. 

Der tiefere Sinn im Kfz-Kennzeichen MS II 397
Welches Kennzeichen soll die BMW bekommen? Hier hat sich Bernd Rückl einige Gedanken gemacht, mit denen die Wurzeln seiner R23 ein wenig widergespiegelt werden sollen. Die Maschine wurde laut BMW 1939 im Juli – also im 7. Kalendermonat – an den Händler Friedrich in Eilenburg/Sachsen ausgeliefert. Das Reichskennzeichen wäre 3x „I“, hier muss sich mit „II“ für Dresden beholfen werden. Auch der Zulassungsmonat ist noch zu haben. So fährt sie jetzt mit MS-II 397 durch die Lande. 

Zusätzliche Infos: 

Auf Anfrage von Bernd Rückl gab es diese kurze Info vom BMW-Archiv: „Die BMW R 23, Rahmennummer 111715, Motornummer 110978 (es ist die originale Kombination) wurde im Juli 1939 produziert und am 18.07.1939 an den BMW-Händler Friedrich in Eilenburg ausgeliefert. Weitere Details beispielsweise zu Ausstattung und Verbleib der Maschinen sind nicht bekannt.“
Der Vorbesitzer hatte das Motorrad in den 1990-er Jahren in Ilmenau gekauft. „Es war ein Scheunenfund voller Hühnerschiss“, erzählte er dem Münsteraner. Der Oberfranke zerlegte die BMW komplett und baute sie neu auf. Die Maschine wurde neu lackiert, und seine Frau zeichnete mit ruhiger Hand die Linierung. Zudem wurden der Motor und das Getriebe zerlegt und überholt; der Tacho fachgerecht instand gesetzt. Lenker und Lampenring wurden neu verchromt. Die Räder wurden neu eingespeicht, die Reifen und der Auspuff erneuert. Werkzeug ist vollständig im passenden Fach vorhanden. Trotz all dieser Maßnahmen hat die Maschine Patina, die die wechselvolle – aber leider unbekannte – Vorgeschichte widerspiegelt.
In exakt 8021 Exemplaren wurde die BMW R23 von 1938 bis 1940 gebaut. Sie kostete seinerzeit 750 Reichsmark. Mit einem Hubraum von 247 ccm erzeugte der Motor mit einer Verdichtung von 6:1 eine Leistung von 10 PS bei 5400 U/min. Das reichte für eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h. Der Verbrauch ist mit 2,75 Liter Benzin pro 100 Kilometer angegeben. Zusätzlich muss mit einem Verbrauch von 1 bis 2 Liter Öl auf 1000 Kilometer gerechnet werden.

37. Ibbenbürener Motorrad-Veteranen-Rallye – 2. bis 5. Juni 2017:

Die Ibbenbürener Veteranenrallye ist mit über 300 Vorkriegsmotorrädern und Teilnehmern aus 8 bis 10 Nationen größte Veranstaltung ihrer Art. Mehr als 20 Fahrzeuge sind über 100 Jahre alt. Dazu gibt es am Samstag einen Gleichmäßigkeitslauf im Stadion Ost in Ibbenbüren. Der Eintritt ins Stadion kostet inklusive Fahrerlager 4,00 Euro. Darin enthalten ist bereits ein hochwertiges Oldtimer-Journal mit interessanten Geschichten rund um die Veteranenrallye und ihre Fahrzeuge und Teilnehmer. Nennungsschluss für die diesjährige Veranstaltung ist der 9. Mai. www.veteranenrallye.de
Text: Gregor Mausolf

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