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Frühe Fernfahrten: Hochrad

Hoch zu Rad um die Welt

 

„Für eine volkstümliche Einführung als lokomotorisches Verkehrsmittel“, stellte Der Radfahrsport 1897 fest, blieb das Hochrad „eine wenig geeignete Maschine“.


  • Naturwege, Ordinary Bicycles, Hochräder

    Wenn auch „seitens turnerisch gut Veranlagter sportliche Leistungen mit ihm vollbracht werden konnten, wie die des Thomas Stevens, welcher zum ersten Mal auf diesem Vehikel 1884 bis 1886 eine Fahrt um die Welt durchführte“, fuhr das Blatt fort, „so konnte es doch nur von ausnahmsweise gewandten 'Sportsleuten' in dieser Weise verwendet werden.“

    Denn ein Hochrad hatte „sehr bedeutende Nachteile: Diese hingen mit der Höhe seines Vorderrades zusammen, indem hierdurch das Centrum der bewegenden Kraft und damit der Schwerpunkt von Maschine und Fahrer zusammengerechnet nahe über die Achse des Vorderrades und damit zu weit nach vorn verlegt wurde. Hierdurch kam es, dass bei dem leichtesten Widerstand, etwa durch Steine und dergleichen, sowie besonders beim Bergabfahren das Hochrad die Neigung hatte, nach vorn überzuschlagen, so dass nur durch grösste Vorsicht und Achtsamkeit Stürze nach vorn, die berüchtigten Kopfstürze, welche bei der Höhe des Rades fast durchgehends mit Lebensgefahr verknüpft waren, vermieden werden konnten“.


  • Von der US-Westküste an die Ostküste

    Mit einem solchen Hochrad, in England „Ordinary“ genannt, umrundete der Anglo-Amerikaner Thomas Stevens (1854 bis 1935) den Globus, nicht, weil er leidenschaftlicher Radfahrer war – er konnte gar nicht Hochrad fahren, sondern musste es erst lernen – sondern weil er unbedingt eine Weltreise machen und darüber berichten wollte.

    Auf einem vom Pope-Konzern hergestellten Columbia Standard mit Vollgummireifen, einem Vorderrad-Durchmesser von 50 Zoll (127 cm) und einem Gewicht von zirka 50 Pfund (22,7 kg) startete er am 22. April 1884 in San Francisco und erreichte das 5.953 km entfernte Boston via Sierra Nevada, Ogden/Salzsee, Cheyenne, Chicago und Buffalo am 4. August 1884. Damit hatte Stevens als erster den nordamerikanischen Kontinent mit einem Zweirad durchquert.

    Er überwinterte im benachbarten New York (zirka 280 km), erhielt von Colonel Albert A. Pope einen neuen 54-Zöller (Columbia Expert) und wohl auch finanzielle Förderung und schiffte sich nach Liverpool ein, von wo aus er ab 2. Mai 1885 über Birmingham und der Zweiradmetropole Coventry nach London und weiter zur Kanalküste radelte.


  • Von Liverpool aus weiter in die Türkei

    In Frankreich (Dieppe, Paris, Nancy) und Deutschland (Straßburg, München, Passau) wechselten sich „prächtige Fahrstraßen“ und schlechte Wege ab, die „im Verhältnisse zu den amerikanischen allerdings immer noch gut (sind)“, wie Stevens in seinem von Hans-Erhard Lessing herausgegebenen Buch „20.000 Meilen mit dem Hochrad um die Welt 1884 bis 1886“ (Stuttgart 1984) feststellte.

    In Bulgarien fand er so schlechte Wege vor wie „nirgends in ganz Europa“, so dass er, wie auch in gebirgigen Gegenden, sein Zweirad oft „mit dem Hinterrade hoch in der Luft“ vor sich herschieben musste. Doch auf dem Weg weiter durch die „asiatische Türkei“ und Persien wurden nicht nur die Straßen „über alle Maßen abscheulich“, sondern auch ein Teil der Bevölkerung zudringlich bis bedrohlich.

    Als letztes Mittel ließ er auf sein Geld und seine Ausrüstung allzu Neugierige in die Mündung seiner Smith & Wesson blicken, „wieder ein Beweis dafür, daß man, um friedlich leben zu können, zum Kriege gerüstet sein muß“.

    In Konstantinopel (Istanbul, Türkei) komplettierte er sein Hochrad mit einem 'Cyclometer' genannten Kilometerzähler, nahm einige Speichen, Gummileim und einen Ersatz-Gummireifen für das Hinterrad an Bord, verzurrte Zelt, Patronen, „Unterkleidung“ und eine kleine Flasche Nähmaschinenöl auf dem Gepäckträger und verstaute einen wasserdichten Gummianzug, Schreibzeug, Arzneien und weitere Kleinigkeiten in einem festen Lederbehälter.

    So ausgerüstet erreichte er Persiens Hauptstadt, mit 2.521 km vom türkischen Ismid (Izmit) auf dem Wegmesser. Rechnet man die Strecke Liverpool-Konstantinopel von rund 4.000 km und die USA-Durchquerung mit 6.200 km hinzu, hatte Stevens von San Francisco bis Teheran rund 12.700 km zurückgelegt.


  • Nippon war die reinste Erholung

    Von Teheran, wo er den Winter 1885/86 verbrachte, wollte Stevens durch Turkestan und Südsibirien ins Amur-Tal und von dort entweder nach Wladiwostok oder durch die Mongolei bis Peking fahren. Doch die Russen verweigerten ihm die Durchreise. Auch wurde ihm untersagt, von Farrah (Afghanistan) über Kandahar nach Lahore (Pakistan) durchzustechen, um über Indien nach China und Japan zu gelangen. Vielmehr musste er zurück nach Konstantinopel, von dort nach Alexandria (Ägypten) und um die arabische Halbinsel nach Karachi (Pakistan) und weiter nach Lahore – ein ungeheurer Umweg, der nur mit Schiff und Eisenbahn zu bewältigen war.

    Am 31. Juli 1886 bestieg Stevens trotz mörderischer Hitze von 54 Grad Celcius sein 'Eisenpferd' und ritt auf der Großen Heerstraße von Amritsar (Indien) über Delhi nach Kalkutta (Ost-Bengalen, heute Bangladesh). Dort schiffte er sich auf einem Opiumdampfer nach Hongkong ein. Er durchquerte Südostchina mehr auf dem Wasser als auf dem Hochrad und meist mit behördlicher „Bedeckung“, denn in mehr als einer Kommune kam der Pöbel „schreiend und pfeifend wie die wilde Jagd, mit Steinen hinter uns drein und von neuem begann der Steinhagel“.

    Auf der Überfahrt von Shanghai nach Japan erholte sich Stevens von den Steinwürfen und empfand den „Wechsel von dem Schmutz einer chinesischen Stadt zu Nagasaki, welches rein und sauber war, als wahrhaft herzerfreuend“. Auf der Reise „durch das reizende Nippon“ erschienen ihm die japanischen Dorfwirtshäuser wie ein Paradies im Vergleich zu chinesischen Schenken, wo „ein achttägiger Aufenthalt den Verstand eines Angelsachsen vollständig zugrunde richten (würde)“.

    Gut genährt und gut gelaunt radelte er über Hiroshima, Osaka, Kyoto und Nagoya nach Yokohama, wo seine Radreise um die Welt am 17. Dezember 1886 endete. 17 Tage später erreichte er mit dem Schiff San Francisco, wo sein Abenteuer am 22. April 1884 begonnen hatte und wo ihn amerikanische Radclubs mit großem Hallo empfingen.

    Hier war ein Fernfahrer heimgekehrt, dem die kritischsten Situationen nicht die raue Natur bereitet hatte, sondern der Mensch, dessen Unverstand, Gier und Feindseligkeit ihn so manches Mal um sein Leben fürchten ließ. Nebenbei verschaffte er der amerikanischen Zweiradindustrie eine fabelhafte Reputation. 
     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Eckermann


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