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Frühe Fernfahrten: Liebieg im Benzwagen

Von Böhmen nach Reims

 

Eine Reise im Jahre 1894 von Böhmen an die Mosel und weiter nach Reims betrachtete die Automobil Revue Bern (21.7.1994) als „erste echte Fernfahrt“ mit einem Automobil.


  • Reichenberg-Gondorf-Reims und zurück

    Unbeeindruckt von Berta Benz' etwa 180 km langer 'Fernfahrt' von Mannheim nach Pforzheim im Jahre des Herrn 1888 oder vielleicht sogar ohne Kenntnis dieses epochalen Ereignisses schrieb der Unternehmer Baron Theodor von Liebieg (1872 bis 1939) ein bisschen Automobilgeschichte insofern, als er sechs Jahre später eine etwa elf- (Gondorf) bzw. 13-mal (Reims) längere Fahrt mit einem Automobil unternahm.

    Dabei wollte er, damals zarte 22 Jahre jung, nur seine Mutter besuchen. Die allerdings wohnte weit weg, nämlich in Gondorf an der Mosel, ein paar Kilometer südlich von Koblenz, während Liebieg selbst seinen Wohnsitz im böhmischen Reichenberg hatte. Dort, heute Liberec in Tschechien und nicht weit entfernt von Zittau/Sachsen, musste er Vaters Tuchfabriken weiterführen, denn Vater Johann war 1890 verstorben.

    Zwischen Reichenberg und Gondorf lagen knapp 1.000 km, und da das Geld nicht allzu knapp im Hause Liebieg war, kaufte der junge Baron bei Papa Benz genau das Benz-Modell Viktoria, mit dem er bereits in Mannheim eine Probefahrt gemacht hatte, nachdem er zwischen zwei Zügen „mit fliegenden Armen und ganz außer Atem in den Fabrikshof gesprungen“ war. So jedenfalls schildert Paul Rainer, der Liebiegs tägliche Notizen 44 Jahre später in Buchform (Der Auto-Pionier auf Viktoria von Carl Benz, Mannheim. Reichenberg 1938) goss, den Ausfluss von Liebiegs Technikbegeisterung.


  • Das können nur zwei Benzianer sein

    Im Dezember 1893 lieferte Benz-Schlossermeister Thum besagten Viktoria per Bahnfracht in Reichenberg ab. Mit dem sinnreichen, „herrlichen Gesang: Was rattert und knattert in den Morgen hinein? Das können nur zwei Benzianer sein. Viktoria!“ (siehe Rainer, 27) brachen Liebieg und sein alter Schulkamerad Franz Stransky am 16. Juli 1894 zur Fernfahrt nach Gondorf auf.

    Stransky, derzeit Medizinstudent und von Liebieg zum 'Kesselheizer' hochgelobt, weil er während der Fahrt alle 15 bis 20 Kilometer Wasser aus Brunnen und Waldbächen nachfüllen durfte, entdeckte auch seine Qualitäten als Pferdeflüsterer, denn mehr als einmal hatte er scheuende Rösser an der Kutsche ohne Pferde vorbeizuführen. Auch wie angenagelt in Straßenmitte stehende Rindviecher mussten behutsam umschifft werden.

    Weder Liebieg noch Stransky hatten viel Ahnung von der Technik, doch 'Ölungen', Riemenspannen und die Reparatur des „zu Tode gerüttelt(en) Zünder(s)“, womit Rainer wohl die einsame Zündkerze meinte, gingen ihnen bald flott von der Hand. Längere Aufenthalte gab es, wenn „eine Schraubenmutter im Getriebe … locker geworden“ oder „nur die Pole des Induktionsapparates durch das Rattern des Motors in Unordnung gekommen“ waren, wie Rainer (47, 35, 39) als Nicht-Techniker mechanischen Störungen nahezukommen versuchte.

    Nach 700 Kilometern, vier Tagen und einer Nachtfahrt (mit Kerzenlaternen) via Zittau, Dresden, Jena, Eisenach, Fulda, Hanau und Darmstadt erreichten sie ohne größere Reparaturen die Waldhofstraße in Mannheim. „Die Fabrik von Benz & Co … bestand aus mehreren kleinen Gebäuden, … die wahrhaftig noch nicht auf ein Weltunternehmen raten ließen“. „Vater Benz strahlte … Mit Ihnen beiden habe ich Glück gehabt. Schade, daß ich Sie nicht bei allen meinen Wagen mitliefern kann, dann wären wir bald rund um die Welt herum“ (Rainer, 52). Benz als weltgrößter Hersteller baute 1894 67 Automobile, Peugeot 40 und Daimler nur 1.

    Nachdem die Benz-Arbeiter den Wagen gereinigt und „scharf untersucht“ hatten, erreichten sie „mit dem wackeren Benz, der seit Mannheim nie mehr gestreikt hatte“, (Rainer, 55, 57), ihr Ziel Gondorf am 22. Juli 1894. In den 7 Tagen legten sie während der 69 Fahrstunden 939 km zurück, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,61 km/h entspricht (auf der Rückfahrt erreichten sie 17 km/h). Dabei schlürfte der 1 Zylinder-Viktoria (1.724 cm³, 3 PS) 140 kg oder etwa 192 Liter Benzin in sich hinein, jeweils in Apotheken gekauft, was einem Verbrauch von 20,5 l/100 km entspricht – bescheiden gegenüber dem Wasserbrauch, den Liebieg mit insgesamt 1.500 Litern angab entsprechend 159,7 l/100 km.

    Dafür reichte der Akkumulator für die ganze Fahrt, und der Liebieg damals noch unbekannte CO2-Ausstoß betrug 471,5 g/km – nicht schlecht im Vergleich zu den Bugatti Supersportwagen neuerer Zeit, auf die eigentlich niemand gewartet hatte und die deutlich mehr als ein halbes Kilo CO2 pro Kilometer in die Atmosphäre blasen.


  • Liebieg und Benz wurden Freunde

    Nach Tagen des Wiedersehens und folgender Langeweile in Gondorf beschlossen Liebieg, Stransky und Onkel Felix Clemens, eine Nostalgiereise nach Reims zu wagen, das sie via Cochem, Trier, Etain und Verdun nach drei Tagen erreichten. Auf der Rückreise war „unser getreuer Benz … am Ende seiner Kräfte angelangt“ (Rainer, 90), worauf Liebieg in Trier einen Waggon nach Mannheim charterte, den Viktoria bei Benz überholen ließ und ihn nach der erzwungenen 'Benzrast' wieder in Empfang nahm.

    Am 22. August 1894 traten Liebieg und Stransky via Mannheim, wo sie den nun zum Freund gewordenen Carl Benz besuchten, die Heimreise nach Reichenberg an, das sie am 31. August erreichten. Damit hatten sie insgesamt etwa 2.400 km zurückgelegt, eine Leistung, die vor Ihnen noch niemand vollbracht hatte.

    Liebieg, der mit seiner Fernfahrt Carl Benz eine höchst willkommene Werbeaktion in drei Ländern geliefert hatte, legte auf seinem Viktoria während der folgenden fünf Jahre insgesamt etwa 20.000 km zurück. Der Wagen ziert heute als ältestes Auto die Sammlungen des Nationalen Technischen Museums in Prag. 
     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Eckermann


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