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ADAC Motorwelt 06/1951

Die Regen-Mille Miglia

 

Das Interesse für den Automobilsport hat in Italien sehr stark nachgelassen. Aber zweimal im Jahr, im Frühling, wenn Anfang bzw. Ende April die Sizilienrundfahrt und das Tausendmeilen-Rennen stattfinden, dann ist die alte Begeisterung wieder da — dann bildet die Bevölkerung entlang der ganzen Strecke eine (manchmal nicht ungefährliche) Mauer und jubelt den Fahrern zu, egal ob sie einen wenig bekannten Namen haben oder Kanonen sind, egal ob es Tag oder Nacht ist, ob es stürmt oder regnet.



  • Mazzotti ist Namensgeber der MM

    Die Mille Miglia versetzt heute noch ziemlich jeden Italiener in Ekstase, ganz zu schweigen von den Automobilsportlern, die dann nicht mehr zu halten sind. Genau so populär wie die Mille Miglia selbst sind ihre Schöpfer und Veranstalter, Renzo Castagneto und Graf Maggi, und unvergessen ist der inzwischen gefallene Franoo Mazzotti, der den Namen „Mille Miglia“ prägte. Zu seiner Erinnerung und Ehrung heißt die Mille Miglia „Coppa Franco Mazzotti".

    Die in diesem Jahr durchgeführte 18. Mille Miglia wird als die des Unwetters allen in Erinnerung bleiben. Seit einigen Jahren war der Regen schon fast eine traditionelle Begleiterscheinung geworden, doch so stark wie diesmal, wo er die Fahrer über fast drei Viertel der Strecke begleitete, war er sonst nicht.

    Er stellte die Fahrer (und für nächstes Jahr auch die Reifen- und Wagenfabriken) vor ein für Touren- und Sportwagen ganz neues Problem: nämlich das der Haftung und des Kraftschlusses zwischen Reifen und Straße. Besonders die starken Wagen mit den niedrigen Leistungsgewichten gingen beim Bremsen wie beim Beschleunigen einfach hinten weg.

    So kam es, dass nach einem Massensterben der Favoriten als einziger direkter Gegner für den meisterhaft geführten 4,1 Liter Ferrari von Villoresi nur das 2-Liter-Lancia-„GranTurismo"-Coupé von Bracco übrig blieb, während die noch im Rennen gebliebenen stärkeren Wagen ziemlich weit zurücklagen. Abgesehen von der wirklich großartigen fahrerischen Leistung Braccos und dem ausgezeichneten Gesamtabschneiden dieses neuen Lancia-Typs war hierbei — in Anbetracht der selten ungünstigen Umstände — vor allem die gegenüber dem Ferrari erheblich geringere Leistung des Lancia (80 PS gegenüber 220 PS) entscheidend, so eigenartig dies klingen mag.


  • Unfälle gleich nach dem Start

    Die Serie der Unfälle begann schon bald hinter Brescia, genauer gesagt etwa 30 km vom Start in den gefährlichen Kurven vor Desenzano. Außer drei weiteren Fahrern landeten hier Ascari mit dem 4,1-Liter-Ferrari und die beiden Engländer Moss und Johnson, beide auf Jaguars, seitlich im Gelände. Ascari war von einem zu begeisterten Zuschauer, der die Scheinwerfer seines abseits stehenden Wagens voll aufgemacht hatte um die Nummern der Teilnehmer besser zu erkennen, geblendet worden (Regen, nasse Scheibe, nasse Brille), während Johnson vermutlich auf eine Öllache kam und Moss wahrscheinlich einfach zu schnell war.

    „Wieso Scheinwerfer bei einem Rennen" werden Sie fragen. Eine der Charakteristiken der Mille Miglia ist, dass der Start bei Nacht beginnt (und in diesem Jahr wurde er sogar auf den Abend vorverlegt), damit die mehreren Hundert Teilnehmer, die im Ein-Minuten-Abstand starten, das Ziel am Abend, bzw. jetzt am Nachmittag erreichen. Von den 428 gemeldeten Teilnehmern starteten in diesem Jahr 319 und von diesen erreichten 175 das Ziel!

    Hinter Verona schied auch Altmeister Biondetti wegen eines geplatzten Kühlerschlauches aus. Der junge Sighinolfi dagegen, der bis dahin mit dem 1100er Stanguellini-Sportwagen fast so schnell war wie Villoresi, schlug sich ziemlich unfein seitlich in die Büsche und verletzte sich dabei am Knie.


  • Favoritensterben bei Ferrari

    Nach der ersten Kontrolle, Ravenna, die der Vorjahressieger Giannino Marzotto mit fünf Minuten Vorsprung vor Villoresi passierte, fielen drei der aussichtsreichsten Ferraris aus dem Rennen. zunächst Giannino Marzotto selbst, wegen Differentialschaden an seinem 2,5-Liter-Ferrari-Spezialcoupé, dann sein Bruder Vittorio, der den offenen 4,1-Liter Ferrari-Sportwagen bei dem Sturm und Regen einfach nicht mehr auf der Straße halten konnte und deshalb aufgab, und schließlich Serafini, der kurz vor Pescara einen schweren Unfall erlitt, der ihn leider für einige Monate außer Gefecht setzen wird. Zuschauer hatten eine Kurve so umlagert, dass er nicht mehr sah wo die Straße weitergeht. Durch das schnelle Bremsen war es dann schon passiert.

