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ADAC Motorwelt 09/1952

Mit dem Auto stimmt was nicht!

 

„AH 72485 steht in der Garage und läßt die Kotflügel hängen. AH 72485 hat kein Benzin, kein Wasser, kein Öl, und auf den Reifen ist noch nicht einmal ein anständiger Luftdruck. Das einzige, was er hat, ist Staub. Und dann natürlich das Fleckchen auf dem Zementfußboden, gleich vorn unter dem Kühler.

Das Fleckchen ist schon immer der dunkle Punkt im Leben des AH 72485 gewesen. Kaum war der Wagen, ein Muster an Vollkommenheit und in strahlendem Glanz, aus der Fabrik gekommen, war es schon da, das Fleckchen. Wir betrachteten es von allen Seiten: „Er ist ja noch so jung“, sagte meine Frau, nachsichtig wie immer, „und wer weiß, ob das Fleckchen nicht schon vorher da war?“ Sie nahm einen schneeweißen Lappen und wischte es weg.

Am nächsten Morgen war es wieder da. Meine Frau wischte es weg. Am nächsten Morgen, wischte sie es wiederum weg, ich aber sagte: „Mit dem Auto stimmt was nicht, wo ein Fleckchen ist, ist auch ein Loch.“

„Das Auto hat ein Loch?“ flüsterte meine Frau. „Und was für eins!“ nickte ich. Dann fuhr ich zum Mechaniker. Der öffnete die Kühlerhaube, warf einen einzigen, aber messerscharfen Blick in das Eingeweide, sagte: „Benzintank leckt“, und setzte einen neuen Hahn ein.

Am nächsten Morgen aber was glänzte auf dem Fußboden, gleich vorn unter dem Kühler? Das Fleckchen. Ich stöhnte dumpf auf, fuhr zu einer anderen Reparaturwerkstatt, ließ den Ölhahn dichten, am folgenden Tag den unteren Wasserhahn, dann den oberen Wasserhahn, der neue Vergaser wurde durch einen noch neueren ersetzt, der Batterie ging es ebenso, und die Kühlerlamellen wurden durch Quellstoffe noch dichter gemacht, als sie es schon waren. Aber hier hatte der Teufel die Hand im Spiel. Jeden Morgen lag, gleich vorn unter dem Kühler, das Fleckchen.

Ein paar Tage lang war es, als ob eine Gewitterwolke über der Garage läge. AH 72485 glupschte mich ironisch wie ein Dackel mit den Scheinwerfern an. Aber der Mensch gewöhnt sich an Schlimmes und Schlimmstes, sogar an ein Fleckchen unter dem Kühler und als meine Frau sagte: „Ich habe ausgerechnet, es kostet pro Tag eins Komma vier Pfennig“ — da zuckte ich die Achsel, und wir beschlossen, das Fleckchen zu ignorieren.

Wir ignorierten es. Monat um Monat lag es da und glänzte. Manchmal war es etwas größer, manchmal ein wenig kleiner, und allmählich sahen wir es wirklich nicht mehr, das Fleckchen.

Inzwischen aber kam die Zeit, wo ich nach Amerika fuhr, AH 72485 wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt, blieb in der Garage, setzte, wie schon oben vermerkt, Staub an und Rost, und schließlich roch er nicht einmal mehr nach Auto.

Zehn Wochen später war ich wieder in der Garage, und das erste, was ich sah, war das Fleckchen. Ich wollte es wie einen guten alten Bekannte begrüßen, da fiel mir etwas ein. Erstens: Hatte ich nicht eigenhändig Benzin, Öl und Wasser aus den hierfür vorgesehenen Behältern entfernt? Ich hatte es. Zweitens: Darf ein Wagen, der keinerlei Flüssigkeit mehr im Leib hat, Fleckchen produzieren? Er darf es nicht.

Zum zweiten Mal hing eine Gewitterwolke über der Garage, Denn am nächsten Tag war das Fleckchen wieder da, und auch am übernächsten. Nunmehr beschlossen wir zu handeln. Ich legte mich unter das Auto, leuchtete mit der Taschenlampe und tat nunmehr das, was ich schon längst hätte tun sollen: Ich beschnupperte das Fleckchen, „Es riecht nach nichts“, rief ich meiner Frau zu, „also ist es gar kein Benzin.“

„Und wonach schmeckt es?“ rief meine Frau zurück. Ich tupfte den Zeigefinger hinein, probierte, probierte noch einmal, stand auf, sagte kein Wort, ging ins Haus, öffnete die Türen, begab mich zurück in die Garage, legte mich auf die Lauer, und nun — endlich, endlich! — wußte ich, wie das Fleckchen seit einundzwanzig Monaten und jeden Tag auf den Fußboden, gleich vorn unter den Kühler kam.

Es war Waldmann, der Dackel.“ 

 

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ADAC Motorwelt 09/1952

 


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