DruckenPDFBookmark

Der Sicherheitsgurt gestern und heute

35 Jahre Gurt-Anschnallpflicht

Der Dreipunktgurt im Auto wurde, wer hätte das gedacht, fünfzig! Volvo hieß im Jahr 1960 der Pionier – die „Pionierin“ auf dem Foto bietet darüber hinaus viel Zeitgeist der 60er Jahre. Eine „Anschnallpflicht“ taucht in der Straßenverkehrsordnung erstmalig zum 1.1.1976 auf, also vor 35 Jahren.

  • 50 Jahre: Erst gurten, dann starten
    Alte Automagazine und Tageszeitungen aus den 50er Jahren zeigen es über-deutlich: Mit Beginn der Massenmotorisierung ging die Anzahl schwerer Unfälle ungebremst nach oben. Fahrwerk, Reifen, Straßenzustand –und Belag (Blaubasalt!) waren – nicht eigentlich um fünfzig, eher um Lichtjahre von dem entfernt, was heute Standard ist. Besonders fatal:  „Knautschzonen“ der Karosserie gab es allenfalls im Skizzenbuch des genialen Mercedes-Technikers Bela Barenyi, die Fahrzeug-Innenräume waren ein Horror-Kabinett mit spießartigen Schaltern, starren Lenksäulen oder Bakelit-Lenkrädern mit filigranen Chrom-Hupringen. Die Insassen prallten mit hoher Energie ungebremst gegen all die Scheußlichkeiten – mit entsprechend schweren Verletzungsfolgen.

    Der erste Schritt in die richtige Richtung war die Verpflanzung des Flugzeug-Beckengurtes ins Auto – auch wenn das damals, ab Mitte der fünfziger Jahre, noch Aufpreis kostete.

    Wer hats erfunden? Zumindest die Schwächen des Beckengurtes („Klappmesser“-Effekt“ sowie Tendenz, unter dem Gurt durchzurutschen) erkannte Mitte der 50er Jahre ein schwedischer Flugzeugingenieur. Er entwickelte die Urform des noch heute gebräuchlichen Dreipunktgurtes. Wenn man weiß, wie lange die Umsetzung einer Idee in die Produktion meist dauert, erstaunt es schon, dass man den Gurt bereits 1959 im Volvo PV 544 und im 120 kaufen konnte. Wobei „kaufen“ gar nicht die korrekte Bezeichnung ist: Er gehörte sogar zur Serienausstattung!  

    Bis sich zunächst Becken- und dann Dreipunktgurte auf allen Sitzen durchsetzten dauerte es allerdings. Das lag auch an teilweise kuriosen Vorurteilen bezüglich „Anschnallen“. Der ADAC zweifelte nie am Sicherheits-Potenzial des Gurtes, wie regelmäßige Berichte in der „Motorwelt“ unter dem Titel  „Nie wieder ohne Gurt“ belegen.


  • Was war ab wann Pflicht
    Auch wenn bereits vor über 50 Jahren die ersten Zweipunktgurte auftauchten (z.B. im Mercedes Ponton): Bis die ersten Gurt-Ausrüstungsvorschriften kamen, verging erstaunlich viel Zeit. Obwohl auf den Vordersitzen längstens Standard, war der Dreipunktgurt explizit erst ab 2004 in Neuwagen Pflicht - dann aber auf sämtlichen Sitzplätzen. Eine Nachrüstpflicht für irgendeine Gurt-Variante gab es übrigens nie. Ausnahme: Wer sich z.B. aus dem Ausland ein Fahrzeug mit Ausrüstungs-Defiziten beschafft hat, für den könnte es ohne Nachrüstung Probleme bei der Zulassung geben. Am besten, Sie informieren sich vorab hier, was ab wann vorgeschrieben war: 
    • Gurte vorne: Bei Pkw ab Erstzulassung 01.04.70 (sofern Verankerungspunkte vorhanden) bzw. spätestens ab 01.01.74
    • Gurte hinten: In Pkws spätestens ab Erstzulassung 01.05.79
    • Dreipunktgurte auf allen Sitzplätzen für Neuwagen ab spätestens 01.10.2004
    • Gurte in Wohnmobilen: Ab Erstzulassung 01.01.92
    • Kopfstützen vorne: Fahrzeuge mit neuer Typgenehmigung ab 1.6.98, alle Neuwagen ab 1.10.99
    • Sitze/Anzahl der Mitfahrer: Ab 01.05.06 mitfahrende Personen begrenzt auf Anzahl der Sitzplätze
    • Kinder in Fahrzeugen ohne Gurte:  Ab 01.05.06 keine Mitnahme von Kindern unter 3 Jahren / über 3 Jahren nur auf den Rücksitzen


