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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Goliath, jetzt erst recht

 

„Als fünften Wagen meiner geplanten Mobil- und Kleinwagen-Sammlung legte ich mir einen Kleinwagen der Motorradfirma Maico zu.“, erinnert sich Erik Eckermann.


  • Der Granatapfel aus dem Württembergischen

    Der Granatapfel, so belehrt mich Meyers Enzyklopädisches Lexikon von 1974, ist eine rote Scheinbeere des Granatbaums, der ursprünglich ein verwilderter, dorniger, krummästiger Busch aus subtropischen Gebieten war, wie ich aus dem Brockhaus von 1893 ergänzend erfahre. Die Eigenschaften von Apfel und Busch passen gar nicht mal so schlecht zu dem Theater, das sich unter den als Championade bekannt gewordenen Vorfällen rund um den Champion-Kleinwagen abspielte. Doch davon später.

    Nicht die Subtropen waren mein bevorzugtes Ausflugsziel, sondern Schrottplätze, denn ich wollte mich ja an keinen roten Scheinbeeren laben, sondern an Mobilen und Kleinwagen. Ein solcher stach mir Anfang März 1968 in die Augen, er hieß Maico, schön rot, wie aus dem Laden. Da war ich noch dreißig Meter entfernt. Auf drei Meter herangekommen, war der Lack zwar immer noch rot, aber nicht mehr schön, und auch der sonstige Zustand war das Gegenteil von ladenfrisch: Auf den ersten Blick fehlten Heckklappe und Räder, auf den zweiten Blick entdeckte ich Rostfraß an Kotflügeln, Türen und Radgehäusen.

    Besonders erfrischend, abgesehen vom Schnee und der niedrigen Außentemperatur: Der rote Apfel lag oben im Korb, d.h. auf dem Dach eines Zeitgenossen, aber nicht ganz oben. Denn da lag noch eine Leiche. Er musste erst einmal mit Rädern bestückt, freigeschaufelt und heruntergeholt werden, um rollfähig gemacht zu werden.


  • Rostfraß an Karosserie, Motor fest

    Und die Mechanik? Der im Heck installierte Heinkel-Motor saß fest, typisch Zweitakter. Sein Typenschild gab 398 cm³, 15 PS und Baujahr 1954 an, was nicht mit dem Baujahr des Autos übereinstimmen musste. Dessen Fahrgestell-Nummer war auf einer Rahmentraverse vorn rechts im Radlauf eingeschlagen und dank Schmutzbewurf durch den Reifen nicht mehr zu entziffern. Die Karosserie-Nummer – die Aufbauten lieferte Drauz, ab September 1955 bis Mai 1956 Baur – und das eigentliche Typenschild dagegen waren im (vorderen) Kofferraum untergebracht, eingestanzt waren hier noch einmal die Fahrgestell- und Motor-Nummern sowie das Baujahr 1955. Es handelte sich also um eine 2-türige, 2-sitzige Maico Cabrio-Limousine vom Typ MC 400/H, was festzustellen gar nicht so einfach war, weil Herstellerfirmen und Typenbezeichnungen beinahe vierteljährlich wechselten und der Karosserielieferant auch einige Male. Und das kam so:

    Urahne war ein seifenkistenähnliches Leichtfahrzeug mit Heckmotor von nur 170 kg Gewicht, das als 'Champion' unter Ingenieur Albert Maier 1946 bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) entstanden war. 1949 erwarb der ehemalige BMW-Ingenieur und Rennfahrer Hermann Holbein die Lizenzen zum Nachbau und entwickelte ihn über einige Zwischenstufen zum Champion 250. Der zweisitzige Roadster mit 250 cm³ Triumph-Motor wurde bis November 1950 von Holbein in Herrlingen bei Ulm, ab Dezember 1950 bis März 1951 vom Champion-Automobilwerk GmbH in Paderborn gebaut.

    Mit karosserie-technischer Unterstützung von Drauz entstand 1951 der Champion 400, eine 2-sitzige Cabrio-Limousine, wobei Drauz durch baugleiche, austauschbare Türen (links/rechts) und Kotflügel (vorn links/hinten rechts und vorn rechts/hinten links) die Werkzeug- und damit die Herstellungskosten niedrig halten konnte. Die gut 1.900 Stück wurden zum Teil in Paderborn, ab Dezember 1952 vom Champion-Vertreter Hennhöfer & Co Rheinische Automobilfabrik (RAF) in Ludwigshafen gebaut.

    Nicht lange. Schon im November 1953 brach auch Hennhöfer unter der Schuldenlast zusammen. Nach einem Wiederbelebungsversuch der RAF durch den Dänen Henning Thorndal 1954 übernahmen die Maico-Werke in Pfäffingen im Juni 1955 Rechte und Sachwerte aus der Konkursmasse. Maico änderte die Bezeichnung des Champion 400 H, wie der einstige 400 jetzt hieß, in Maico MC 400/H und ergänzte den Zweisitzer durch den 4-sitzigen Kleinwagen Maico MC 400/4 mit 396 cm³-Motor ab Mai 1956. Ihm folgte im Juni 1956 der um 3 PS erstarkte Maico MC 500/4 mit 452 cm³-Motor. Die (identischen) Karosserien beider Viersitzer stammen allesamt von Baur in Stuttgart.


  • Als der blaue Maico auf den Hund kam?

    So einen Viersitzer musste ich natürlich auch haben, und schon Anfang November 1968 hatte ich einen zweiten Granatapfel im Käscher, diesmal in blau mit der Typenbezeichnung Maico MC 500/4 Baujahr 1957. Er stand mit allen vier Rädern stramm im Dreck, machte auch auf den zweiten Blick einen guten Eindruck und sollte nur 30 DM kosten. Zusammen mit dem Schrottplatzmenschen wuchtete ich ihn in die Gabel der zweirädrigen Abschleppachse namens 'Ruck-Zuck', die ich bei meinen Ausfahrten stets in meinem Abschleppwagen mit mir führte. Das war ein '53er Käfer, in den Ruck-Zuck, auch Hund genannt, bei geteilter Zugstange und ausgebauten Sitzen gerade noch hineinpasste.

    Der blaue MC 500/4 ging Jahre später an das Automuseum Bad Oeynhausen, der rote MC 400/H an einen Sammler in Holland. Selbst der Hund alias Ruck-Zuck fand eine neue Hütte, und zwar in der Autostadt in Wolfsburg. Nicht ohne Grund: Die Aufnahmegabel war speziell für die Vorderachse des Käfers ausgelegt und diente bis zum gesetzlichen Verbot als offizielles Abschleppgerät mancher VW-Werkstatt.

    Zurück zu Maico. Neben den Zwei- und Viersitzern stellte das Werk auch noch einen Kombi in Woody-Ausführung her und wollte ein von der schweizerischen Karosseriefirma Beutler gezeichnetes Sportcabriolet auflegen. Dazu kam es nicht mehr, denn die Firma, der Motorradproduktion durchaus gewachsen, hatte sich, wie auch die Vorgängerfirmen, mit der Herstellung von Autos technisch und finanziell übernommen. Im März 1958 war Maico zahlungsunfähig, die schöne Scheinfrucht verlor sich im Gestrüpp wilder Geschäftsmethoden, mit Millionenverlusten, Gläubigergezeter und Verhaftungswellen im Gefolge.


    Text und Fotos: Erik Eckermann


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