DruckenPDF

ADAC Motorwelt 04/1951

Der Amerikaner und sein Automobil

Associated Press meldet: Die große Automobil-Ausstellung von 1951 in Chicago, an der sich 22 Firmen mit zweihundert Personenwagen beteiligen, ist in vollem Gange.

Sämtliche Modelle zeichnen sich durch flüssige Formen und Neuigkeiten aus. Die Tendenz nach stärkeren Kompressor-Maschinen und automatischer Gangschaltung ist nicht zu übersehen.


  • Das Auto als soziale Skala

    In einer Betrachtung zu dieser Ausstellung schreibt eine führende USA-Zeitschrift: „Dem Amerikaner bedeutet sein Automobil mehr als lediglich ein modernes Transportmittel. Es gehört zur Familie. Man steht zu ihm in der gleichen, liebevollen Vertrautheit wie der Beduine zu seinem Kamel oder der Nomade zu seinem Reitpferd. Es begleitet den Besitzer zur Arbeit und zur Erholung.“

    Wer den fortlaufenden Strom der Wagen durch die breiten Straßen von Chicago betrachtet, wer einen Blick auf die überfüllten Parkplätze wirft, wird sogleich erkennen, dass dieses „moderne Transportmittel" aus dem Leben des Amerikaners nicht mehr wegzudenken ist. Geht er aber hinein in die kleinen und mittelgroßen Städte des Landes, die für den europäischen Beobachter die wirkliche Fundgrube amerikanischen Lebens sind, so wird ihm der Sinn der Worte der Zeitschrift noch klarer werden. Denn er wird mit Erstaunen feststellen müssen, dass der Besitz eines Automobils allein keineswegs ausschlaggebend ist.

    Er wird vielmehr die Beobachtung machen, dass es eine „soziale Skala“ gibt, die dem Einzelnen seinen Wagentyp genau zuweist. Denn es ist keineswegs gleich, ob jemand einen Ford, einen Chevrolet, einen Dodge oder einen Buick fährt.

    Gewiss, Joe Smith kann jeden Wagen kaufen, der ihm gefällt - und den er bezahlen kann. Wenn er mit ihm jedoch in seinem Heimatstädtchen Decatur auftaucht, dann wird sein Kauf abgeschätzt und kritisiert. Denn er muss Rücksicht nehmen, Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung, die er und seine Familie bei Nachbarn und Arbeitskollegen einnehmen.


  • Erfolg verdient Anerkennung, keinen Neid

    In der Metropole, wo einer den anderen nicht kennt, ist es gleich ob er einen Ford oder einen Cadillac fährt. Daheim aber wird der solide und geschäftstüchtige Amerikaner sich dem Urteil der „Main Street", diesem von Sinclair Lewis gezeichneten Charakteristikum des Alltagslebens, unterwerfen, um weder als Angeber noch als Geizkragen zu gelten. Sicher ist es schön, einen Ford zu besitzen - und es gibt genügend Amerikaner, die sich keinen leisten können - aber der Anspruch, eine gesellschaftliche Stellung unter seinen Mitbürgern einzunehmen, beginnt erst mit der Klasse des Chevrolet, Plymouth oder Pontiac.

    Man wird Joe Smith erzählen, wie es dem alten Harry McConnell ging. Als Harry vor Jahren ins Städtchen kam, musste der junge Arzt hart um seine Praxis kämpfen und erst als er die Tochter einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie geheiratet hatte, ging es aufwärts. Heute fährt der „Doktor“ stets das neueste Buick-Modell.

    Man wird ihm weiter berichten, dass William Powel, der Geschäftsführer des Gaswerkes, sich sehr wohl ein teueres Modell leisten könnte, dass er jedoch bei seinem Pontiac bleibe, um sich nicht den Anschein zu geben, er lebe über seine Verhältnisse. Man wird schließlich auch Theodore Price erwähnen, der als Direktor des großen Industriewerkes am Stadtrand von Decatur einen blitzenden Cadillac fährt. Von ihm und seiner Familie erwartet man es nicht anders und - einer der schönsten Züge des amerikanischen Gemeinschaftslebens zeigt sich hier in bestem Lichte - man neidet ihm den Besitz nicht, sondern ist stolz darauf, diesen tüchtigen Geschäftsmann als Mitbürger zu haben.

    Es gehört nun einmal zur amerikanischen Lebensform, dass dem Erfolgreichen, dem es geglückt ist, die „Big Chance“ eines Lebens im richtigen Augenblick genutzt zu haben, allgemeine Anerkennung, ja Bewunderung gezollt wird. Wenn ein Bürger des Städtchens Decatur die Skala des beruflichen Erfolgs von Stufe zu Stufe emporgestiegen ist, so werden seine Geschäftsfreunde sich mit ihm freuen und seine Konkurrenz wird ihn als Beispiel herausstellen. Darum begleitet einen Weg - der sich im Besitz eines „seiner Stellung" angemessenen Automobils so typisch widerspiegelt - nicht verbissener Neid, sondern bejahende - Anerkennung.

