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Kältefest!

Kraftfahrzeuge sind verzwickte Geräte. Sie reagieren auf Kälte. Früher waren die Kraftfahrzeuge überhaupt nicht winterfest. Die Grenzen der Winterfestigkeit neuzeitlicher Kraftfahrzeuge wurden in Russland, aber auch in den schweren deutschen Wintern vor einigen Jahren exerziert.

Inzwischen ist man so viel weiter gekommen, dass man heute die Kraftfahrzeuge fast vollkommen winterfest nennen kann. Glatteis und Nebel sowie sehr tiefer Schnee sind allerdings auch heute noch nicht unbedenkliche Hemmungen.

Auf sieben Arten macht sich die Kälte unbeliebt:


  • 1. Kälte reckt und sprengt

    Das gilt nur für Wasser, welches bei Null Grad sich um rund ein Zehntel vergrößert und dabei, wenn es Widerstand findet, ungeheure Drücke und entsprechende Sprengwirkungen entwickelt. Wasser haben wir im Kühlsystem. Frostschutz durch die neuzeitlichen Glykolderivate (z.B. Genantin) ist vollkommen zuverlässig, - zumal auch unvorschriftsmäßig dünn gewordene derartige Frostschutzlösungen immerhin das Wasser nicht mehr zu den gefährlichen massiven Blöcken, sondern nur zu einem verhältnismäßig weichen Fruchteis erstarren lassen.

    Wichtig ist, dass man Tropfverluste vermeidet. Wichtig ist die Kenntnis, dass Frostschutzlösung Kesselstein loslöst, mithin Schlammablassen sich empfiehlt. Entscheidend wichtig ist - im Zweiten Weltkrieg gingen durch Nichtbeachtung Tausende von Wagen durch Korrosion entzwei -, dass man nur bewährte Frostschutzmittel kauft und anwendet. Der Vormarsch der Luftkühlung macht Frostschutzmittel langsam, sehr langsam entbehrlicher.


  • 2. Kälte zieht zusammen und klemmt

    Metalle ziehen sich bei Kälte zusammen, manche mehr (z.B. Leichtmetall), manche weniger (z.B. Eisen). Unsere Fahrzeuge sind aus den verschiedensten Metallen zusammengebaut. So ist es kein Wunder, wenn sie bei sehr starker Kälte irgendwo klemmen und hemmen.

    Umgekehrt ist es ein Wunder, dass sie das so wenig tun. Darum sei man darauf bedacht, die Temperaturverschiedenheiten besonders im Motor bei Kälte zu verringern. Man soll also nicht nur das Kühlwasser oder beim luftgekühlten Motor die Kühlluft warm halten, sondern den ganzen Motor. Bei Wasserkühlung empfiehlt sich in der Garage die elektrische Heizpatrone, welche über Nacht den ganzen Motor mehr oder weniger warm hält.


  • 3. Kälte verdickt

    Schmieröl wird bei Kälte nicht gleich fest und spröde, wie Wasser bei Null Grad, sondern sehr allmählich immer dicker und schließlich honigartig bis hornig. Aber in einem Honigpott ist das Rühren schwer. Darum ist erstens dünnes und zweitens darüber hinaus möglichst kältefestes Öl mit tiefem Stockpunkt und hohem Viskositätsindex die Voraussetzung für eleganten Kaltstart und geringe Winterabnutzung.

    Je leichter der Motor sich dreht, umso höhere Drehzahl erreicht der Anlassmotor mit dem durch die Kälte geschwächten Batteriestrom (Warmhalten der Batterie lohnt sich) und um so leichter springt der Motor an.

    Vorverdünnen des Öls mit Benzin oder Petroleum ist ein Behelf. Dünnes Öl mit niedrigem Stockpunkt und hohem Viskositätsindex (man kann es nicht oft genug sagen) ist das Fundament der Winterfahrt.


  • 4. Kälte macht rutschig

    Das gilt sowohl für die nasse Schlüpfrigkeit oberhalb des Nullpunktes, wie für die besonders heimtückische Schlüpfrigkeit des Eises in allen seinen Formen unterhalb des Nullpunktes. Die Feuchtigkeit oberhalb des Nullpunktes ist deswegen so lästig, weil sie bei Kälte so langsam verdunstet und sich deshalb Schmiere bildet und erhält.

    Die Schlüpfrigkeit unterhalb des Nullpunktes auf Eis ist deshalb so heimtückisch, weil durch Druck und Reifenwärme das Eis örtlich vorübergehend schmilzt und durch Schmelzwasser die Reibung verringert. Die Mittel - Feinprofilierung, neuzeitliche Reifenmassen, Schneeketten, in geeigneten Fällen Sand, alte Säcke usw. - sind wohlbekannt.


  • 5. Kälte stört die Sicht

    Gegen die Unsichtigkeit durch Nebel und Schnee ist kein Kraut gewachsen. Bei Eisregen, wenn der elektrische oder womöglich sogar der mechanische Wischer nicht durchkommt, hilft äußeres Einreiben der Windschutzscheibe mit einem Frostschutzmittel (aus dem Kühler). Dasselbe Mittel hilft gegen Beschlagen der Scheiben im geschlossenen Wagen.

    Dauernde Hilfe gewähren aufklebbare Beschlagschutzblätter aus Cellophan. Wichtig sind solche Maßnahmen besonders für die Rückscheiben, welche auch bei den neuen Entfrostungs- und Heizanlagen zu beschlagen pflegen. Heizscheiben sind hochentwickelt. Die neuzeitlichen Entfrostungsanlagen, welche Warmluftstrom auf die Scheiben führen, sind noch sehr viel angenehmer und wirksamer.


  • 6. Kälte kondensiert

    Über die Kondensation von Feuchtigkeit im Wageninneren an den Scheiben wurde schon genügend gesagt. Wichtig ist aber, dass Kälte auch an allen anderen Teilen Feuchtigkeit niederschlägt und mithin zum Rosten und sonstigen Korrodieren Anlass gibt. Besonders gefährlich ist das im Motoreninneren. Man muss deshalb darauf bedacht sein, dass auch im Kurbelgehäuse der in Betracht kommende Taupunkt (ungefähr +6 Grad) während des Betriebes dauernd überschritten wird.

    Dass die Auspuffgase gern kondensieren, sieht man bei Kälte an den Dampfwolken und häufig Wassertropfen, welche dem Auspuffloch entweichen. Sehr unangenehm ist solche Wasserabscheidung im Kurbelgehäuse. Aber seit Ricardo weiß man ja auch, dass die starke Motorabnutzung durch Kaltstarten ihre Ursache eben in der Kondensation von Wasser (und allem möglichen anderen chemischen Mist) auf den bei Kaltstart kalten Zylinderwänden hat.


  • 7. Kälte ist unangenehm

    In der Heizung des Wageninneren hat man große Fortschritte gemacht. Meist wird in irgendwelcher Form Motorwärme zur Wirkung gebracht. Schon der einfache Lufttrichter hinter dem Kühler, welcher mit einem Metallschlauch zum Wageninneren führt, ist eine Verbesserung.

    Als Neuestes sei das Schwingfeuergerät erwähnt, welches nach dem Prinzip von V1 arbeitet und unmittelbar Benzin in Wärme verwandelt, — übrigens auch zum Aufwärmen des Motors. Bisher wird dieses Gerät allerdings nur in so großen Einheiten gebaut, dass es für Personenwagen nicht in Betracht kommt, - umso mehr für Omnibusse.

     

    ADAC Motorwelt 12/1950

    Bildquelle: Archiv Amtmann


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