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Leben und Schaffen des Grafen

 

Der ehemalige Archivar der ADAC-Bibliothek, Journalist, Autohistoriker und Autor Hans-Christoph Graf von Seherr-Thoss ist im Juli in Unterhaching verstorben.



  • Bildbeschreibungen

    Abb. 1: Graf Seherr-Thoss übergibt seinem alten Bekannten und Rennfahrer Georg (Schorsch) Meier sein Werk „Die Deutsche Automobilindustrie“, 1976.

    Abb. 2: Während einer Pressetagung bei Daimler in Stuttgart 2009: Graf Seherr-Thoss im Silberpfeil.

    Abb. 3: Während einer Pressetagung bei Daimler in Stuttgart 2009: Graf Seherr-Thoss beim Vortrag über ein archivalisches Thema.


  • Von der Sportreportage zum wissenschaftlichen Standardwerk

    Als Mitglied einer seit dem 17. Jahrhundert in Schlesien beheimateten Großfamilie mit mehreren Gütern und Schlössern interessierte sich Seherr-Thoss jun. weniger für Land- und Forstwirtschaft, wie es Familientradition gewesen wäre, dafür umso mehr für Motorräder, Autos und deren Technik. Schon als Pennäler stand er am Straßenrand und bewunderte die Rennfahrer, die auf ihren Springböcken dem Pokal nachjagten – und nicht selten durch einen Unfall verletzt wurden oder umkamen.

    Neugierig drang er zum Startplatz vor, machte sich mit den Fahrern bekannt, entlockte ihnen ihre kleinen Geheimnisse: Warum gerade diese Reifen? Mit welchen Zündkerzen läuft die Maschine am besten? Welches Öl für welchen Motor? Seine Kladden füllte er mit Notizen, die er in kleine Berichte goss und an die Tagespresse in Liegnitz und an die Schlesische Volkszeitung in Breslau verkaufte.

    Irgendwann konnte er sich eine gebrauchte DKW kaufen und fuhr nun selbst mit – nicht lange. Nach nur zwei Einsätzen musste er seinen besorgten Eltern in die Hand versprechen, nicht mehr Rennen zu fahren, seine Maschine könne er behalten.


  • Kindheit in Schlesien, Studium in München

    Hans-Christoph Graf von Seherr-Thoss wurde am 13. Oktober 1918 in Potsdam geboren. Sein Vater Ernst Hans Christoph Manfred Roger Graf von Seherr-Thoss, einer der Nachkommen des schlesischen Uradels, Major a.D., erfolgreicher Rennreiter, und seine Mutter Feodora Gräfin von Matuschka ließen ihren Sohn auf den familieneigenen Schlössern Dobrau und Walzen, 30 bis 35 km südlich von Oppeln (Opole) gelegen, aufwachsen und von einem Hauslehrer unterrichten.

    Nach Besuchen des Internats Ettal in Oberbayern und der Ritterakademie in Liegnitz (Legnica) wurde Seherr-Thoss eingezogen und diente als Leutnant der Panzertruppe im Russlandfeldzug, wurde aber noch vor der Einkesselung der deutschen Truppen in Stalingrad im Winter 1942/43 nach Berlin in das Heereswaffenamt versetzt.

    Nach der Kapitulation im Mai 1945 waren die Güter in Schlesien verloren, nicht aber sein im Aufbau befindliches Archiv, das Seherr-Thoss schon während des Krieges in das Anwesen nach Ammerland am Starnberger See verlagert hatte. In München begann er 1949 ein Maschinenbaustudium am Oskar-von-Miller-Polytechnikum, das er 1952 mit Diplom abschloss.

    Studium und Lebensunterhalt finanzierte er mit Motorsport-Reportagen für Sportzeitschriften sowie für Abendzeitung und Süddeutsche Zeitung, beide München. Das fiel dem damaligen Vizepräsidenten des ADAC, Hans Bretz, auf, der Seherr-Thoss daraufhin zum ADAC holte und ihn 1954 mit dem Wiederaufbau des während des Kriegs vernichteten ADAC-Archivs über die Kraftfahrt und der kraftfahrzeugtechnischen Bibliothek beauftragte.

    Um diese Zeit hatte der Club mit dem Aufbau der Straßenwacht, mit der Gebührensenkung für Grenzdokumente und mit Motorsport-Veranstaltungen andere große Aufgaben auch noch zu meistern. Fortan ließ sich Seherr-Thoss sämtliche kraftfahrtechnischen und motorsportlichen Zeitschriften nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus dem Ausland schicken, bat die Leser der ADAC Motorwelt um Zeitschriften und Bücher, besuchte Auktionen, erwarb Nachlässe und durchstöberte Antiquariate im In- und Ausland.

    Dabei erwies sich seine Mitgliedschaft in der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (ab 1969) und seine Funktion als Vizepräsident der Historischen Kommission der FIA (ab 1983) als nützlich.


  • Seherr-Thoss, der Archivar und Autor

    Als er 1983, nach 29 Jahren archivalischer Tätigkeit, als Pensionär den ADAC verließ, lag die im übrigen der Öffentlichkeit zugängliche Bibliothek des ADAC vor allen anderen Bibliotheken Münchens – zumindest in der alphabetischen Reihenfolge, wie Seherr-Thoss mit feinem Humor relativierte. Tatsächlich betrug der Bestand zur Halbzeit, um 1968, schon 15.000 Bände, die zusammen „einen Bücherwurm von 480 m Länge (ergeben) oder – noch eindrucksvoller – einen Stapel, der das höchste Gebäude der Welt, das Empire State Building in New York, noch turmhoch überragt“, wie die ADAC Motorwelt vom November 1968 jauchzte.

    Heute wäre der Turm noch um mehr als 5.000 Bände höher, ergänzt von Christophorus-Plaketten und Pokalsammlungen aus der Frühzeit des Automobils. An dieser Stelle sei seine Frau Therese erwähnt, die monatelang im Clubarchiv katalogisierte und die Indizes für seine Bücher anlegte.

    Seine Tätigkeit als Neugründer und Archivar der ADAC-Bibliothek sowie die Freiräume, die ihm das Clubpräsidium über Jahrzehnte hinweg großzügigerweise gewährte, nutzte Seherr-Thoss publizistisch. Motorsportliche Beiträge und Broschüren wie Automobil-, Motorrad- und Flugsport (1958), Rennprogramme (1959 bis 1970), Chronik Freiburger Bergrekord (1963), ADAC 1000 km-Rennen (1964, 1979), „Berühmte Rennwagen“ (1982) oder FIA-Weltrekorde (1988) ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk, desgleichen Rückblicke wie „800 Jahre Münchner Verkehr“ (1958), „Pioniere und Wiegestätten der europäischen Automobilindustrie“ (1962), „Oldtimer“ (1965/66) und „75 Jahre ADAC“ (1978).

    Schwerpunkt waren stets die Männer dahinter, manifestiert in 160 Beiträgen in der Neuen Deutschen Biographie (ab 1970), in „Zwei Männer, ein Stern: Gottlieb Daimler und Karl Benz“ (1984) und im „Dictionary of Famous Personalities in the Automobile World“ (2002), das in den USA erscheinen musste, weil sich hierzulande kein Verlag dafür interessierte. Als Co-Autor schrieb er über die Entwicklung der Büssing- (1968) und der MAN-Nutzfahrzeuge (1991).


  • Viele Veröffentlichungen im Ruhestand

    Zu Standardwerken der deutschen Fachliteratur gehören jedoch Seherr-Thoss’ technische Veröffentlichungen. Zu nennen ist hier an erster Stelle „Die Entwicklung der Zahnradtechnik“ (1965), ein 532 Seiten-Wälzer, in dem der Autor Kreis, Radius und Kammrad bis in die Antike verfolgt und den er mit Formeln, Zahnformen und Tragfähigkeitsberechnungen bis zum Rand füllte. Kaum weniger beeindruckend ist das mit zwei Co-Autoren herausgebrachte Werk über „Gelenke und Gelenkwellen“ (1988, 2002), das 1992 auf englisch und 1998 sogar auf chinesisch erschien.

    Am populärsten hingegen dürfte „Die Deutsche Automobilindustrie“ (1974) geworden sein. Das Werk über einen ganzen Industriezweig war dem SPIEGEL (Heft 32/1974) drei Seiten Buchbesprechung wert und die flapsige Bemerkung, hier eine „Chronik für Technophile und Nostalgiker“ zu rezensieren – zu kurz gegriffen. In Wirklichkeit stellt die „Dokumentation von 1886 bis heute“ (Untertitel) das Nachschlagewerk der deutschen Kraftfahrt schlechthin dar.

    Nach seiner Pensionierung 1983 brachte Seherr-Thoss seine Bücher heraus, siehe oben, (über-)füllte Hörsäle an den TU’s und TH’s in München, Dresden und Aachen und wagte sich noch mit 86 Jahren an die Mysterien des Computers. Als Träger in- und ausländischer Auszeichnungen verstarb Seherr-Thoss im Alter von 92 Jahren am 17. Juli 2011 in seinem Haus in Unterhaching bei München. Der ADAC, so ein ehemaliger Mitarbeiter, hat dem Grafen viel zu verdanken. Nicht nur der ADAC.

    Erik Eckermann

     

    Bildquellen: Kunath, Seherr-Thoss


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