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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Von Fulda in die Welt

 War das Fuldamobil mit 10 PS schon schwach genug motorisiert, bewies Kleinschnittger, dass ein Auto sogar mit 6 PS verkehrstüchtig ist – damals, in den 50er Jahren.


  • Leicht, leichter, am pfiffigsten

    Meist fand ich meine Kleinwagen auf wüsten Schrottplätzen oder bei bärbeißigen Gebrauchtwagenhändlern, am Schreibtisch jedoch so gut wie nie. Doch eines Oktobertages 1969 stand ein Mann in meinem Arbeitszimmer und begeisterte sich über seinen Neuwagen – ich glaubte, er sprach von einem Volkswagen, und ich fragte mich, was er denn nun eigentlich von mir will.

    Na ja, meinte er, er möchte seinen alten loswerden, den die Nachbarskinder immer so verspötteln. Ob ich Interesse hätte, er solle nur 250 Mark kosten. Einen alten Käfer für 250 Mark, dachte ich mir, ich hab' doch selbst so einen, sagte ich, der wär' vielleicht auch 250 Mark Wert, dachte ich, gerade noch fahrtüchtig, aber sonst keine Augenweide, sagte ich.

    Nein, meinte der Mann, keinen Käfer wolle er loswerden, sondern einen Kleinwagen, ich möge doch mal aus dem Fenster schauen. Also schaute ich aus dem Fenster. Und da stand ein Kleinschnittger auf dem Museumshof, elfenbein mit roten Sitzen, aus einiger Entfernung und von oben aus dem Fenster in recht ansehnlichem Zustand. Wie viel wollten Sie haben? fragte ich. Na ja, sagte der Mann, 200 würden's auch tun. Ich gab ihm die Hand, der Kauf war besiegelt, und dann besichtigten wir gemeinsam seinen ehemaligen Altwagen.


  • Rückwärtsgang und Differenzial fehlten schon ab Werk

    Bei den Rundgängen um meine Neuerwerbung registrierte ich: Baujahr 1954, Fahrgestell-Nr. 1818, komplett mit allen Anbauteilen bis auf das Verdeck, dafür zwei Außenspiegel, die Paul Kleinschnittger seinen Kunden nie gegönnt hatte. Weiter: Grillkreuz und Streckmetall eingedrückt bzw. beschädigt, Felge des rechten Vorderrads eingerissen, Lackierung an vielen Stellen abgeplatzt oder ausgebessert. Ein Rückwärtsgang fehlt, sagte der Mann, Paul wollte immer nur nach vorn, deshalb wohl auch die Uhr, bei einem Kleinstwagen ganz und gar ungewöhnlich.

    Ein Differenzial hat er auch nicht, sagte der Mann, Paul wollte Gewicht sparen. Und wie fahr' ich durch Kurven und rückwärts? Kein Problem, sagte der Mann, der ja seinen kleinen Schnittigen viel besser kannte als ich, statt Differenzial Freilauf, und statt Rückwärtsgang hinten hochheben und am Heck herum wie die Geiß' am Schwanz. Müsste bei 150 kg Leergewicht auch von Damen zu schaffen sein. Im Hof ertönte Männerlachen.

    Weil Paul aus Gewichtsgründen auch noch Handstarter statt elektrischem Anlasser und Hand-Scheibenwischer statt E-Antrieb seinen Käufern zumutete, mussten diese einiges an Kompromissbereitschaft mitbringen. Aus Sicht des Technikers jedoch barg das „Motorrad auf vier Rädern“ (Werbung) einige Überraschungen. Als Basis diente ein zugekaufter Zentralkastenrahmen mit Querrohren. Federung und Dämpfung der einzeln aufgehängten (Aluminium-)Räder besorgten Gummibänder, die preisgünstiger und leichter als Stahlfedern waren und die zur Not durch Gummiringe von Einmachgläsern ersetzt werden konnten. Ein Einzylinder-Zweitakt-ILO-Motor mit gerade mal 125 cm³ Hubraum trieb über ein Dreigang-Getriebe mit Freilauf die Vorderräder an. Über die Mechanik strafften sich wohlgeformte Alutafeln, die mit Gummihämmern über Holzformen bearbeitet und „anschließend mit großen Gummipatschen, die man aus Förderbändern geschnitten hatte, glatt geschlagen“ wurden. So jedenfalls beschreiben Otto Künnecke und Andy Schwietzer die Karosserieherstellung in ihrem Buch Kleinschnittger – Wirtschaftswunder im Kleinformat. Putzig genug, trug der türlose Mikro-Roadster Blinker statt Winker.

    Das Stichwort ist schon gefallen: Meinen ersten Kleinschnittger kaufte ich von einem fleischgewordenen Wirtschaftswunderdeutschen, der es vom Motorrad über den Kleinschnittger zum VW Käfer geschafft hatte und der als vorsorglicher Mann im Keller ein paar Ersatzteile gestapelt hatte: Windschutzscheibe, Motorhaube, Vorder- und Hinterachsteile, Räder mit Bereifung und weitere Kleinteile. Die kaufte ich ihm einige Zeit später für 30 Mark auch noch ab.

    Äußerlich hergerichtet zierte der „Kleinstwagen für Beruf, Sport und Reise“ (Prospekt) ab Mitte 1974 die Oldtimer Gasse Hamburg und ging 1976 in den Bestand des Kleinwagenmuseums Störy über, wo er von Grund auf restauriert wurde.


  • Nummer Zwei kam zu Fritz B. Busch

    Mein zweiter Kleinschnittger, ebenfalls Typ F 125, stammte von 1951 und trug die Fahrgestell-Nr. 458. Weil er sich in einem guten, unrestaurierten Original-Gebrauchtzustand befand, übernahm ihn Fritz B. Busch 1975 leihweise für sein Automuseum in Wolfegg. Dort zeigte er, so schrieb mir BB, „das Hanomag Kommissbrot als Sportzweisitzer, den DKW F1, den (BMW) Ihle Sport und den zweisitzigen Dixi, auch einen Einzylinder-Aero, so daß der Kleinschnittger da wunderbar hineinpasst“.

    Er erfreute zusammen mit „diesen kleinen sportlichen Zweisitzern meine Besucher teils mehr (...) als die erfolgreichsten Formel-Rennwagen“, eine Weisheit, die sich renommierte Automuseen und Techniktempel erst Jahre später zu eigen machten. Erst als BB 1986/87 „eine Holzkiste voller Teile, aus der auch ein Motor herausragte“ (Motor Klassik Heft 4/1987) zu sortieren begann, den Teilen im ckd-Stadium neues Leben einhauchte und auf diese Weise zu seinem eigenen Kleinschnittger kam, ging Nr. 458 in den Besitz eines Sammlers über, der die pfiffige, teils genialische Technik zu würdigen wusste.

    Dazu noch ein Wort: Paul Kleinschnittger (1909 bis 1989), Modellbau- und Gießereimeister, verzichtete auf das für eine Zahnstangenlenkung übliche Gehäuse und brachte die Zahnstange im vorderen Achsrohr unter. Die einzeln aufgehängten Räder hingen an baugleichen Dreieckslenkern mit Durchgängen für Halbwellen, so dass problemlos von Vorder- auf Vierradantrieb hätte umgerüstet werden können. Das war zwar nie angestrebt, wohl aber niedrige Herstellungs- und Lagerkosten.

    Der permanent eingeschaltete Freilauf (bei den damaligen DKW war der Freilauf zuschaltbar) ersetzte nicht nur das Differenzial, indem das kurvenäußere, schneller drehende Rad ausgekuppelt wurde. Der Freilauf verhinderte ebenfalls den verschleißträchtigen Schiebebetrieb und das die Lager zerstörende Teillastruckeln, weil ja der Zweitaktmotor sein Schmieröl beim Gasgeben bekommt. „Die ILO-Motoren“, so BB in der Motor Klassik, „hielten in den Autos von Paul Kleinschnittger länger als irgendwo sonst“ – trotz des Verzichts auf ein (leistungszehrendes) Gebläse vor dem Zylinder, denn den kühlte nur der Fahrtwind.

    Im Übrigen nahm Paul zukünftige Konstruktionstendenzen vorweg: Motor mit quer zur Fahrtrichtung liegender Kurbelwelle vor der Vorderachse, angeflanschtes Getriebe, Vorderradantrieb, kurze Überhänge, Kompaktbauweise und extremer Leichtbau. Auch wenn ich nur zwei Autos und ein paar Ersatzteile vor dem Verfall bewahren konnte – ein wenig Genugtuung für einen Mann, der „vom Autobauen (...) keine Ahnung (hatte)“ (Künnecke/Schwietzer S. 16), darf schon sein. Er hat den Autobau um eine technisch interessante Fahrmaschine bereichert, von der zwischen 1950 und 1957 1.992 Stück verkauft werden konnten.


    Text und Fotos: Erik Eckermann


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