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Frühe Fernfahrten: Otto Julius Bierbaum

Bierbaums Reise über die Alpen

Benötigte Hannibal 218 v. Chr. noch 37 ES (Elefantenstärken), um die Alpen zu bezwingen, schaffte es Bierbaum 2.120 Jahre später mit nur noch 8 PS (Pferdestärken).

  • Über die Alpen nach Italien und zurück
    Im Gegensatz zum großen Karthager, von dem nicht so genau bekannt ist, wo er denn nun auf seinem Weg vom Rhône-Tal Richtung Turin die Alpen überquerte, ist Bierbaums Fahrt gut dokumentiert, und zwar von ihm selbst: Auf der Anreise nach Italien, einem „anbetungswürdige(n) Land“, nahm er den Brenner (1.374 m) unter die Pneumatiks, mit dem Kesselberg (858 m) auf bayerischer Seite als kleine Vorübung, auf der Rückreise den Gotthard (2.108 m), den „wir glatt genommen (haben) – ... für einen einzylindrigen, achtpferdigen Motor eine sehr respektable Leistung“.
    Wobei festzuhalten bleibt, dass Bierbaum nicht selbst am Lenkrad saß, sondern sich fahren ließ. Der von den Adler-Werken in Frankfurt abgestellte Chauffeur-Monteur hieß Louis Riegel und war, weil andere Völkerschaften sein Frankfortsch und er ihre Mentalitäten nicht verstanden, heilfroh, als er nach knapp 4 Monaten wieder im Werk eintraf, und zwar allein. Die Herrschaften hatten den Wagen schon Mitte Juli 1902 in Stein am Rhein verlassen.

  • Bierbaum als Vorreiter heutiger Reise-Blogger
    Otto Julius Bierbaum (1865 bis 1910), Journalist, Kritiker und Schriftsteller, berichtete über seine 1902 unternommene Reise von Berlin nach Sorrent, Amalfi und zurück an den Rhein in Briefen an seine Freunde, zu denen der Architekt und Industrie-Designer Peter Behrens und die Maler Hans Thoma und Franz von Stuck zählten.
    Freimütig bekennt der bis zum Bierulk eingängig schreibende, zwischen den literarischen Richtungen pendelnde Bohème-Literat seine Vorliebe für lange Briefe, die er als „Eine empfindsame Reise im Automobil“ bündelte und 1903 herausbrachte. Wobei er Empfindsamkeit als „... die Fähigkeit und Bereitschaft, neue Eindrücke frisch und stark aufzunehmen“, verstanden wissen wollte und nicht im „Sinne von Sentimentalität, den es jetzt angenommen hat“.
    „Meine Reise“, so Herr Bierbaum weiter, „hat mit dem Automobilsport als solchem nicht viel zu tun – sonst hätte ich sie nicht als eine empfindsame Reise bezeichnen können, denn was ein richtiger Automobilist ist, der kennt die Empfindsamkeit nicht.“

  • Frühes Sponsoring durch Berliner Verleger
    Nach den von Dichtermund versprühten Duftmarken kurz ein Blick auf Motiv und Technik. Seine „Reise war der Versuch einer praktischen Probe auf das Exempel des Sports“, womit er dem Automobilsport lediglich Experimentalwert beimaß und im Übrigen den Automobilismus im „Rang eines starken Kulturfaktors“ zu sehen wünschte. Er erhob das Reisen mit dem Auto zur Kunst, musste aber einräumen, dass er sich mit seinen „Einkünften als deutscher Dichter“ eine italienische Reise – Goethe lässt grüßen – mit einem Auto nicht hätte leisten können. Artig bedankte er sich deshalb bei seinem Gönner August Scherl, Verleger in Berlin, und bestieg dort am 01. April 1902 mit seiner toskanischen Frau Gemma geb. Ponneti-Lotti (1882 od. 1883 bis 1925) die Hintersitze eines roten Adler-Phaetons 8 PS.
    Der Kleinwagen mit französischem Einzylinder De Dion-Motor von nur 785 cm³ Hubraum gehörte mit Rohrrahmen und Rippenrohrkühler vor der Vorderachse noch der ersten, vom Fahrradbau beeinflussten Motorwagen-Generation an und war für Fernreisen eigentlich nicht gedacht.
    So musste hinten eine Kofferbrücke montiert werden, die zusammen mit dem Sitz neben dem Fahrer die zahlreichen Koffer aufnahm: Ein großer für Wäsche, Straßen- und Gesellschaftskleider für drei Monate, je ein großer Handkoffer für die gnä' Frau und für 'Effekten' bei kurzem Aufenthalt, ein Toilettenkoffer, ein Speisekorb mit Geschirr, eine Schirm- und Stocktasche, drei Reisedecken, einige Mäntel, zwei Reitpeitschen gegen Hunde „von allzu hitzigem Temperament“ und – eine Gummibadewanne. Das alles auf einer Länge von nur 3,30 m plus Gepäckbrücke (zum Vergleich: 2012 VW Up 3,54 m).

  • Als Künstler legte Bierbaum großen Wert auf Ästhetik
    Mit drei Personen an Bord wog die Fuhre rund 1.100 kg, was bei einem Leergewicht von 600 kg einem Nutzlastfaktor (Verhältnis von Nutzlast/Zuladung zu Leergewicht) von Lkw-verdächtigen 0,83 entspricht – heutige Personenwagen erreichen nur Werte von 0,20 bis 0,45.
    Obwohl damit das Gefährt heillos überfrachtet war, lastete Nicht-Techniker Bierbaum häufige Pneumatikpannen den zu schwachen Luftschläuchen an und empfahl dem Lieferwerk zeigefingernd, doch bitteschön „in diesen Dingen bei einer solchen Reise“ nicht zu sparen. Als Künstler übte er Kritik an der „ästhetischen Verarmung“ der Automobile im allgemeinen, die aussehen „wie Zugwagen ohne Zugtiere“, und schlug Peter Behrens als „unter den Deutschen der rechte Mann“ vor, die „ästhetisch-konstruktive Aufgabe zu erledigen“, den „Laufwagen“, ein von ihm favorisierter Begriff für (langsames Fahren im offenen) Automobil, wenigstens so schön zu gestalten wie ein Dampfschiff.
    Ansonsten war er von den „Qualitäten des diesmal von uns benutzen Adlerwagens“, von dem „gutmontierten, bequem eingerichteten Automobil“ begeistert, denn „das Maschinelle ist bis auf Kleinigkeiten eigentlich schon tadellos“. Wobei er allerdings die Zündung, die „uns zuweilen einen kleinen Ärger bereitet“, ausschloss. So konnte der 37-Jährige, bereits mit einem „Bäuch(ch)en gesegnet und auch sonst nicht ganz auf der Höhe physischer Leistungsfähigkeit“, sich ganz der „Wollust dieses Dahinrollens“ hingeben.

  • Teilweise zu Fuß neben dem Wagen hergehend
    Das Dahinrollen, bei starken Steigungen von Aussteigen und nebenher Zufußgehen unterbrochen, führte ihn und seine Frau von Berlin über Dresden, Prag, Wien und Salzburg nach München und weiter über Mittenwald, Innsbruck, Brenner, Trient und Bassano nach Venedig. Von dort aus ging es über Padua, Ferrara, Ravenna, San Marino, Florenz, Siena, Arezzo, Perugia und Terni nach Rom und weiter nach Terracina, Neapel, Vesuv, Pompeji, Sorrent und Amalfi als südlichstem Punkt der Reise.
    Die Rückfahrt über Caserta, Monte Cassino, Rom, Grosseto, La Spezia und Genua erlaubte größere Tagesreisen, auch wenn er berücksichtigen musste, dass „die Lenkung eines Motorwagens im südlichen Sonnenbrand (…) eine Arbeit (ist), die angreift. Auch darf man nicht vergessen, daß der Chauffeur, wenn er den Wagen glücklich an Ort und Stelle gebracht hat, nicht sogleich die wohlverdiente Ruhe genießen kann, vielmehr noch ein paar Stunden scharf am Wagen zu arbeiten hat, soll dieser am nächsten Tag fahrbereit und sauber zur Verfügung stehen.“ Nach Mailand und Como ging's hinein in die Schweiz: Lugano, Bellinzona, St. Gotthard, Vierwaldstätter und Zuger See, Zürich, Schaffhausen und schließlich Stein am Rhein, das sie am 15. oder 16. Juli 1902 erreichten. Dort trennte sich das Künstlerehepaar vom hochgeschätzten Fahrer Riegel und dem Werkswagen.
    Eine Bildungsreise also, auf der Bierbaum, ganz wie der große Wolfgang 134 Jahre zuvor, Landschaften, Baudenkmäler, Museen, Brauchtum und auch Frauen beschrieb und sein außergewöhnliches Beförderungsmittel nur gelegentlich erwähnte. Was ihn nicht daran hinderte, „das Reisen im Laufwagen (als) das ideale Reisen“ zu preisen, „denn alles andere Reisen ist Dilettantismus – nach der Melodie 'Immer langsam voran'“. Wie die Elefanten.
    Die erreichen, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h, wie auch der motorisierte Adler, der aber länger durchhält. Bei etwa 3.750 zurückgelegten Kilometern und einem angenommenen Durst von 15 l/100 km dürfte der Adler 563 l Benzin in sich hineingespült haben, ein Elefant mit einem durchschnittlichen Trinkwasserverbrauch von 80 l pro Tag dagegen 2.400 l, wenn man 30 Tage (von dreieinhalb Monaten Reisedauer) als reine Fahrtzeit bei dann 10,4 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit ansetzt. Nach 2.120 Jahren also ein leichter Vorteil für die Moderne.

    Text und Fotos: Erik Eckermann


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