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Tramper: das Abenteuer auf dem Beifahrersitz

ADAC Motorwelt vor 30 Jahren
Zwei Stunden lang stand die Pädagogik-Studentin Regine Friedrich an einer Nürnberger Autobahnauffahrt und wartete im strömenden Regen auf den richtigen „Lift“ nach Berlin. In der ganzen Zeit hatten genau drei Autos gehalten, eines fuhr in die verkehrte Richtung, eines hätte sie nur wenige Kilometer weiter gebracht, und aus dem dritten fragte ein später Playboy: „Na, Häschen, wie wär's mit uns beiden“? - Die Studentin lehnte ab.

  • Geldnot, Abenteuerlust oder Umweltbewusstsein

    Natürlich spielte für die Studentin, wie für viele andere Anhalter, die der ADAC Motorwelt über ihre Erfahrungen berichteten, auch das Geld eine entscheidende Rolle. Und manche Autobesitzer hoben den Daumen sogar aus Energiespar-Gründen. VW-Besitzer Peter Spindler: „Heute reise ich wieder per Anhalter, da unser Öl-Vorrat dem Ende entgegenzugehen scheint. Bei Mehrbesetzung nimmt der Benzinverbrauch ja nicht um das Doppelte zu.“

    Das abenteuerliche Flair der Tramper war es auch, das eine (offensichtlich immer kleiner werdende – das bemängelte die Motorwelt) Gruppe von Autofahrern animierte, Anhalter mitzunehmen.

    Und ungewöhnliche Geschichten konnte man in der Tat dabei erleben. „Im November 1976 habe ich zwei Schweizer Jungen mitgenommen“, schrieb Joachim Oltmann, „ich lud sie zum Essen ein, sie verschlangen massenhaft Pizzas. Ich erfuhr, dass sie aus einer Schweizer Jugendhaftanstalt abgehauen waren.“

    Der Autofahrer gab sein Vorhaben, die beiden auf dem nächsten Polizeirevier abzuliefern, auf, als beide ihm ihre Geschichte erzählten und mit Selbstmord drohten. Stattdessen fuhren alle drei zu einem Pfarramt. In langen Telefongesprächen gelang es Joachim Oltmann und dem Pfarrer, einen Haftaufschub durchzusetzen. Der Kontakt hielt noch jahrelang an. Einer der beiden Schweizer wurde später wieder straffällig und musste zurück in die Anstalt, der andere aber absolvierte in Deutschland eine Bäckerlehre.
  • Anhalter als Zeuge vor Gericht

    Walter Beverst hatte von Rhynem bei Hamm eine junge Frau in Richtung Hamburg mit seinem Lkw mitgenommen. Wenige Kilometer hinter der Raststätte blockierte ein quer stehender Lastwagen die Autobahn. Der Fernfahrer sah ihn in der Dunkelheit erst im letzten Augenblick und konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Die junge Frau wurde erheblich verletzt, der Sachschaden betrug 36.000 Mark - und in der Gerichtsverhandlung sprach alles für die Schuld von Walter Beverst, der nach dem Vorwurf des Staatsanwalts übermüdet gewesen sein sollte.

    Die Anhalterin war seine Rettung. Sie sagte vor Gericht aus, dass er an der Raststätte die vorgeschriebene Pause eingelegt und einen Kaffee getrunken habe. Walter Beverst wurde freigesprochen und hatte damit Anspruch auf den gesamten Schadenersatz.
  • Ein paar Regeln erleichtern das Fortkommen

    Neben den Autofahrern, die generell Anhalter mitnahmen, und solchen, die ungebetene Mitfahrer kategorisch ablehnten, gab es sehr viele, die an der Autobahnauffahrt impulsiv entschieden, ob jemand auf dem Beifahrersitz Platz nehmen durfte oder nicht. Welchen Eindruck man auf solche Autofahrer machte, davon hing für die meisten Anhalter die „Reisegeschwindigkeit“ ab.

    Claus Gregor, der bereits durch das ganze nördliche Europa getrampt war, hatte der Motorwelt eine lange Liste von Tricks zur Sympathiewerbung geschickt. Hier die sieben wichtigsten Punkte:

    1. Mit wenig Gepäck passt man auch noch in ein fast voll besetztes Auto.

    2. Nie auf unübersichtlichen Straßenabschnitten oder in Kurven winken, bei Dunkelheit immer unter der hellsten Laterne stehen.

    3. Augenkontakt zum Fahrer. Die Körperhaltung sollte zeigen, dass man hier unbedingt weg will.

    4. Man sollte so stehen, dass der Autofahrer den Platz, wo er halten kann, deutlich erkennt.

    5. Wenn ein Auto hält, sollte man hinsprinten, nicht schlendern.

    6. Die meisten Fahrer nehmen Tramper mit, weil sie sich unterhalten wollen. Deshalb sollte man bereit sein, etwas zum Gespräch beizutragen.

    7. Lange Strecken legt man am besten von Rastplatz zu Rastplatz zurück. Hier kann man die Fahrer persönlich ansprechen. Visitenkarte ist dabei ein freundliches Lächeln und eine halbwegs ansprechende Kleidung. Gerade der letzte Punkt macht vielen Trampern mit wachsender Entfernung von zu Hause zu schaffen. Dabei führten fast sämtliche Autofahrer, die auf die Umfrage der Motorwelt geantwortet hatten und Tramp-Gegner waren, „das ungepflegte Äußere der Anhalter“ als Hauptgrund an.
  • Das Gegenteil von ungepflegtem Äußeren gab es auch
    Rosi Mittler, eine blondgelockte Angestellte, die viele tausend Kilometer auf dem Beifahrersitz hinter sich hatte, erinnerte sich an ihr schlimmstes Erlebnis: „Ich war mit einer Freundin in Frankreich unterwegs. Es war acht Uhr abends und regnete in Strömen. Da hielt unser Fahrer auf einem völlig dunklen, unbelebten Parkplatz und fragte, wer nun mit ihm schlafen wolle. Als wir uns beide weigerten, ist er allein weitergefahren. Wir standen an dem Platz acht Stunden und waren nass bis auf die Haut, als wir endlich weiterkamen.“

    Der ADAC hat selbstverständlich allen Trampern und den Autofahrern, die Tramper mitnehmen, Verhaltensregeln an die Hand gegeben, damit auf der einen Seite die Autofahrer gegen mögliche Schadenersatzansprüche mittels Verzichtserklärungen abgesichert waren, andererseits Tramper durch Vorzeigen etwa des Ausweises Vertrauen aufbauen konnten.

    ADAC Motorwelt 06/1980

Heute sind Anhalter selten geworden. Warum?

Es gibt heute sehr viele Mitfahrgelegenheiten durch das Internet. Einen der größten Mitfahrclubs bietet der ADAC auf seiner Homepage an unter:

http://mitfahrclub.adac.de

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