  • Kinder im Oldtimer
    Die Kinder-Mitnahme in gurtlosen Fahrzeugen ist übrigens gesetzlich geregelt  (Ausrüstungsvorschriften § 35a StVZO und Anschnallpflicht § 21a StVO). Demnach dürfen Kinder
    • unter drei Jahren überhaupt nicht an Bord gehen
    • ab drei Jahren nur auf der Rückbank Platz nehmen (wenn die nicht existiert, müssen sie ebenfalls draußen bleiben)
    • vorne ab einer Körpergröße von 1,50 m sitzen – dann gelten sie entsprechend den Kindersitz-Vorschriften als Erwachsener
    • Hat das Auto zwar Rücksitze, aber nur vorne Gurte, ist es hingegen nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, die Kleinen im Kindersitz (!) auf den Beifahrersitz zu packen

    Aufgrund zahlreicher nationaler Ausnahmen können die Regelungen im europäischen Ausland geringfügig abweichen. Wenn Kinder auf der Urlaubsreise jedoch, wie in Deutschland vorgeschrieben, gesichert werden, sollte es keine Probleme geben.


  • Gurt-Nachrüstung
    Gerade bei älteren Automodellen, die sowohl beim Knautschverhalten als auch in Bezug auf die harten Innenraum-Konturen etliche Entwicklungs-Epochen vom aktuellen Standard entfernt sind, kann bereits ein banaler Auffahr-Unfall aus geringer Geschwindigkeit fatale Folgen haben. Grund genug, sich z.B. über den jeweiligen Markenclub zu informieren, inwieweit Gurt-Nachrüstungen beim konkreten Automodell machbar sind.

    Bei vielen Modellen aus den 60er und 70er Jahren lassen sich Gurte überraschend leicht nachrüsten: Befestigungspunkte existierten häufig schon hinter Türsäulen-Verkleidungen und am Unterboden.
    Der ADAC hatte – mittlerweile auch schon vor 40 Jahren – entsprechende Gurteinbaupläne erstellt.

    Originalität hin oder her: was technisch machbar ist, sollte hier  kompromisslos getan werden! Insbesondere wer seine Kinder ins Oldtimer-Hobby einbeziehen möchte, sollte die Möglichkeiten einer Nachrüstung für eine sichere Befestigung von Kindersitzen nutzen.


  • Der Sicherheitsgurt heute

    Mit dem Zwei -und Dreipunktgurt vergangener Jahrzehnte hat die aktuelle Gurttechnik nicht mehr viel gemein. So erfassen Sensoren starke Fahrzeug-Verzögerungen (Unfallsituationen)  und aktivieren den "Gurtstraffer". Noch bevor der Gurt seine Rückhaltefunktion ausübt, wird damit das Gurtsystem straff gezogen. Unterstützt wird der Gurt durch die Unfallsituation angepasste  Airbag-Auslösungen.

    Zusätzlich wird in manchen Automodellen im Bruchteil einer Se-kunde die Rückenlehne aufrechter gestellt, Kopfstützen legen sich am Hinterkopf an. Zusam-men mit dem kompletten Sicherheitskonzept des Fahrzeugs sorgt so der Gurt nach wie vor für eine deutliche Reduzierung der möglichen Verletzungsfolgen. Immer vorausgesetzt, dass er auch angelegt ist!


Weitere interessante Themen für Sie

Oldtimerclubs

Informieren Sie sich über die Oldtimerclubs im ADAC Mehr

Oldtimer-Ratgeber

Das beliebteste Nachschlagewerk für Oldtimer-Fans ist jetzt auch online erhältlich. Mehr

Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität