DruckenPDF

Rette sie wer kann - Hausmannskost und Götterspeise aus Niederbayern

Das Goggomobil, mit dem Glas den Autobau begann und das große Goggomobil, später Isar, mit Panorama-Windschutzscheibe, die ihm jene elegante Linie (verleiht), auf die der Kleinwagen-Käufer bisher verzichten musste.
  • Rette sie wer kann!

    Neben dem Volkswagenwerk gab es noch zwei weitere Autohersteller, die das sogenannte Wirtschaftswunder anschoben: Lloyd in Bremen und Glas in Dingolfing.


  • Hausmannskost und Götterspeise aus Niederbayern
    Friedhofsbesuche können ungemein ergiebig sein, wenn es sich um Autofriedhöfe handelt, ein abgewrackter Begriff für Schrottplätze, die heute hochgestochen als Metallverwertung, Autoverwertungscenter, Rohstoffhandel, Recycling- oder Wertstoffhof durchgehen. Eins war und ist allen gemeinsam: Der Suchende stapft durch den Dreck, es ist immer kalt, zumindest ist das so meine Erinnerung, und man fühlt, auch daran erinnere ich mich, stets den wachsamen Blick vom Hund vom freundlichen Friedhofsmann im Nacken, weil der von Natur aus misstrauisch ist, genauso wie sein Hund. Doch dann entdeckt das tränende Auge einen Kleinwagen mit Panoramascheibe und blitzförmig geschwungener Zierleiste an der Seite. Und weil dieser verdeckt und ich weiter weg stand, konnte ich nicht auf Anhieb erkennen, ob ich da das Vorderteil von einem Glas Isar oder das Hinterteil von einem NSU-Fiat Weinsberg Coupé vor der Flinte hatte. 

    Es war ein Glas, den ich auf einem meiner Streifzüge im Februar 1971 auf einem Friedhof entdeckte. Statt in einer Grube lag er unter einer Schneedecke, wie gesagt, es war mal wieder kalt, und das Totenhemd, pardon, das Blechkleid war nach zwölfjährigem Tragen zerknautscht, zerrissen und durchlöchert. Das alles machte wenig Appetit. Ich öffnete Türen und Klappen und war überrascht, diesmal angenehm, denn Innenausstattung und Mechanik waren komplett und machten einen guten Eindruck. 

    Sollte ich den Glas nun mitnehmen oder nicht? Ich spürte, wie mir allmählich unbehaglich wurde, denn nun stand sie wieder vor mir, die Frage: Legst Du Dich auch bei Schnee unter das Auto und schaust es von unten an? Ich holte die eigentlich für sonnige Strände gedachte Bastmatte aus meinem Auto und kroch unter den Glas Isar, der, da vermutlich vor Herbst 1959 gebaut, offiziell noch Goggomobil T 600 hieß: Auch hier war die Mechanik inklusive Auspuffanlage in Ordnung, das Bodenblech weniger. Was tun? Frag' nach dem Preis, machte ich mir Mut, doch der Totengräber wollte zu meiner Verblüffung keinen Zaster haben, sondern nur das Auto loswerden. Es gab also doch noch freundliche Friedhofswärter, dachte ich, und nun fiel mir auch auf, dass es hier keinen bissigen Hund gab, der einen auf Schritt und Tritt verfolgte. Auf dem Gottesacker, pardon, Schrottplatz herrschte eher die entspannte Atmosphäre von Senioren, die schon vieles im Leben gesehen hatten. Was man von den umher stehenden Autos wohl auch annehmen konnte.

    In der Scheune befasste ich mich näher mit dem Glas, den die Zeitschrift Roller Mobil Kleinwagen in ihrer Dezember-Ausgabe 1958 als „vorn englisch, hinten Dingolfing“ charakterisierte. Das ließe sich zu „Mischung aus Konvention und Moderne“ erweitern, denn Hinterradantrieb und blattfedergeführte hintere Starrachse waren Merkmale herkömmlicher Autos, Boxermotor und Panoramascheibe schmeckten eher nach Avantgarde aus Europa und Amerika. Wobei beide Attribute hinterfragt werden können: Das Panoramaglas brachte weder Fahrer noch Passagieren wirkliche Vorteile, beglückte das Herstellerwerk jedoch mit hohen Entwicklungs- und Ersatzteilkosten, einer weichen A-Säule und einem gestörten Karosseriedesign. Und bei dem luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor handelte es sich um einen Ausrutscher in die Motorradtechnik, der weder zu den luftgekühlten Zweizylinder-Zweitakt-Twins der Goggomobile (1955-69) noch zu den wassergekühlten Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotoren der 04-Baureihe (1962-67) passte. Das Goggomobil T600/T700/Isar baute Glas von 1958 bis 1965 in etwa 87.600 Exemplaren inklusive Kombis exklusive Auslandsmontage, weniger zwar als Lloyd 600/
    Alexander und NSU Prinz I-III, mehr jedoch als BMW 600 und 700.

    Die erfolgreichste Glas-Modellreihe war das Goggomobil, von dem im genannten Zeitraum 280.709 Exemplare inklusive Transporter gebaut wurden. Die nach dem Storchschnabel-prinzip verkleinerte Limousine im Dreibox-Design mit 250, 300 und 400 cm³ Hubraum riss fürchterliche Löcher in die Interessentenlisten von BMW Isetta und Messerschmitt Kabinenroller, Goggos einzige ernstzunehmende Konkurrenten. Doch neben der Brot-und-Butter-Limousine bot Glas ab 1957 auch ein 2+2-Coupé an, vom Werk überschwänglich als „Liebling der Götter“ gepriesen, „denn seine liebenswürdige Eleganz, seine sportliche Note, die vorzüglichen motorischen und fahrtechnischen Eigenschaften, das alles zusammen bei ungewöhnlich bescheidenen Haltungskosten hat ihm das reizende Prädikat eingebracht“ (Pressemitteilung).

    Ein solcher Götterliebling fiel mir für kleines Geld im Oktober 1973 in die Hände, sozusagen aus heiterem Himmel. Das Blech der 250 cm³-Investition war zum Teil ausgebessert, der Dachhimmel unansehnlich, doch ansonsten war der Supersportler überkomplett, denn einige Ersatzteile und Räder mit Reifen gab's kostenlos dazu. Ich hortete ihn, wie auch den Isar, ein paar Jahre, bis sich in Deutschland das Interesse auch für Kleinstwagen herausgemendelt hatte. Heute ist so ein Auto der Liebling des Publikums, denn es verweilt vor ihm länger und entzückter als vor einem Ferrari. Wer hätte das in den sechziger Jahren gedacht.

    Erik Eckermann


Weitere interessante Themen für Sie

Oldtimermuseen

Schöne Oldtimermuseen und Sammlungen hier im Überblick. Mehr

Geschichte & Geschichten

Die Geschichte der Oldtimer und weitere interessante Themen zu historischen Fahrzeugen. Mehr

– Mein ADAC –

Oldtimer-Newsletter

Alles, was Ihr Liebhaberherz begehrt: Informationen rund um Technik, Toureninfos, Veranstaltungen usw. Kostenlos und aktuell! Mehr





Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität