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125 Jahre Walter Ostwald

Frühe Erkenntnisse

 

Katalysator, Abgasuntersuchung, Superkraftstoff und einiges mehr – Walter Ostwald als Vordenker und Initiator im Grenzbereich zwischen Chemie und Autotechnik.



  • Ausgefülltes Leben

    Als (viertes) Kind des Chemie-Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932) kann „es ein großes Hindernis ein, der Sohn eines hervorragenden Mannes zu sein“, bekannte der in Riga geborene Walter Ostwald (20.5.1886 bis 12.7.1958). Dabei stehen heutige Chronisten einigermaßen fassungslos vor der Frage, wie denn dieser Mann sein Arbeitspensum überhaupt in seinen 72 Lebensjahren abzüglich Kindheit und Ausbildungszeit unterbringen konnte.

    Die Fülle seiner Anregungen, Forschungen, Zeitschriftenbeiträge und -gründungen, Ämter, Buchveröffentlichungen, Vorträge und Tätigkeiten in Industrie, Verbänden und als Motorsportkommissar ist überwältigend und steht diametral zu seiner nur rudimentären Fähigkeit zur Selbstdarstellung.


  • Namensgeber von ARAL

    Schon 1905, im zarten Alter von 19 Jahren, zog er bei Bochum auf Zeche Lothringen den Bau der ersten katalytischen Salpetersäurefabrik hoch – freilich noch mit Hilfe seines Vaters Wilhelm und dessen Assistenten und späteren Schwagers Eberhard Brauer (Ostwald-Brauer-Verfahren). Dabei wurde Walter Ostwald, der in Leipzig und London Chemie studiert hatte, mit der Benzolschwemme der Zechen konfrontiert.

    Sie veranlasste ihn zu Versuchen, aus den unterschiedlichen Qualitäten – Benzol galt vor dem Ersten Weltkrieg als Billigersatz für Benzin – ein höherwertiges Kraftstoff-Benzol zu entwickeln. Auch wenn ihm die Deutsche Benzol-Vereinigung zunächst jegliche Unterstützung versagte, weil man dort speziell für Benzol ausgelegte Vergaser für wichtiger hielt als eine bessere Benzolqualität, zahlten sich die Kontakte später aus: Ostwald war von 1924 bis 1927 Leiter der Wissenschaftlich-Technischen Abteilung des Benzol-Verbands (BV) in Bochum und entwickelte dort ein Benzin-Benzol-Gemisch mit einer weitaus höheren Klopffestigkeit als damals marktüblich (1924).

    Den weltweit ersten, anfangs noch namenlosen Superkraftstoff nannte Ostwald nach den Anfangsbuchstaben der Aromaten des Benzols und der Aliphaten des Benzins ARAL. Als „Honorar“ für eine heute kaum zu bezahlende Idee für eine Weltmarke erhielt Ostwald vom BV-Vorstandsvorsitzenden drei Flaschen Wein.


  • Geistiger Vater des Katalysators

    Rückblende. Das erste Auto, das sich Vater Wilhelm 1900 zulegte, muss auf den 14-jährigen Walter einen ungeheuren Eindruck gemacht haben, denn von da an lenkte er „sein Schaffen...auf das Gebiet der Kraftfahrt, als dieses noch in den Kinderschuhen steckte“ (ADAC Motorwelt Heft 9/1958, Seite 473).

    Folgerichtig bezog sich eine weitere Großtat des jungen Walter auf das Automobil, genauer gesagt auf die Auspuffgase, die er entgiften und geruchlos machen wollte. Nach einer Zeit des Experimentierens bis Ende 1909 schlug er vor, „den noch brennenden Auspuffgasen passend bemessene Mengen Luft zuzumischen“ oder „die Auspuffgase katalytisch vollständig zu verbrennen ... Die Ausführung dieses Prinzipes käme also darauf hinaus, die Auspuffgase mit einer passenden Menge Zusatzluft über einen solchen Kontakt (Kupferoxyd, Kiesabbrände u.a.) zu leiten, der durch die Wärme der Auspuffgase ... bald auf die passende Temperatur käme...“ (Autler-Chemie, Berlin 1910, Seite 210).

    Womit Ostwald als Vater des thermischen und des katalytischen Reaktors (Katalysator) bezeichnet werden kann. Beide wurden rund 50 Jahre später in den Automobilbau eingeführt.


  • Zuständig für „unangenehme Angelegenheiten“

    Ab 1912 übernahm Walter, seit 1908 verheiratet mit Dora Schlieper, bei seinem Vater die Stellung als Sekretär und Referent für „unangenehme Angelegenheiten“. Die bestanden unter anderem in der Auflösung zweier menschenfreundlicher Einrichtungen, mit denen „mein Vater ... ein Idealist ... einen beachtlichen Teil seines Nobelpreis-Geldes verplempert hatte“, wie sich Walter erinnert.

    Aus dieser Zeit stammen auch die Namenskürzel, die später zur Autorenkennzeichnung in der Presse auftauchten: Um die einkommende Post, die für Vater und Söhne in dem seit 1906 gemeinsam bewohnten Anwesen Energie in Groß-Bothen bei Grimma einging, schneller zuordnen zu können, erhielt Wilhelm das Kürzel Wi.O., Wolfgang Wo.O, Walter Wa.O. und Carl Otto Co.O., allesamt Wissenschaftler oder Techniker.


  • Erfindungsreichtum kaum Grenzen gesetzt

    Mit dem Ersten Weltkrieg endete die Idylle. Wa.O. musste an großtechnischen Versuchen zur Stickstoffgewinnung teilnehmen und wurde schließlich zu einer motorisierten Versuchskompanie in Berlin-Lankwitz abkommandiert. Hier führte er ab 1918 Vergasereinstell-Kurse und Auspuffanalysen durch, die er zu einem Merkblatt für das Verkehrsministerium zusammenfasste, Vorläufer der heute üblichen Abgas-Untersuchungen (AU).

    Die Verbindungen zur Industrie schlugen sich in einem festen Anstellungsverhältnis mit Hansa-Lloyd in Bremen nieder, wo er die Abteilungen Härterei, Materialprüfung und Versuch als Leiter übernahm (1922 bis 1924), sowie in einem externen Arbeitsverhältnis als wissenschaftlicher Berater und Mitarbeiter der IG Farben Werk Oppau (1927 bis 1945). Er beteiligte sich dort an den Entwicklungen des Frostschutzmittels Glysanthin und der Sinterkorund-Zündkerzen.

    Im „Motorhaus“, einem Nebengebäude einer 1927 erworbenen Villa in Heppenheim, fanden mit Versuchsingenieur Hermann Schmidt grundsätzliche Untersuchungen an Verbrennungsmotoren mit in Deutschland hergestelltem synthetischen Benzin statt. Hier wurde auch das Motalin entwickelt, ein hochklopffestes Benzin ohne Bleitetraäthyl-Zusatz, im heutigen Sinn also ein umweltfreundlicher Kraftstoff, ferner ein Benzinmotor für Dieselbetrieb, heute als Diesotto wieder im Gespräch.


  • „Literarischer Durchfall“

    Walter Ostwalds wissenschaftliche Arbeiten, seine breit angelegte humanistische Bildung und nicht zuletzt seine „Erfahrungen“ mit Motorrädern und Autos auf Deutschlands Straßen fanden ihren Niederschlag als „literarischer Durchfall“ (Originalzitat Wa.O.) in Büchern, Übersetzungen und Hunderten von Beiträgen in Fachpresse und technischen Handbüchern.

    Die Themen reichten von broschürenstarken wissenschaftlichen Abhandlungen bis zum Zehnzeiler im Plauderton: Kraft- und Schmierstoffe, allgemeines Kraftfahrwesen, Autotechnik, Straßen- und Autobahnbau, technische und physikalische Chemie, Elektrik, Mathematik und Philosophie.

    Damit nicht genug: Er war Mitarbeiter, Redakteur, Chefredakteur, Herausgeber bzw. Gründer der Zeitschriften Prometheus, Kolloid-Zeitschrift, Allgemeine Automobil-Zeitung, Auto-Technik/ATZ, Feuerungstechnik, Kraftstoff, Die Straße und des Motor-Fahrers, Vorgänger-Zeitschrift der ADAC Motorwelt. Als Mitglied eines vom Reichsverband der Automobilindustrie gegründeten Ausschusses trug er mit Sohn Fritz und anderen 1937/38 den Grundstock für die Autosammlung des Deutschen Museums zusammen. Die Politik des Dritten Reichs, von dem er beruflich profitierte, begleitete er mit wohlwollenden (Fach-)Kommentaren.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er seine Tätigkeit als Fachjournalist und Sachverständiger fort. Den Tod seiner Frau Dora 1949 konnte er nie verwinden, er rasierte sich nicht mehr und ließ seinen Bart stehen. 1958 starb Wa.O. in seiner Villa in Heppenheim, die er seit dem Einzug 1927 Haus Dowa (Dora/Walter) nannte.

     

    Bildquelle: Archiv Eckermann, Deutsches Museum


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