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Der Autoinformator

 

An einem heiteren Sonntagmorgen im Frühling 1904 durchfuhr auf der Fernfahrt von München nach Ulm ein schneidiger Automobilist auf einem zweizylindrigen Motorwägelchen Augsburg. Schon vor der Stadtgrenze bemühte sich ein mit viel schlichtem Gold auf grüner Uniform und blitzender Pickelhaube geschmückter, berittener Gendarm vergeblich, den mit 20 km/h „einherrasenden“ Kilometerfresser anzuhalten.

Er verfolgte das knatternde und zuweilen auch knallende Gefährt, dessen Fahrer offensichtlich alle Hände voll zu tun hatte, seine Mechanik in Gang zu halten, fast durch die ganze Stadt. Da sich aber das edle, königlich bayerische Dienstpferd trotz kurzzeitig überlegener Geschwindigkeit weigerte, dem Teufelswagen näherzukommen als bis auf zehn Meter, musste der altgediente, grüngoldene Reiter seine Verfolgung aufgeben.

Als der Motorwagenfahrer sah, daß er siegen würde, drückte er mehrmals den Gummiball seiner Hupe, die ein lautes, heiser meckerndes Hepp-Hepp-Hiepp hören ließ, worauf der stolze Polizeimustang hochging, jeden weiteren Gehorsam verweigerte und gefährlich auszukeilen begann. Derartige Vorkommnisse hatten sich auch anderwärts ereignet. Es mußte etwas dagegen geschehen!



  • Preisausschreiben zur Tachometerentwicklung

    Schon am 29. Juni 1904, nahezu 20 Jahre nach Erscheinen der ersten Motorwagen von Daimler und Benz, trat im Sitzungssaal des Königlich Preußischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten zu Berlin eine Kommission zur Beratung eines Preisausschreibens zusammen, um ein brauchbares Tachometer zu erhalten.

    Es war den Behörden nun doch aufgefallen, daß Automobile erheblich schneller sind als die besten Polizeipferde. Außer Geschwindigkeitsanzeigegeräten sollten auch Laternen und Nummernschilder geprüft werden; es wurden Haftpflicht- und Steuergesetze vorberaten, so daß am 1. Juli 1906 eine neue Verkehrsordnung für Kraftfahrzeuge und wenig später das erste Haftpflichtgesetz in Kraft traten.

    So unglaublich es auch erscheinen mag, es gab damals noch kein brauchbares Tachometer. Das Tachometer-Preisausschreiben verlangte ein vorn am Motorwagen angebrachtes, deutlich sichtbares und nachts beleuchtetes Anzeigegerät, eine Art Zifferblatt, auf dem ein Zeiger einem Polizisten die Geschwindigkeit abzulesen erlaubte. Während man sich nun - es waren hauptsächlich Uhrenfabriken - um die Konstruktion eines den Bedingungen entsprechenden, jeden Wagen verunzierenden Tachometers bemühte, konstruierte der württembergische Uhrenfabrikant und Landtagsabgeordnete Richard Bürk, der schon verschiedene Lokomotiv-Tachographen entwickelt hatte, den Auto-Informator.


  • Vorfahre der heutigen Navis

    Dieser „Informator“ entstand zu einer Zeit, da sich Automobilisten anstelle von Autokarten, die es noch nicht überall gab, ganz einfach der Generalstabskarten bedienten. Außerdem konnten die damaligen Wegweiser an den Kreuzungen nur gelesen werden, wenn man unmittelbar davor stand, schon gar nicht unter dem Schütteln und Vibrieren des Wagens oder gar des nachts im Schein launischer Karbidscheinwerfer, trübe leuchtender Taschenlampen oder flackernder Zündhölzchen. Vorausgesetzt natürlich, daß die Farbe von den Holztafeln nicht schon abgeblättert war.

    Bürk also erdachte ein verhältnismäßig kleines Anzeigegerät, dessen wesentliches Organ aus einer entsprechend der gefahrenen Geschwindigkeit sich drehenden, von einer biegsamen Welle angetriebenen, gezahnten Trommel bestand. Diese zog einen sieben Zentimeter breiten, am Rand in die Zähne der Trommel passenden, perforierten Lochstreifen unter einer Reihe von zehn abtastenden, verschiedene Lämpchen einschaltenden „elektrischen Kontakten“ hindurch.

    Auf dem Lochstreifen war eine bestimmte Strecke, zum Beispiel die hier im Bild angedeutete Landstraße Chemnitz-Wiesenthal, verhältnisgerecht aufgezeichnet und gelocht. Beim Befahren dieser Strecke leuchteten bei richtiger Einstellung des Papierbandes auf dem „Auto-Informator“ vor dem Fahrer rechtzeitig jene Warnzeichen und Fahrhinweise auf, denen sich das wohlausgerüstete Automobil auf seiner Zielfahrt gerade näherte und auf die der Fahrerzu achten hatte.

    Es gab auf dem Gerät der Zeichen zehn: Kreuzung, Rechtskurve, Linkskurve, Bahnübergang, Rechtsabzweigung, Linksabzweigung, Achtung, rechte S-Kurve, linke S-Kurve und einen roten Punkt. Dieser erschien immer, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen war, bei Durchfahrt der erreichten Ortschaften. Bei Umleitungen versagte natürlich das System, doch diese waren damals nicht so häufig wie heute.

    Es war daran gedacht, das ganze Landstraßennetz des Deutschen Reiches auf Papierbänder zu stanzen und zu drucken. Betrachtet man die Bürk'sche Erfindung im Licht heutiger Technik, so hat man es mit einer ersten, auf den Verkehr mit Kraftfahrzeugen abgestimmten Programmierung durch Lochstreifen zu tun. Die Betrachtung aber soll dadurch, daß der geschichtswürdige Erfinder und frühe Motorwagenfahrer Richard Bürk bei seiner ersten Ausfahrt mit dem Wagen einen Pfeiler des Tores seiner Fabrik umfuhr, nicht beeinträchtigt werden.

    F. L. Neher

     

    Quelle: Motor im Bild, Karl Thiemig Verlag München


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