DruckenPDF

Frühe Fernfahrten: Kutschfahrt

Von Straßen, Rössern und Kutschen

 

Das Reisen erschien lange Zeit nicht als Vergnügen, sondern als Abenteuer, Mühsal und Arbeit, sowohl auf dem Wasser als auch auf dem Land.


  • Wölfe und andere Unwägbarkeiten

    Gerade auf dem Land reihte sich Fährnis an Fährnis. Konnten frühe Seefahrer der Küste folgen und damit das Risiko einer Schiffsreise klein halten, türmten sich im Innern der Kontinente und Länder die Hindernisse buchstäblich auf. Es galt, Berge zu erklimmen, Sümpfe zu bezwingen, Wälder zu durchdringen und Flüsse zu durchqueren. Und nicht nur das.

    Auf einer „gethane(n) gantz sonderbare(n)“ Reise durch „Niederland / Teutschland / Hungarn / Servien / … Steurmarck“ und anderen Ländern 1711 zeigte sich der englische Arzt Edward Brown nicht nur „... bekümmert, wie wir uns möchten vor Raubern hüten“, sondern „wir (bekamen) auch unverhofft eben dergleichen Schrecken von Wölffen und Hunden … Insonderheit aber in grossen und breiten Wäldern wurden wir stetigs von den Wölffen verunruhiget und allarmiret …  Kamen (wir) … in eine Stadt/oder so wir dieselbe verliessen/so kamen Hunde/die uns anliefen/und anbelleten; auch die Pferde in die Beine bissen ...“


  • Reisen dienten nicht der Erholung

    Dem Normalsterblichen kam es nicht in den Sinn, die Strapazen einer weiten Kutschenreise freiwillig auf sich zu nehmen. Zu hoch waren Kosten, Sicherheitsrisiko und Zeitaufwand, zu schlecht waren Wege, Gasthäuser und Herbergen. Gereist wurde nur aus strategischen Zwecken, wie von den Römern auf ihren gepflasterten Straßen bekannt, oder aus beruflichen Gründen, wenn Kaufleute per Frachtwagen die Märkte im Binnenland versorgen wollten. Wege und Straßen wurden bevölkert von Pilgern, Soldaten, Handwerkern und allerlei Gesindel, die ihr Ziel zu Fuß anstrebten, ferner von reitenden Kurieren und, selten, Gesandten in Privat-Kutschen.

    Dennoch begannen Adelige und Gelehrte ab dem 16. Jahrundert, ihr Interesse an Kunst und Wissenschaft mit Fernfahrten in die großen Städte Europas zu stillen. Begleitet wurden sie auf ihren Lustreisen von Schreibkundigen, die Tagebücher führten – Fortführung der ab etwa 1380 aufkommenden Reiseführer (für Pilger).

    Ein Reisetagebuch in Form von Briefen führte auch Goethe, „da ich ohne Diener bin“: In seiner „Italienischen Reise“ 1786 beschrieb er zwar Natur, Baudenkmäler und Bevölkerung, verlor jedoch kaum ein Wort über so profane Dinge wie Pferdewechsel, Postillion oder Kutsche, in der er sich fahren ließ.


  • Chamisso beschrieb die Qualen anschaulich

    Kaum einer konnte sich, wenn wirklich mal eine Fernfahrt unvermeidlich wurde, eine Kutsche mieten, und so drängten sich die all so Bedauernswerten in den Postkutschen, von Adelbert von Chamisso respektlos als „Martermaschine“, ja als „Ungeheuer“ gebrandmarkt. Denn „Reisen in Postwagen ermatten ebenso sehr den Geist, als sie für den Körper schädlich sind“, warnte das „Neueste Post- und Reisehandbuch“ von 1835. „Das unbequeme enge Sitzen oft bey schwüler Luft, … der oft pestilenzialische Gestank unsauberer Reisegesellschafter, das Toback-dampfen und die zottigen schmutzigen Reden der ehrsamen bunten Reisekompagnie … verursachen … gänzliches Uebelbefinden in allen Gliedern … Zuweilen in Postwagen zu steigen, etwa zwei bis drei Stunden mitzumachen, in Gegenden die man schon kennt, mag allenfalls angehen; aber ganze Wochen und mehrere Nachtwachen in solcher Gruft zuzubringen, ist eine wahre Galeerenstrafe. Die Gesundheit also wird fast allemal attaquiert, man mag noch von so starker Natur seyn, und ich rathe keinem Menschen, ohne Auszuruhen, sich für eine weite Reise einschreiben zu lassen“.

    Zu den Gefahren für Leib und Seele gesellte sich „der Verlust an Zeit … was solche Reisen noch beschwerlicher und verdrüßlicher macht“: Eine Fahrt mit den auch Nachts verkehrenden Schnell- oder Eilpostwagen, die um 1820 aufkamen, dauerte 20½ Stunden von München nach Innsbruck, 39 Stunden von Berlin nach Hamburg, wie das „Allgemeine Post- und Reisehandbuch für Deutschland“ 1827 angab.

    Daraus errechnen sich durchschnittliche Geschwindigkeiten von 6,6 km/h auf der bergigen südlichen und 7,4 km/h auf der ebenen nördlichen Strecke. „Glasers Annalen“ (15.01.1898) sah darin einen „ungeheuren Fortschritt der Gegenwart auf dem Gebiete des Verkehrswesens“. Denn: „Nachdem die schönen dauerhaften Straßen der Römer gänzlich in Verfall gerathen waren, schleppte man sich das ganze Mittelalter hindurch mühselig auf schlechten, theilweise ungebahnten Wegen fort … bis Napoleon der Schöpfer eines musterhaften Straßennetzes in Mitteleuropa wurde“.


  • Fortschritte durch Napoleon und die Industrialisierung

    Die Anfang des 19. Jahrhunderts für seine Eroberungsfeldzüge gebauten Straßen eigneten sich nicht nur für Soldaten – Marschgeschwindigkeit 20 bis 30 km pro Tag – sondern auch für Wagen (ohne) und Kutschen (mit Federung). Im Gefolge der Industriellen Revolution, die in England um 1820, in Deutschland um 1850 einsetzte, entstand eine Schicht aus Unternehmern, Fabrikanten und Bankiers, die sich die hohen Kosten für Anschaffung, Unterhalt und Unterbringung von Kutschen, Pferden, Beschirrung, Personal und Futter leisten konnte. Sie ließ sich nach Vorbild des Adels kutschieren.

    Auch wenn schon bald Kutschen auftauchten, die vom Herrn oder von der Dame etikettenkonform selbst gefahren wurden (Selbstfahrer) – längere Strecken legte man jetzt mit der Eisenbahn zurück. Sie verdrängte ab 1840 in England die Mail Coaches, dort und auf dem Kontinent verschwanden Reisekutschen aus dem Angebot der Kutschenmanufakturen.

    Fernfahrten mit der Kutsche fanden nicht mehr statt, es sei denn aus touristischen Gründen. Auch hier gab England den Ton an: Das Land, in dem die Dampfeisenbahn erfunden wurde, reaktivierte schon 1860 Ausfahrten (Coaching Revival) mit Road Coaches – mit Ausstrahlungen bis nach Weimar und München: Von dort wandeln, pardon, rollen in London 1860 bzw. 1875 gebaute Road Coaches auf Goethes Spuren über den Brenner bis nach Verona, gute 500 km und ohne „Tobackdampf“ und „Uebelbefinden“.

    Eine Fernfahrt, die sogar Vergnügen bereitet und Nostalgikern eine Postkutschenromantik vorgaukelt, die es gar nicht gegeben hat.

     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Eckermann


Weitere interessante Themen für Sie

Oldtimermuseen

Schöne Oldtimermuseen und Sammlungen hier im Überblick. Mehr

Geschichte & Geschichten

Die Geschichte der Oldtimer und weitere interessante Themen zu historischen Fahrzeugen. Mehr

– Mein ADAC –

Oldtimer-Newsletter

Alles, was Ihr Liebhaberherz begehrt: Informationen rund um Technik, Toureninfos, Veranstaltungen usw. Kostenlos und aktuell! Mehr





Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität