DruckenPDF

Mobilen Welten e.V. zeigt Deutschlands ersten Kleinwagen

90 Jahre Hanomag Kommißbrot



Eine bemerkenswerte Ausstellung zeigt der Verein "Mobile Welten e.V" in der ehem. Salzmühle im Hannoverschen Straßenbahn-Museum (HSM) in 31319 Sehnde-Wehmingen bei Hannover mit der berühmten  Kleinwagenkonstruktion der Hannoverschen Hanomag aus den zwanziger Jahren, dem 2/10 oder im Volksmund „Kommißbrot“ genannt. Die Mobilen Welten e.V. sind seit Anfang 2017 in der historischen Salzmühle angekommen. Der gemeinnützige Förderverein möchte die Entwicklung der Mobilität erfahrbar machen und errichtet in der Region Hannover ein Mobilitätserlebniszentrum, wie ein Brückenschlag zwischen gestern, heute und morgen. Nun wird in einer Sonderausstellung ein besonderer Teil der Mobilitätsgeschichte der Öffentlichkeit gezeigt.

Neben der 25 Meter langen Rekonstruktion der Fließbandfertigung des Hanomags sind zahlreiche Fahrzeuge in der Ausstellung:
-    Kommißbrot Serie 1, 1924-26
-    verschiednen Varianten Kommißbrot Serie 2, 1926-28
-    Kommisbrot Werkstattwagen
-    Kommißbrot-Taxi von 1927
-    Korb-Rennwagen von 1927 des Sammlers und Restaurators Maciek Peda aus Poznan / Polen.
und ein Kommißbrot-Tretauto aus Holz, funktionsfähig aus 1. Hand, Jahrgang 1929.
Zudem sind Konstruktionszeichungen, Einblicke in die Sattlerei, den Karosseriebau und den Motorenbau uvm. zu sehen

Diese Sonderausstellung vom 12. August bis zum 7. Oktober 2018 an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr im Hannoverschen Straßenbahn-Museum (HSM) in 31319 Sehnde-Wehmingen geöffnet. Sonderführungen sind nach Absprache möglich.

Zum Hanomag Kommißbrot:
Der Ende 1924 auf der Automobilausstellung in Berlin vorgestellte Hanomag Typ 2/10 war der erste in Europa am Fließband produzierte Kleinwagen. Die Hanomag in Hannover hatte 1926, wie vorher bereits Citroen und Opel, die Fertigungsmethoden von Henry Ford in Amerika übernommen und damit eine für damalige Zeiten rationelle Herstellung auch in Europa ermöglicht.

Beim „kleinen Hanomag“, wie das Kommissbrot in werksseitigen Druckschriften angepriesen wurde, saß das Steuer – analog zum Kutscher – mangels einer Vorschrift in der Straßenverkehrsordnung noch auf der rechten Seite. Da ein elektrischer Anlasser fehlte, blieb nur der zwischen den beiden Sitzen liegende Handhebel, um den robusten, im Heck sitzenden 500ccm-Ein-Zylinder-Motor anzuwerfen. Dabei waren Linkshänder klar im Vorteil, denn sie konnten das Auto am besten in Gang setzen.

Wasserkühlung war zur damaligen Zeit keinesfalls selbstverständlich und auch ein Viertakter nicht in jedem Fahrzeug zu finden, wohl aber beim Heckmotor des Hanomags. Über ein Drei-Gang-Getriebe wurde mittels Kette die starre Hinterachse angetrieben, die noch über kein Differential verfügte. Um das Radieren der Hinterräder zu minimieren, war die vordere Spurweite deutlich größer als die an der Hinterachse.

Die nahezu revolutionäre Ponton-Karosserie, Holzspeichenräder, das Zyklopenauge vorne und das dumpfe Motorengeräusch gaben dem Kommissbrot etwas unverwechselbares, auffälliges, das die Herzen der Menschen bewegte. So ist es bis heute geblieben.

Die Konstrukteure dieses Kleinwagens, die Ingenieure Carl Pollich und Fidelius Böhler, waren schon 1926 in der Lage, den ersten deutschen Kleinwagen am Band zu fertigen. Der Lokomotivenhersteller Hanomag hatte die beiden Schwaben auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern Ende 1924 kurzerhand mit ihrem Prototyp in Berlin, wo sie studiert hatten, eingekauft. Das kuriose Auto mauserte sich zum Verkaufsschlager und wurde bis zur Produktionseinstellung 1928 insgesamt 15.775 Exemplaren in Hannover-Linden gefertigt.

Auch wenn ein gelernter Arbeiter bei einem Wochenlohn von 50 RM über 13 Monate arbeiten mußte, um sich einen Hanomag 2/10 für zunächst 2.650,- RM leisten zu können, so sprach das Auto doch Käuferschichten wie Landärzte oder Handelsreisende an, die ein günstiges, nur 4 Liter auf 100 Kilometer verbrauchendes Fortbewegungsmittel erwerben konnten. Neben einer Blechgarage wurde bereits ein Ratenkauf angeboten.

Die Fertigung in Hannover-Linden war – nach dem Vorbild von Henry Ford in Detroit – bereits über mehrere Stockwerke in der eigens dafür errichteten Halle 32 gut durchorganisiert, auch wenn ein Tagesproduktion von 80 Fahrzeugen aus heutiger Sicht eher unbedeutend erscheinen mag. Neben einem Cabriolet und einer Limousine mit nur einer Tür auf der Beifahrerseite gab es noch einen Roadster mit Einstiegen. Zusätzlich wurden ein offenes Fahrzeug mit abnehmbarem, festen Verdeck, quasi einem Hardtop, sowie ein Werkstattwagen angeboten, ein Klein-Lkw folgte kurze Zeit später.

Die Hanomag verfügte als alteingesessenes Unternehmen durch die bereits 1846 begonnenen Lokomotivfertigung und den 1912 aufgenommenen Bau von Landmaschinen über ein gut durchorganisiertes, weltweites Händlernetz. So ist es nicht verwunderlich, daß auf dieser Schiene auch die Automobile ihren Markt fanden. Zwar hatte sich das Kommissbrot mit dem Auftauchen des wesentlich moderneren Dixi, dem in Lizenz gebauten Austin Seven, schnell überholt, aber das Unternehmen hatte sich einen Namen am Markt gemacht, der von den Folgemodellen gefestigt werden konnte.


Noch heute sind rund 100 Fahrzeuge in Sammlerhand bekannt, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, denn das kleine Auto wurde von keiner Armee eingezogen oder stand anderweitig im Wege, so daß verhältnismäßig viele Einzelteile und komplette Autos überleben konnten.


Mit Hilfe der Lehrwerkstatt von Komatsu Hanomag in Hannover sowie einer Ausbildungswerkstatt im Berufsbildungszentrum Hildesheim (BBZ) gelang es vor einigen Jahren, einen 25 Meter langen Teil der Fließfertigung originalgetreu zu rekonstruieren. Dazu wurden zunächst nach einer Original-Vorlage fünf Fahrzeug-Rahmen aus U-Profilen originalgetreu zusammengenietet, anschließend ein über eine Kette per Handkurbel zu betätigendes Fließband neu erstellt. Auf diesem sind nun einzelne Fahrzeuge in unterschiedlichsten Produktionsstadien bis hin zum fertigen Kommissbrot zu sehen. Besonders interessant die dabei nachzuvollziehende Gemischtbauweise aus Holz und Blech. Großfotos und alte Blechschilder sorgen für einen ansprechenden Hintergrund. In Vitrinen und auf Tafeln sind weitere Fotos, Modelle und Utensilien rund um diesen frühen Kleinwagen ausgestellt. 


Infos:www.mobilewelten.eu

Kontakt:
Horst-Dieter Görg
Hanomag IG e.V.
Nonnenkamp 17
D – 31139 Hildesheim
h-dieter.goerg@t-online.de


Hinweis


War dieser Artikel für Sie hilfreich?
26 von 26 Nutzern fanden diesen Artikel hilfreich

Weitere interessante Themen für Sie

Oldtimerclubs

Informieren Sie sich über die Oldtimerclubs im ADAC Mehr

ADAC Oldtimer-Ratgeber

Aktualisierte Neuauflage 2017/2018 hier als Online Version  Mehr


Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität