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ADAC Motorwelt 05/1981

Warum fahren Sie nicht mal rüber?

 

Bei Urlaubsreisen in die DDR ist in den letzten Jahren vieles unkomplizierter geworden. Trotzdem muss man sorgfältig planen. Und erst wenn Einreiseerlaubnis und Hotel bzw. Campingplatzbuchung perfekt sind, kann es losgehen.


  • Freundliche Überraschungen

    Die Einzelfahrt mit der Erfurter Straßenbahn kostet zwölf Pfennige, genauso wenig wie vor vierzig Jahren! Da seufzt der Bundesbürger neidvoll beim Vergleich mit seinen heimischen Verkehrstarifen. Doch die Bekannten in Erfurt lassen sich von indirekten Komplimenten über die Preisstabilität in ihrem Land nicht beeindrucken. „Dafür müssense ooch zehnmal fahren, bisse kriechen, wasse wollen.“

    So spricht natürlich kein Funktionär oder Karrierist. Doch DDR-Bürger äußern sich im Allgemeinen recht aufgeschlossen und unbefangen, auch wenn sie wissen, dass sie einen Touristen aus der Bundesrepublik vor sich haben. Der erste Kontakt mit ihnen fällt oft menschlicher, herzlicher aus, als wir es hierzulande gewöhnt sind. Das ist eine der freundlichsten Überraschungen, die man unterwegs erlebt, wenn man das Gespräch sucht - und nicht darauf fixiert ist, negative Vorurteile bestätigt zu finden.

    Weniger freundlich ist der erste Kontakt mit der offiziellen DDR. Die Grenzzone zwischen den beiden deutschen Staaten hat nichts von ihrem bedrückenden Charakter verloren. Die Kontrollen durch die Grenzbeamten drüben sind in der Regel überaus gründlich, aber korrekt. Die kleine Schikane bleibt ebenso eine Ausnahme wie ein nettes Wort von Mensch zu Mensch. Einen Grund, die DDR zu meiden, liefert die Grenzkontrolle aber nicht. Ein stundenlanger Stau auf der Autobahn am Inntaldreieck oder vor dem Brenner ist meistens ärgerlicher.


  • Verkehrsregeln gilt es genau einzuhalten

    Jedes Mal, wenn ich die Grenze hinter mir und freie Fahrt vor mir habe, schaltet sich ein „rotes Warnlämpchen“ in meinem Gehirn ein: Achtung! Du bist jetzt in der DDR - verhalte dich vorschriftsmäßig im Verkehr! Mag sein, dass diese Reaktion Rückschlüsse auf meine sonstige Fahrweise zulässt; doch denen wollen wir jetzt nicht nachgehen. Festzuhalten bleibt, dass die DDR-Polizei es mit der Beachtung der geltenden Verkehrsregeln pedantisch genau nimmt - bei den Autofahrern aus der Bundesrepublik vielleicht noch etwas genauer als bei denen aus dem eigenen Land.

    Geschwindigkeitsüberschreitungen - auf der Autobahn gilt Tempo 100, auf der Landstraße Tempo 80 - werden gnadenlos mit beachtlichen Bußgeldern geahndet, ebenso falsches Parken oder Einbiegen. Mit einem D-Schild am Heck tut man gut daran, sich vor allem auch die Verkehrsregeln einzuprägen, die von den unseren abweichen. „Unkenntnis schützt vor Strafe nicht!“

    Das rote Warnlämpchen hat seine Wirkung getan. Wir können es jetzt ausschalten und uns der Landschaft zuwenden. Jeder, der mit offenen Augen reist, wird feststellen, wie „typisch deutsch“ sie fast überall wirkt, ob in Thüringen oder Mecklenburg, „deutscher“ noch als die Landschaften der Bundesrepublik. Damit will ich nicht etwa auf die gesamtdeutsche Tränendrüse drücken. Doch das lässt sich nicht bestreiten: Allem sozialistischen Fortschritt zum Trotz hat sich das äußere Bild der DDR viel weniger verändert als das der Bundesrepublik!

    Die Städte, von Ausnahmen abgesehen, sind nicht „explodiert“ und auseinandergeflossen, der bescheidenere Verkehr hat sich nicht so brutal Bahn gebrochen wie bei uns. Auch in den Dörfern gibt es nur wenige Neubauten, sie sind noch genauso klein (oder groß) wie vor einem halben Jahrhundert. Die Landschaft ist nicht zersiedelt; es müssen sich ja auch viel weniger Menschen in die vorhandene Bodenfläche teilen als in der Bundesrepublik. Man fährt, wenn nicht auf der Autobahn, auf gewundenen Landstraßen mit Alleebäumen und Straßengräben, gelegentlich noch über Kopfsteinpflaster, und schnell hört man auf, sich über die Pferdefuhrwerke zu wundern, die allenthalben noch unterwegs sind.


  • Land des Theodor Fontane

    In Sachsen und Thüringen bin ich oft an die Zeichnungen von Ludwig Richter erinnert worden, die unsere ersten Schuljahre im Lesebuch begleitet haben. In Mecklenburg musste ich meine Phantasie nicht besonders anstrengen, um noch manche der unverwechselbaren Gestalten aus Fritz Reuters Geschichten wiederzuerkennen. Und das Land um Berlin, die Mark Brandenburg, ist trotz Spruchbändern und roten Fahnen - wie eh und je mit ihren Wäldern, Seen und Schlössern das Land des Theodor Fontane.

    Doch das sind für den Touristen vor allem Impressionen vom Autofenster aus, Landschaften zum Durchfahren. Es gibt auf dem Lande so gut wie keine Hotels, und schon gar nichts in der Art unserer Frühstückspensionen oder Privatquartiere. Wer campen will, ist besser dran. Von Mai bis September sind 24 einfache, aber oft schön gelegene Campingplätze geöffnet. Die Hotels dagegen, die man von hier aus über das Reisebüro buchen kann, sind reine Stadthotels, angefangen beim luxuriösen „Palasthotel“ im Zentrum Berlins, einem Spitzenhaus mit entsprechenden Preisen (80 bis 120 Mark) bis zum schlichten „Brückenkopf“ im Industriestädtchen Finsterwalde (25 bis 40 Mark).

    Städte, vor allem solche mit sehenswürdiger Vergangenheit, sind denn auch die meistbesuchten Reiseziele in der DDR: Potsdam, Dresden, Leipzig, Weimar, Erfurt, Eisenach, Schwerin und Stralsund, dazu Naumburg, Meißen, Wittenberg, Quedlinburg und manche andere. Wer die beachtlichen Distanzen etwa in Frankreich, Spanien oder Italien gewöhnt ist, wird bei der Vorbereitung seiner Rundreise durch die DR feststellen, wie sympathisch klein das Land ist.

    Nicht, dass wir unserem empfindlichen Nachbarstaat zu nahe treten wollten! Doch wer ein Land kennenlernen oder wiedersehen möchte, freut sich natürlich darüber, dass er von Eisenach bis Dresden oder von Weimar bis Berlin nur zwei, drei Stunden braucht.


  • Deutsches Kulturgut allerorten

    Wer, wie wir, von Süden her in die DDR kommt, wird sich Dresden natürlich nicht entgehen lassen. Ungeachtet aller Zerstörungen und Substanzverluste ist die Tradition der Stadt als Musen-Metropole erhalten geblieben. Dresden hat die prachtvollsten Architektur-Denkmäler im Lande und - neben Ost-Berlin - die kostbarsten Museumsschätze.

    In der Prager Straße, am „Weißen Hirsch“, selbst im modernen Kulturpalast spürt man noch immer einen Hauch von der heiter-beschwingten Atmosphäre, die für das alte Dresden kennzeichnend war. Die historischen Bauten - allen voran der „Zwinger“ - sind mustergültig wiederhergestellt und renoviert worden. Dresden, könnte man sagen, ist nicht typisch für die DDR.

    Aber was heißt schon typisch? Auch Leipzig, die sächsische Schwesterstadt an der Pleiße, hat seine Besonderheiten, die nicht in das Bild von diesem Staat zu passen scheinen. Geben in Dresden die Musen den Ton an, so regieren in Leipzig Handel und Kommerz. Von Leipzig aus könnte man, beispielsweise, in die Lutherstadt Wittenberg fahren. Das ist nicht weit und fast schon der halbe Weg nach Berlin.

    Aber ich entschließe mich für die entgegen gesetzte Richtung und bin bald in Naumburg, das einen schönen mittelalterlichen Dom hat. Seine Berühmtheit verdankt er den herrlichen zwölf „Stifterfiguren“ aus dem 13. Jahrhundert, unter denen die Standbilder von Ekkehard und Uta zu den populärsten Kunstwerken in Deutschland gehören. Von Naumburg führt eine Straße durch das lieblichsanfte Saaletal mitten ins „grüne Herz Deutschlands“ hinein, wie man Thüringen früher nannte.

    „An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn“, heißt es im bekannten Volkslied. Wir passieren Rudelsburg und Dornburg und sind schon in Jena, an dessen einst hochgerühmter Universität Schiller und Fichte lehrten, Karl Marx promovierte. Aber Jena steht diesmal nicht auf meinem Programm; dafür habe ich mir Weimar, Erfurt und Eisenach vorgenommen. Für jede Stadt einen Tag, das ist nicht viel; man wird wiederkommen müssen.

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    ADAC Motorwelt 05/1981


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