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Erinnerungen an das Werden des Diesel-Autos – von Eugen Diesel

ADAC Motorwelt vor 60 Jahren
Am 1. August 1949 wurde der erste Mercedes 170 D an einen Kunden verkauft. Dieses Datum ist nicht etwa deswegen bemerkenswert, weil zum ersten Mal ein serienmäßig hergestellter Diesel-Personenwagen auf den Markt gekommen wäre, denn das war schon vor dem letzten Kriege der Fall.

Aber jetzt ist auch der leiseste Zweifel darüber behoben, dass der Personen-Diesel dem Benzinwagen so gut wie ebenbürtig geworden ist. Das bedeutet, dass die überragende Wirtschaftlichkeit des Dieselmotors voll zur Geltung kommt, ohne durch erwähnenswerte Nachteile erkauft werden zu müssen. Die Detroiter Automobil- Industrie ist dementsprechend in Aufruhr geraten und studiert den Mercedes 170 D auf´s intensivste.

  • Diesel glaubte schon früh an den Einsatz im Auto

    Schon 1893, als noch kein Dieselmotor gebaut war, hatte mein Vater Rudolf Diesel in einer theoretischen Schrift geschrieben, dass es einleuchte, wie ungemein verwertbar der neue Motor für die Zwecke des „Fuhrwerkes" sei.

    Am 4. September 1897 schrieb er: „Besondere Eigenschaften meines Motors lassen ihn gerade für den Automobilismus fast mit Sicherheit den Sieg über alle andern erhoffen." Im gleichen Jahre trat das Wort Automobil zum ersten Mal, freilich nur theoretisch, in Verbindung mit dem Namen Diesel. Ludwig Lohner, der Chef der Hofwagenfabrik Jacob Lohner & Co. in Wien und Prof. Ludwig Czischek wollten eine österreichische Motorwagenfabrik unter Verwendung der Motoren von Daimler oder Benz begründen, die sie aber wegen der Verträge dieser Firmen mit anderen Werken nicht beziehen konnten. Da hörten sie von dem gerade zur Sensation gewordenen ersten Dieselmotor in Augsburg.
  • Diesel warnte vor verfrühtem Eifer

    Czischek und Lohner besuchten Diesel am 24. August 1897 in seiner etwas dunklen Parterrewohnung in der Giselastraße 14 in München, wo auf Tischen und Böden einige hundert Zeichnungen von Motorwagen ausgebreitet und die merkwürdigsten Zukunftspläne mit Diesel-Automobilen besprochen wurden. Alle, auch Diesel selbst, waren zunächst enthusiastisch. Lohner wollte auf alle Fälle das Autorennen Paris—Wien im Frühjahr 1898 mitmachen und scheint schon auf ein Dieselauto gehofft zu haben.

    Der Enthusiasmus der beiden Österreicher stieg, als sie den ersten Dieselmotor in Augsburg in Betrieb gesehen hatten. Bald indessen begann Diesel selbst vor verfrühtem Eifer zu warnen, da nicht einmal der ortsfeste Motor aus dem Versuchsstadium heraus wäre.
  • Zusammenarbeit mit Konstrukteur Heinrich Dechamps

    Aber die gewaltige Entwicklung des Personen-Automobils ließ meinen Vater nicht zur Ruhe kommen. 1905 kaufte er einen Benzinwagen, um Erfahrungen mit dem Automobil zu gewinnen. Er fing auch an selbst zu fahren, er wurde indessen nie ein guter Fahrer. Er war nicht mehr ganz jung und ich hatte zudem reichlich Gelegenheit zu beobachten, dass er beim Steuern zu viel über das Verhalten der Benzinmaschine im Vergleich zum geplanten Dieselmotor nachdachte.

    Er begann in den folgenden Jahren zusammen mit dem bekannten Konstrukteur Heinrich Dechamps einen Automotor zu entwerfen. Einmal meldete ich Dechamps, während er am Reißbrett konstruierte, dass viele Ingenieure ein Dieselauto für unmöglich hielten. Er antwortete kurz: „Abwarten, Tee trinken."

    1910 lief ein nach Dechamps' Zeichnungen in Zürich in hoher mechanischer Vollendung ausgeführter Motor mit 800 Umdrehungen in der Minute auf dem Probierstand, eine für damals erstaunliche Leistung. Aber die reizende Maschine hatte schreckliche Launen: oft lief sie zu schnell, wenn sie gerade langsam laufen sollte, und umgekehrt. Mit anderen Worten, sie konnte nicht den Fahrbedingungen eines Autos entsprechend reguliert werden.

    Abgesehen von dieser Schwierigkeit der Regelung und auch der Verbrennung musste man den Brennstoff noch mit Druckluft einblasen, weil Hochdruckeinspritzpumpen noch weniger gebaut werden konnten als kleine Förderpumpen. Man musste also die Luftpumpe beibehalten, was den Motor teuer und schwer machte. Dafür aber konnte man ihn durch einen Druck auf einen Knopf mit Druckluft anlassen, was in einer Zeit, in der man die Motoren immer noch mit der Hand ankurbeln musste, eine Sensation bedeutet haben würde, wenn es nur zum Einbau in einen Wagen gekommen wäre.
  • Erster Diesel-Lastwagen

    1913, vierzehn Tage vor seinem Tode, schrieb Rudolf Diesel trotz der Enttäuschung mit seinem Automotor in einem Brief: „Ich habe immer noch die feste Überzeugung, dass auch der Automobilmotor kommen wird und dann betrachte ich meine Lebensaufgabe als beendigt."

    Kurz vor dem ersten Weltkriege lief in dem Werk Berlin-Marienfelde der Daimler-Motorengesellschaft ein Fahrzeug-Dieselmotor mit Luftpumpe, der aber wegen des Kriegsausbruchs nicht zur Verwendung in einem Lastwagen kam. Aus diesen Vorarbeiten entwickelte sich nach dem Weltkrieg ein Motor, dessen Einbau in einen Lastwagen nichts mehr im Wege stand. Dieser erste Diesel-Lastwagen der Welt machte am 9. August 1923 seine erste Probefahrt.
  • Noch 1917 glaubte man nicht an den automobilen Einsatz

    Nach dem ersten Weltkriege hatten mehrere Werke mit schnell laufenden U-Bootsmaschinen reichlich Erfahrungen gesammelt und zudem war man an mehreren Stellen im Begriff, sowohl Vorkammer-Dieselmotor wie Brennstoff-Einspritzpumpen für höchste Drücke zu entwickeln, welche die Luftpumpe überflüssig machen sollten.

    Langsam entstand der kompressorlose, hochtourige, zunächst für Lastwagen bestimmte Motor, obwohl 1917 berühmte Gelehrte feststellten, dass der Dieselmotor sich grundsätzlich nicht für Automobile eigne. Etwa im Frühjahr 1924 stand ich bei einem Besuch der Maschinenfabrik Augsburg der MAN plötzlich vor einem regelrechten Autodieselmotor, von dem am 15. Dezember 1923 die Fabrik hatte schreiben können: „Der erste (kompressorlose) Motor ist dieser Tage zum ersten Mal aus eigener Kraft gelaufen. Nach den bisherigen Anzeichen besteht berechtigte Hoffnung, einen brauchbaren Automobilmotor zu erhalten."
  • Entwicklungen von Bosch gaben entscheidende Impulse

    Bald darauf begann Bosch seine Einspritzpumpe zu entwickeln, die dann bei der weiteren Einführung des Diesel-Lastwagens entscheidende Anstöße gab. Ich selbst sah 1925 zum ersten Mal ein Diesel-Lastautomobil fahren und zwar in Potsdam.

    Das andere Motorengeräusch und der Geruch der Abgase sagten mir blitzschnell, dass dieser schmucke nagelneue blaue MAN-Lastwagen der Hasenbrauerei in Augsburg ein Dieselwagen war. Wie lange hatte man doch „abwarten und Tee trinken“ müssen!

    Es hat rund ein halbes Jahrhundert, von 1897-1949, gedauert, (etwa so lange wie von der ersten Dampfmaschine mit Drehbewegung - bis zur Eisenbahn), bis der Dieselmotor durch den Mercedes 170 D auch für den anspruchsvollen Personenwagen reif wurde.

    ADAC Motorwelt 10/1950

     

    (Fotos: Historisches Archiv der MAN Augsburg)

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