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Winterzubehör von damals

„Schneechaos“ sorgte im Dezember 2010 für Schlagzeilen. Wie die Industrie vor 60 Jahren dem Kraftfahrer im Winter beistand, lesen Sie hier.


  • Die drei Todfeinde des Automobils

    So benannte der Fachschriftsteller Carl Otto Windecker Regen, Schnee und Glatteis und gab in seinem 1951 erschienenen Buch „Besser fahren mit dem Olympia“ viele Tipps zur Fahrpraxis und zum Zubehör, das die Industrie für die kalte Jahreszeit offerierte.

    Die Feindschaft hat sich nicht verändert – nur kann sich der Autofahrer heute gute Chancen ausrechnen, mit elektronischen Helfern von ABS bis ASR oder Allradantrieb spursicher ans Ziel zu kommen. Solange Batterie und Tankfüllung ausreichen, ist auch im Stau das Wohlbefinden durch leistungsfähige Heizungsanlagen, Unterhaltungselektronik und eine Sitzheizung garantiert.


  • Das große Sorgenkind – der Motor

    Nicht der Fahrer und die Passagiere standen im Mittelpunkt der Bemühungen der Zubehörindustrie, sondern das ständig vom Frost bedrohte Antriebsaggregat.

    „Wenn Sie morgen noch fahren wollen, kaufen Sie heute noch Genantin!“ mahnte die Anorgana aus Gendorf/Oberbayern und vergaß auch nicht den Hinweis, dass das Produkt aus dem ehemaligen Werk des IG-Farben-Konzerns früher als Glysantin bekannt war. In ganzseitigen Anzeigen drohte man: „85.000 zerfrorene Autokühler und Motoren – das wäre die winterliche Schadensquote im Bundesgebiet ohne Genantin.“ Die Konkurrenten fassten sich kürzer: „Jetzt Dixol Kühlwasser-Gefrierschutz!“ (Henkel) oder „Fahrbereit! Kühlwasser enthält Caramba-Gefrierschutz.“ Die Chemischen Werk Hüls betonten „Oxantin verdunstet nicht!“.

    Die noch junge D-Mark machte sich rar, weshalb mancher Autofahrer aus Sparsamkeit auf das Frostschutzmittel verzichtete. Windecker riet „nach Beendigung der Fahrt das Wasser aus dem Kühlsystem abzulassen. Nicht vergessen, dass der Olympia zwei Ablasshähne besitzt.“ Schritt für Schritt beschrieb er alle Maßnahmen, die ein Einfrieren des Motorblocks verhinderten. Unverzichtbar waren im Betrieb die Kühlerschutzhauben, die Erich Hund in Hameln und andere Herstellern anboten und dazu ein Fernthermometer von VDO oder Motometer.


  • Viele Ideen gegen die Kälte

    Die Freiburger Gugel-Werke (die Assoziation mit einer Internet-Suchmaschine existierte noch nicht) propagierten in der ADAC Motorwelt vom November 1952 ihre Gugeldecke: „Nicht außen, sondern innen muss die warme Decke sitzen, denn der Motor friert, allein unter dem kalten Blech der Motorhaube, als ob er unter freiem Himmel stünde!“ Als Alternativen boten sich die Original-Ackermann-Kühlwasserwärmer und Öl-Wärmer oder die Thermostate der Metallwarenfabrik Gustav Wahler in Esslingen an.

    Recht selbstbewusst gab sich VW in der Betriebsanleitung von 1950: „Im Winter werden Sie besonders zwei Vorzüge Ihres Volkswagens schätzen lernen: Luftkühlung und Heizung. Sorglos können Sie ihn schneidender Kälte aussetzen, sein luftgekühlter Motor wird immer startbereit sein.“

    Für das Fahrgestell empfahl VW, die Unterseite gelegentlich mit rostschützendem Chassisöl einzusprühen; im Kurzstreckenverkehr sollte das Winteröl alle 1.500 km gewechselt werden. Ein beliebtes Zubehör war auch die „dauernd plastische, luft- und wasserdichte DREVO-Federschutzgamasche“. Der Batterie musste natürlich besonderes Augenmerk geschenkt werden – hier empfahl sich für 56 Mark der SAF Auto-Kleinlader von der Süddeutschen Apparate Fabrik in Nürnberg.


  • Nichts Neues: Probleme mit Winterreifen

    In einer Epoche, in der auch die Vororte von Großstädten und erst recht ländliche Gebiete erst nach Tagen mit dem Besuch eines Schneepflug rechnen konnten, kam der Wahl der Bereifung natürlich besondere Bedeutung zu.

    Continental, Fulda, Phoenix und Veith empfahlen ihre Reifen mit drastischen Worten: „auch für eisbedeckte, schneereiche und morastige Straßen. Strecken, die Sie bisher des gefährlichen Untergrundes wegen gemieden haben, können Sie jetzt mit Fulda M+S-Reifen befahren.“

    Die Fachpresse erklärte die Schneeketten-Montage regelmäßig in ausführlichen Bildberichten und diskutierte ausgiebig die Vor- und Nachteile von Gleitschutzketten, Gummiketten oder dem Fahren mit reduziertem Luftdruck. In der Werbung hieß es: „Achtung – bei Schnee und Glätte fahr JOTO-Kette“ oder „Stets sichere Fahrt mit Ruhrketten“.


  • Eine Klarsichtscheibe verbürgt stets klar Sicht

    Auch wenn VW behauptete „ein warmer Luftstrom wird die Scheibe Ihres Volkswagens in Ihrem Blickfeld von Eis und Feuchtigkeit freihalten“ – vereiste Scheiben waren nicht nur für Autos mit Luftkühlung bis weit in die 70er Jahre ein großes Problem. Noch 1968 bezeichnete „Auto, Motor und Sport“ im Test des ISO-Rivolta IR 350 die hintere Heizscheibe der Serienausstattung als „eine feine Sache“.

    In den 50er Jahren kamen für die Frontscheibe Klarsichtscheiben von SWF oder Hella mit eingelassen Heizdrähten zum Einsatz. Nordland bot unter dem Stichwort „Winterhilfe“ Klarsichtblätter aus Kunststoff an, die die Seitenfenster beschlagfrei halten sollten – die Omnibuspackung mit 20 Stück und Spezialleim kostete 20 Mark.

    Mehr dekorative Zwecke erfüllte der „Original amerikanische Schnee- und Insektenabweiser Tempest“.


  • Das Beste kommt zuletzt: Wärme für die Insassen

    Die Heizung blieb – auch bei serienmäßigem Einbau – in den Zubehör-Preislisten der Automobilhersteller bis in die 60er Jahre ein beliebtes Extra. C. O. Windecker empfahl anno 1951 den elektrischen Bosch-Wagenheizer, die Eberspächer-Heizung mit Warmluft-Förderung durch den Ventilatorflügel oder die „Golfstrom“-Wagenheizung der Süddeutschen Kühlerfabrik Julius Fr. Behr.

    Webasto bewarb einen Warmluft-Scheibenentfroster, Nordhausens Auto-Heizofen „Knirps“ wurde mit dem Spezial-Glühstoff „Sechskant“ zum Kilo-Preis von 80 Pfennig angeblich geruchlos betrieben.

    Bis heute Gültigkeit hat nur Windeckers Empfehlung, eine Autodecke oder ein Reiseplaid der Wolldeckenfabrik Zoeppritz mitzuführen – das nächste Schneechaos kommt bestimmt!

     

    Bildquelle: Archiv Amtmann


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