    So blieb ab Pescara, das er mit einem Durchschnitt von 139,226 km/st passiert hatte, Villoresi als einziger Spitzenfahrer von Ferrari übrig, gefolgt mit etwa 10 Minuten Abstand von Bracco auf dem Lancia-Coupé. Erstaunlich auch die Leistung des 1100er-OSCA-Sportwagens von Bordoni, der hier an dritter Stelle lag, vor dem 2,5-Liter-Alfa-Romeo von den Bornigias und den 2-Liter-Wagen von Schwelm (Maserati) und Paolo Marzotto, dem jüngsten der vier Brüder, auf Ferrari.

    Auf den nach Rom führenden Gebirgsstraßen des Apennins fiel Schwelm wegen Getriebeschadens aus, während die Bornigias Bordoni auf den vierten Platz verweisen konnten.


  • Das Abenteuer ging auf der Rückfahrt weiter

    Aber auch auf dem Rückweg von Rom, auf der westlichen Seite der Apenninen und dann über diese hinweg nach Florenz und Bologna blieben die Überraschungen nicht aus. Scotti auf einem 2,5-Liter-Ferrari und zwei Aurelia-Coupes mit Ippocampo und Valenzano konnten zur Spitzengruppe aufrücken. Es begann eine allgemeine Raserei, wobei die Gebrüder Bornigia bei der Abfahrt vom Futa-Paß schwer verunglückten. In halsbrecherischer Fahrt gelang es Bracco bis fast auf vier Minuten an Villoresi heranzukommen, wobei allerdings eine Rolle spielt, dass Villoresi einen Getriebedefekt hatte und ab Siena (also die letzten 400 km) alles im vierten Gang fahren musste.

    Die angenehmste Überraschung für die Fahrer war dann wohl die ab Florenz scheinende Sonne und die trockenen Straßen. Da konnten sich dann die „Großen" endlich austoben. Villoresi konnte sich jetzt wieder freischwimmen und kam schließlich mit 19 Minuten Vorsprung vor Bracco durchs Ziel. Bordoni verlor seinen vierten Platz und seinen Klassensieg durch einen Benzinpumpendefekt, der ihn vierzig Minuten aufhielt.

    Der an dritter Stelle liegende Paolo Marzotto wurde auf der schnellen Schlussetappe noch von Scotti überholt und landete dadurch erst an vierter Stelle. Fünfter wurde schon das zweite Lancia-Aurelia-Coupé von Ippocampo, dem dann Valenzano mit dem gleichen Wagen an siebter Stelle folgte, während Bonetto auf seinem 4,5-Liter-Alfa-Romeo-Ungetüm mit 12-Zylinder-V-Motor sich auf der trockenen Straße von ziemlich weit hinten bis auf den sechsten Platz vorarbeiten konnte.

    Obwohl sie in der Gesamtwertung nicht in Erscheinung tritt, soll hier die großartige Leistung der beiden Münchner Gunzenhauser und Merkel nicht vergessen werden, die ohne jede Streckenkenntnis und trotz eines Unfalls, der sie etwa 40 Minuten kostete, mit ihrem Dyna Panhard als vierte in ihrer Klasse (hinter den Franzosen Descollonges-Ginoux und zwei italienischen Mannschaften) durchs Ziel fuhren.


  • Ein Kraftakt sondergleichen

    England sicherte sich einen Klassensieg durch Wisdom-Hume auf dem 2,5-l-Aston-Martin, die bei den „schnellen Tourenwagen" über zwei Liter die Ferraris auf die Plätze verwies.

    So schloss sich der Ring dieses längsten und wohl schwersten Rennens. Die Teilnehmer hatten zwischen 13 und 24 Stunden lang ununterbrochen auf ihren Sitzen gesessen und so gut es ging immer feste draufgedrückt. Das sind Gewaltproben für Mensch und Maschine.

    Können Sie sich vorstellen was es heißt, zum Beispiel im offenen Sportwagen diese ganze Zeit vollkommen durchnässt mit 100 km/h oder mehr durch die Gegend zu rasen? Da sind dann nämlich Regentropfen keine angenehme Gesichtsmassage mehr. Scotti und Paolo Marzotto, beides bewährte Sportwagenfahrer, waren nahe am aufgeben. Der Regen und die Nässe hatten dem einen Magen und Darm durcheinandergebracht und dem anderen wurde von den dauernden Nadelstichen im Gesicht speiübel. Haben Sie solche Dinge auch schon bedacht?

    Ein Coupé ist da bestimmt angenehmer, aber: möchten Sie bei einem wolkenbruchartigen Regen, den Ihre Scheibenwischer bei dem Tempo niemals verschaffen können, mit 160 oder 180 km/h auf unabgesperrter Landstraße stundenlang, teilweise sogar bei Nacht fahren? Oder noch schlimmer: nebendran sitzen und warten, ob alles gut geht, ob zum Beispiel das Brückengeländer, das immer näher kommt, auch wieder weggeht oder ob es bald kracht und bumst?

    Die Mille Miglia ist ein schönes Rennen, aber sie ist auch verdammt hart und jeder, der sie gefahren ist, weiß, was er hinter sich hat. 

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    ADAC Motorwelt 06/1951


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