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Atomantrieb

Strahlende Verheißung

 

Nach der Euphorie der 1950er Jahre die Ernüchterung wenige Jahrzehnte später: Atomenergie ist nicht beherrschbar, schon gar nicht als Fahrzeugantrieb.



  • Die Sonne als Beispiel

    Nur zu gern lassen sich die Deutschen als das Volk der Dichter und Denker einlullen. Goethe, Schiller, Heine – schön und gut. Doch die Umsetzung der Erkenntnisse von Denkern wie Martin Luther, Karl Marx oder Otto Hahn haben die Welt verändert, und zwar nicht eben sanft.

    Die Denker wurden zu Spaltern, ohne es darauf angelegt zu haben. Unter den Nachbeben der Kirchen- und Gesellschaftsspaltung leidet ein Teil der Menschheit Jahrhunderte später immer noch, die Folgen der Kernspaltung haben wir soeben hautnah erlebt – wieder einmal.


  • Kernspaltung: Fluch und Segen zugleich

    Auf den Überbleibseln der erschöpften europäischen Nationalstaaten schwangen sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine ehemalige britische Kolonie im Westen und eine den Marx’schen Utopien hinterher hechelnde Parteiendiktatur im Osten zu Supermächten empor, die, da ihnen die Erde nunmehr untertan war, nach den Sternen griffen.

    Die Sonne ist ein solcher (Fix-)Stern, auf dem eine fortwährende Energieerzeugung durch thermonukleare Reaktionen stattfindet. Was lag näher, eine solche Kernfusion auf Erden vorzunehmen, wo doch die aus der Kernspaltung gewonnene Energie alle anderen nutzbaren Energieformen um das Millionenfache übertrifft. Allerdings verdrängte der Mensch in seiner Vermessenheit zwei entscheidende Faktoren: Zum einen ist die Sonne rund 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, zum anderen ist der Erdball von einer schützenden Gas- und Wasserdampfhülle umgeben. Dadurch treffen die bei der Kernreaktion auf der Sonne auftretenden Temperaturen und radioaktive Strahlungen den Erdball nur abgeschwächt oder gar nicht.

    Krebsfördernde und todbringende Strahlenorte wie Sellafield (1957 ff.), Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) dagegen liegen gerade mal um die Ecke, als Schutzschicht dienen ein paar Zentimeter Beton. Und die als Restrisiko verniedlichte Entsorgung des Atommülls wird auch dann noch die Menschheit vor Probleme stellen, wenn es schon längst keine Atomkraftwerke mehr geben wird.


  • Atomzeitalter erreicht die Mobilitätskonzepte

    Dessen ungeachtet und trotz – oder wegen? – der („effektiven“) Bomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 hielten interessierte Stellen vor allem in den USA die Anwendung der Atomenergie auch im Transportwesen für machbar und wünschenswert. Weil bei Schiffen die Grenze zwischen stationärem und mobilem Einsatz verschwimmt und der Atomantrieb einen praktisch unbegrenzten Aktionsradius bietet, wurden vor allem Kriegsschiffe mit Kernenergieantrieb ausgerüstet.

    Dem Atom-U-Boot Nautilus 1954 folgten mit dem UdSSR-Eisbrecher Lenin 1959 das erste Überwasserschiff und weitere Kreuzer, Zerstörer und Flugzeugträger. Auch die Handelsschifffahrt erprobte mit dem US-Frachtschiff Savannah 1961 und dem deutschen Erzfrachter Otto Hahn 1968 schon bald die neue Antriebstechnik.


  • Atomenergie als Sackgasse?

    Die erzielbaren Reichweiten faszinierten auch die Flugzeugbauer. Hans von Oheim und die US Air Force, General Electric, Lockheed, De Havilland und die Sowjets beschäftigten sich während der 1950er Jahre mit atomgetriebenen Militär- und Passagiermaschinen, bis sich der Schwerpunkt der Entwicklung auf die Raketentechnik verlagerte.

    In der westlichen Welt scheint nur ein Flugzeug mit Atomreaktor in der Luft gewesen zu sein. Er lieferte allerdings keine Leistung für den Antrieb der Motoren, sondern flog nur als Studienobjekt mit.

    Atomantrieb auch für Autos? General Motors hielt 1957 vorsorglich einen zehnwöchigen Lehrgang für Auto-Ingenieure über den Umgang mit Radioisotopen ab. Ein Jahr später zeigte Ford einen Personenwagen mit überlangem Heck. Zwischen den lang auslaufenden Seitenteilen hing ein bleiummantelter Behälter, in dem ein Reaktor untergebracht war. Der im Science Fiction-Stil gehaltene und Nucleon genannte Dreisitzer sah nie die Straße – Ford begnügte sich dankenswerterweise mit einem Modell, das nicht funktionierte.

    Bliebe noch Robert Gilmore LeTourneau, Philanthrop und Pionier des gleislosen Erdbaus, der nicht nur mit seinen Bau- und Erdbewegungsmaschinen Geschichte schrieb, sondern auch mit vielachsigen, geländegängigen Alaska- und sonstigen Zügen. Einer davon, ein 52-rädriger Geländezug, sollte 1959 wahlweise mit konventionellem oder Atomantrieb erhältlich sein. Zum Nuklearantrieb kam es nicht.

    Der Atomantrieb für Straßenfahrzeuge war damit vom Tisch, unglücklicherweise jedoch nicht die stationäre Atomstromversorgung. Statt in eine strahlende Zukunft haben uns schmalspurige Wissenschaftler, beschränkte Militärs, skrupellose Kernkraftbetreiber und verblendete Politiker scheinbar in eine verstrahlte Sackgasse geführt.

    Dumm gelaufen: Im Gegensatz zu Goethes Zauberlehrling können wir keinen Meister mehr um Hilfe anrufen. Womit wir wieder bei den Dichtern angelangt wären. Die sind harmloser als die Denker.

     

    Bildquellen: Deutsches Museum, Hobby, Archiv Eckermann

     

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