    Hat Joe Smith vor einer Dekade seinen sozialen Aufstieg mit einem Ford begonnen, hat er sich sodann einen Chevrolet, einen Plymouth, ein Oldsmobil, einen Chrysler und schließlich tatsächlich einen Buick leisten können, so ist er nur den Weg gegangen, der jedem Amerikaner als Wunschtraum vorschwebt.


  • Unter Zugzwang

    Das in jeder Klein- und Mittelstadt der Vereinigten Staaten pulsierende geschäftliche Leben, die berufliche und gesellschaftliche Konkurrenz, werden in diese in großen Zügen vorgezeichnete „soziale Skala des amerikanischen Automobils“ Lücken reißen, werden Rückschläge verzeichnen und Glücksperioden registrieren. Der ehrgeizige Geschäftsmann wird sich ungern lumpen lassen. Hat ich der - im eigenen Werturteil - als unwichtiger angesehene Nachbar Fred Williams plötzlich das neueste Modell eines Chryslers angeschafft, dann wird man seufzend in die Tasche greifen und sich zum mindesten ein gleichwertiges Auto kaufen.

    Sind Zeiten und Geschäfte allgemein flau, so mag es noch hingehen einen älteren Wagen zu fahren und trotzdem Ansehen und Kredit nicht zu schmälern. Bei durchschnittlich gutem Geschäftsgang aber bedeutet das allzu andauernde Verweilen bei einem überholten Modell, dass man scheinbar oder tatsächlich nicht mehr mithalten kann - ein geschäftlich wie gesellschaftlich bedenkliches Zeichen.


  • Besitzerstolz aus zweiter Hand

    Diese kleine Plauderei über das Automobil als Gradmesser im sozialen Leben kann in Decatur mit gleicher Wärme geführt werden, wie in Yorkville oder Jamestown. Sie wird aber - um das Bild abzurunden - nicht an der Frage vorübergehen können: was geschieht mit dem Wagen, den Joe Smith fabrikneu kaufte und den er wieder veräußert, wenn für ihn ein neues Modell fällig ist? Nun, er gibt ein altes Auto dem Händler in Zahlung und drückt ihm durch diese Transaktion unwiderruflich den Stempel einer „Second Hand“, eines Wagens aus zweiter Hand, auf. Mag das fabrikneue Modell noch so kurze Zeit gefahren sein, mag es äußerlich blitzen und blinken wie am ersten Tage, es ist im Ansehen und Wert eine Stufe herabgedrückt worden. Damit ist jedoch keineswegs gesagt, dass der neue Käufer dieses „Second Hand Car“ nicht genau so stolz auf seinen Besitz wäre.

    Er hat den Wagen nach gründlicher Überholung durch den Autohändler für einen Preis gekauft, der dem Alter nach Fertigungsjahr und zurückgelegter Fahrstrecke Rechnung trägt und liebt ihn fortan nicht weniger, als ein Millionär das Luxusmodell seines Lincolns.

    Verfolgt man den Lebensweg des amerikanischen Automobils weiter, so wird das „Second Hand Car“, je unmoderner es geworden ist, im Wert herabsinken. Es wird noch durch manche Hand gehen, wird äußere Narben und innere Krankheiten bekommen, bis der einmal blitzende Ford, Dodge oder Cadillac - kaum noch eine Abstammung verratend - bei einem kleinen Farmer oder einem vor kurzem eingewanderten Italiener landet, der ihn benutzt, um wochentags Gemüse oder Früchte auszufahren und sonntags seine Familie mit Kind und Kegel zum Kino zu bringen.

    Schließlich - manchmal erst nach zehn und fünfzehn Jahren - endet die einst so überschwänglich verchromte und vernickelte Herrlichkeit verbeult und klapperig auf einem Autofriedhof vor den Toren der Stadt. Vielleicht treffen sich dort an einem Sommertag ein paar unternehmungslustige Studenten oder Wanderburschen, suchen sich vier alte Dodge-Räder, eine noch handfeste Plymouth-Karosserie, finden einen der unverwüstlichen Ford-Motoren unter dem Gerümpel - und bauen alles zu einem wackelnden, knatternden Ungetüm zusammen.

    Stolz auf diesen ersten Besitz, rattern sie fröhlich die Landstraße entlang, neuen Erlebnissen, neuen Erfahrungen entgegen, denn: „was für den Beduinen sein Kamel, was für den Nomaden sein Reitpferd, das ist für den Amerikaner sein Automobil!“

     

    ADAC Motorwelt 04/1951


Weitere interessante Themen für Sie

Oldtimermuseen

Schöne Oldtimermuseen und Sammlungen hier im Überblick. Mehr

Geschichte & Geschichten

Die Geschichte der Oldtimer und weitere interessante Themen zu historischen Fahrzeugen. Mehr

– Mein ADAC –

Oldtimer-Newsletter

Alles, was Ihr Liebhaberherz begehrt: Informationen rund um Technik, Toureninfos, Veranstaltungen usw. Kostenlos und aktuell! Mehr





Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität