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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

König der Roller

 

„Um meine Kleinwagensammlung auszubauen, graste ich nicht nur Schrottplätze ab, sondern schlich mich auch auf die Höfe von Autohäusern und Vertragswerkstätten“, erinnert sich Erik Eckermann.


  • Zahnloser Tiger in der hintersten Ecke

    Und wurde fündig. Da darbte, wegen seiner kleinen Abmessungen erst auf den dritten Blick zu erspähen, zwischen all den Neu- und Gebrauchtwagen in dritter Reihe ein FMR Tg 500, im Umgangsdeutsch Messerschmitt Tiger. Der hatte nun nach Meinung des Autohauses in Ahrensburg zwischen all den Simca – eine Automarke, die es auch nicht mehr gibt – rein gar nichts zu suchen. Der Meinung schloss ich mich spontan an und nahm den Tiger, zahnlos geworden wegen fehlenden Motors, Getriebe und Antriebswellen, einfach so vom Hof, ohne Zahlung zunächst.

    Den in einer Ecke liegenden Motor wollte der Meister zur Reparatur ins Herstellerwerk schicken, erst nach Instandsetzung wären 100 DM fällig geworden. Doch weil zu dieser Zeit die FMR, ausgeschrieben Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH Regensburg, schon seit vier Jahren keine Autos mehr baute, konnte auch der Motor nicht repariert werden, und so zahlte ich nur 50 Mark – nicht nur ein Jubel-, sondern auch ein Jubiläums-Preis, denn der Messerschmitt war, als ich ihn im Mai 1968 an mich riss, vor genau 10 Jahren gebaut worden.

    Der Tiger war nicht nur zahnlos, er war auch gerupft. Außer dem nicht eingebauten Antriebsstrang fehlten der vordere linke Kotflügel, die Windschutzscheibe und ein paar Kleinteile wie Schalter, Blinker und Außenspiegel. Dafür waren zwei Plexi-Kuppeln vorhanden, die eine sogar unbeschädigt, was über den leicht ramponierten Zustand des Funds hinwegtröstete.


  • Königstiger

    Die Raubkatze war Höhe- und Schlusspunkt Fend'scher Baulust. Der ehemalige Messerschmitt-Konstrukteur Fritz Fend hatte 1948 ein dreirädriges Fahrrad mit Wetterschutz und Pedalantrieb zusammengeschraubt, das im Lauf der Zeit zu einem Kabinen-Roller mit 175 cm³-Motor mutierte und als KR 175 im März 1953 in Serie ging. Er wurde im Februar 1955 vom KR 200 mit 200 cm³-Motor abgelöst, immer noch dreirädrig mit zwei Rädern vorn und einem hinteren Antriebsrad an einer Schwinge. Beide Modelle waren mit knapp 20.000 bzw. mit über 25.000 gebauten Exemplaren recht erfolgreich. Der Tiger dagegen nicht: Er brachte es von Mai 1958 bis Januar 1964 auf keine 1.000 Stück und ist heute entsprechend gesucht (und teuer).

    Charakteristisch für alle drei Modelle waren Tandem-Sitzanordnung und flugzeugähnliche Plexiglaskuppeln, die an die Kanzeln der Weltkriegs-Jagdbomber erinnern. Der Tiger allerdings hatte vier Räder – damit Fend schneller und sicherer um die Kurven fahren konnte. Denn der Konstrukteur machte sich einen Spaß daraus, hubraumstärkeren Konkurrenten bei Berg- und Flugplatzrennen die negativ angestellten Hinterräder zu zeigen. Aus dem Fend'schen Spielzeug entwickelte sich dann doch ein 'Vollblut-Sportwagen mit dem Preis eines Kleinwagens' (Prospekt) mit allerdings unzuverlässigem 500 cm³-Motor von 20 PS, der, wenn er denn in Ordnung war, die Fahrmaschine auf 125 km/h pustete. Das war für Mittelklassewagen zwar ein gängiger Wert, doch unter den Rollern und Mobilen war der Tiger der König.

    Definierte sich der Tiger über Motorleistung und Kurvenlage und hatte „man da das richtige Enthusiasten-Feuer, so (konnte) man ein Tiger-Fan werden“, wie sich Paul Simsa in Auto Motor Sport (Heft 11/1958) ausdrückte. „Wer aber einen braven Gebrauchsgegenstand sucht“, wäre sicherlich in einem KR-Modell besser aufgehoben. Und das kaufte ich im Doppelpack im März 1972, weil sich ein Autoverleiher in München unbedingt von zwei Leichen trennen wollte. Und zwar schnell.


  • Zeitdruck, falsches Schuhwerk, aber günstig

    Bei beiden handelte es sich um den KR 200, der eine weiß Baujahr 1959, der andere rot Baujahr 1960. Beide Motoren hatten sich festgerammelt, Laub und Schmutz lagen in den Kabinen, die Reifen waren platt, Schneewasser rinnsalte von den Kuppeln, es war mal wieder so richtig heimelig. Und weil es der Verkäufer eilig hatte, kam ich nicht einmal mehr zum Fotografieren. Zeit zum Handaufhalten jedoch hatte er, ich legte 150 Mark hinein. Aufgeladen, ab in die Scheune und zunächst einmal vergessen.

    Ein Jahr später, im Februar 1973, eine ähnliche Situation: Da lagen hinter einem Zaun zwei oder drei 'Schmitts im Dreck, ohne Räder, ohne Motoren, die Karosserieteile wüst in- und auseinander geschachtelt, ein Schrotthaufen wie im Bilderbuch. Natürlich lag noch Schnee, ich hatte mal wieder das falsche Schuhwerk an, die Kälte kroch mir die Beine hoch. Was hat er noch? Irgendwo hortete er zwei Motoren, ein paar Auspufftöpfe und Kleinteile. Aus den umherliegenden Hauben, Dächern und Kotflügeln und aus den Rahmen, komplett mit Bodenwannen und Hinterradschwingen, müssten sich doch eigentlich zwei Kabinenroller zusammenbasteln lassen. Wie viel will er haben? Schleich' di, hörte ich zu meiner Erleichterung, die Leihgebühr für den Hänger war die einzige Ausgabe. Auch das gab’s.

    Die Teile gingen später im Lot an einen Messerschmitt-Sammler in Hessen, einen der KR 200 erstand ein Mann in München, der seinen Jugendtraum wahrmachen wollte, der andere KR 200 fand einen Liebhaber im fernen Michigan. Und der Tiger? Ist inzwischen längst restauriert und ziert heute eine private Messerschmitt-Sammlung in Österreich.


    Text und Fotos: Erik Eckermann


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