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Rutschgefahr in Nebenstrassen

Die Motorwelt beschrieb im Januar ´81 den Beginn der Reduzierung der Salzstreuung, der unseren Fahrzeugen damals so viel Rost bescherte. Auch begannen die Menschen langsam, an die Umwelt zu denken, als die Schäden an Bäumen und Sträuchern für Jedermann allzu sichtbar wurden.


  • „Kraftfahrer Achtung!“

    Die Warnung am Straßenrand ist unübersehbar: „Kraftfahrer Achtung!“, teilt das Tiefbauamt auf großen Tafeln mit. „Im Stadtgebiet Kempten Salzstreuung nur auf den Hauptstraßen“. Ähnliche Warntafeln stehen in Hamburg: „Eingeschränkter Streudienst – Versuchsgebiet“, heißt es im Bezirk Elmsbüttel.

    Auch in anderen Städten, z.B. Memmingen, Ulm, Erlangen, Frankfurt, Braunschweig, Berlin, wird in diesem Winter der Einsatz von Streusalz drastisch reduziert. Seitdem immer mehr Stadtväter ihr Herz für den Umweltschutz entdeckt haben und sich die Beschwerden der Bevölkerung über „hemmungslose Salzorgien“ auf ihren Wohnstraßen häuften, ist Streusalz besonders heftig in Verruf geraten.
    „Sehen Sie sich bloß meine Thuja-Hecke an!“, erboste sich ein Memminger Hausbesitzer in einem Protestbrief an das Tiefbauamt. „Durch Ihre dauernde Salzstreuung ist sie auf 18 m Länge total braun geworden.“ Beschwerden aus anderen Städten betreffen das Absterben prächtiger Straßenbäume und den leidigen Rostfraß an den Autos.


  • Geänderte Streu- und Räumprogramme

    Wie aber soll eine Stadtverwaltung die Umwelt schonen und gleichzeitig die Straßen in verkehrssicherem Zustand halten? Ganz aufs Salzen verzichten geht nicht. Zumindest die Hauptstraßen müssen befahrbar bleiben, anderenfalls würden Wirtschafts- und Berufsverkehr zusammenbrechen. Und wie sollen Krankenwagen, Polizei und Feuerwehr durchkommen? Ein anderes Mittel zum Streuen verwenden? Auch Fehlanzeige: obwohl alle Beteiligten längst wissen, dass das Salz Umweltprobleme schafft, hat man auf der ganzen Welt noch kein anderes Mittel gefunden, das genau so wirksam und wirtschaftlich ist.

    Um das Beste aus dieser schwierigen Lage zu machen, sind einige Städte jetzt dazu übergegangen, für ihre Straßen je nach Wichtigkeit unterschiedliche Streu- und Räumprogramme auszuarbeiten. Für Memmingen, zum Beispiel, wird es so gemacht:
    Priorität 1: Nur noch die wichtigsten Verkehrswege - Bundes- und Hauptstraßen, Schulbushaltestellen, Zufahrten zu Krankenhäusern und Feuerwehr sowie Parkplätze werden mit Salz bestreut - aber längst nicht mehr so intensiv. „Statt wie früher bis zu 50 Gramm pro Quadratmeter auszuschütten, kommen wir heute dank moderner Geräte mit 10 bis 30 Gramm aus“, erklärt Wilhelm Steger vom Städtischen Bauhof die neue „Memminger Salzdiät“.

    Priorität 2: Alle übrigen Neben- und Wohnstraßen sehen überhaupt kein Salz mehr. Steger: „Hier kommt nur noch der Schneepflug zum Wegräumen“. Lediglich bei extremer Glatteisgefahr wird körniger Quarzsand und Splitt gestreut.


  • Schnee einfach liegen lassen?

    Immer wieder plädieren heimkehrende Skiurlauber dafür, den Schnee einfach liegen zulassen - so, wie sie es in idyllischen Schweizer oder österreichischen Bergdörfern gesehen haben. Helmut Hüttl aus Kempten: „Das geht leider nicht. Bei uns wird Schnee zu Matsch, in dem der Berufsverkehr zusammenbrechen würde.“

    Einigen Erfolg im Kampf gegen Eis und Schnee erhofft sich der ADAC von Versuchen in Berlin, die vom Innenministerium und dem Umweltbundesamt maßgebend gefördert werden: Auf verschiedenen Teststrecken der Stadt wird ab diesem Winter eine Mischung aus 80 Prozent Kochsalz und 20 Prozent Kalziumchlorid verstreut. Weil diese Mischung wirkungsvoller ist als reines Kochsalz, erhofft man sich davon geringere Umweltbelastungen. Der ADAC untersucht bei dem Berliner Versuch die Auswirkung auf die Sicherheit und den Verkehrsablauf. Was können Sie als Autofahrer tun, um den jetzt überall angelaufenen Streusalz-Sparaktionen zum Erfolg zu verhelfen?

    Der ADAC meint dazu: Wie schon bisher, muss man zur Winterzeit immer damit rechnen, in eine unvermutete Glatteisfalle zu geraten. Wegen der aktuellen Versuche dieses Winters steht jetzt allerdings von vornherein fest, dass in vielen Städten die Nebenstraßen noch schlechter als bisher zu befahren sein werden - sei es, dass man beim Einbiegen auf Glatteis gerät, oder dass man sich durch Schneeberge zu seinem Parkplatz durchkämpfen muss.

    Wer in einer schneereichen „Versuchsstadt“ wohnt, sollte seinen Wagen nach Ansicht des ADAC unbedingt mit Winterreifen ausrüsten. Gegen die größte Gefahr - die gefürchteten Spurrillen - hilft vorausschauendes und rücksichtsvolles Fahren. Kalkulieren Sie längere Bremswege ein und achten Sie schon zu Beginn einer Nebenstraße auf den Gegenverkehr: Wenn jeder Wagen in seiner Spur gefangen bleibt, ist es fast unmöglich, sich auszuweichen. An solche Winterprobleme müssen sich die Autofahrer jetzt wohl oder übel gewöhnen - der Umwelt und dem geringeren Rostfraß am eigenen Wagen zuliebe.

    Wohl am besten dürfte mit dem neuen Problem zurechtkommen, wer sich an den Ratschlag seines alten Fahrlehrers erinnert: „Im Winter liegt das Fahrgefühl vor allem im Gesäß!“

     

    ADAC Motorwelt 01/1981


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