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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Doppelkopf zum Auftakt

 

Der Mensch ist ein Sammler und Jäger. Doch statt zu Bucheckern und Wildschweinen zog es mich eher zu Mobilen und Kleinstwagen aus der Nachkriegszeit.


  • Flugzeugbau und Vogelflug

    Erstes Objekt dieser urmenschlichen Eigenschaften war ein vom Flugzeugbauer Dornier entwickelter, von Zündapp gebauter Kleinstwagen, den die damals noch Nürnberger Firma als Janus unter das Motorrad fahrende Volk zu streuen gedachte. Der Janus passte als Beginn meiner vorgesehenen Sammlung wie die Faust auf's Auge, symbolisiert doch der römische Gott den örtlichen und zeitlichen Eingang, also der Türen und Tore, deren zwei Seiten sich in der Doppelgesichtigkeit niederschlugen.

    Zum einen. Zum anderen sitzen die Passagiere im Zündapp Rücken an Rücken und damit, wie bei Darstellungen des Janus, Hinterkopf an Hinterkopf: Fahrer und Beifahrer schauen nach vorn hinaus, die Hintensitzenden nach hinten.

    Das war der Bauweise auf gegebenem Radstand geschuldet: Der Zündapp war seit den US-Highwheelern um 1908 vermutlich das einzige je für zivile Zwecke in größerer Stückzahl gebaute Personenauto, dessen Motor in Fahrzeugmitte liegt, bei dem also die Bezeichnung Mittelmotorbauweise ausnahmsweise einmal zutrifft.

    Diese allerdings hatte eine eher verkaufshemmende Wirkung, nicht nur wegen des höheren Lärmpegels, sondern wegen eben dieser Rücken-an-Rücken-Sitzanordnung. Damit feierte die aus Kutschwagen- und Autopionierzeiten bekannte dos à dos-Bauweise zwar fröhliche Urständ, und mitfahrende Kinder hatten daran einen Riesenspaß. Doch bei empfindlichen Erwachsenen konnte sich bei längerer Fahrt Übelkeit einstellen, was in einer Werksbroschüre ganz anders besungen wurde: Wer mit JANUS fährt zu vieren / wird als angenehm verspüren / daß, wer umgekehrt gesetzt / nicht mehr mitbremst oder hetzt / nie mehr aufschreit und nerviert! / Oft ist so schon was passiert /.

    Jeder weiß /, so die Broschüre weiter: Was ZÜNDAPP macht/das ist lückenlos durchdacht. In der Tat steckt einige Intelligenz in Entwurf und Ausführung: Die selbsttragende Karosserie besteht aus nur vier Stahlblech-Großteilen, nämlich Dach, Bodenblech, identische Front- und Hecktüren sowie baugleiche Seitenteile, die sich lediglich an Kopf- und Heckstücken unterscheiden. Unabhängige Radaufhängung vorn und Pendelachse hinten mit Schraubenfedern zu einer Zeit, als Ford noch mit einer starren Hinterachse über den Taunus hoppelte, hydraulische Bremsanlage, als das überschäumende Temperament des Wolfsburger Standard-Käfers noch mit Seilzug gebändigt werden musste. Und Sitzbänke, die ruck-zuck „in zwei völlig ebene schaumgummigepolsterte Schlafliegen verwandelt werden“ konnten. Vom Janus (1957 bis 1958) wurden nur 6.902 Exemplare gebaut.


  • Die Geschichte vom Spatz

    Zurück zu „meinem“ Zündapp, den ich der deutschen Recycling-Wirtschaft, damals noch Abwracken genannt, im November 1967 entzog. Den Kaufpreis von 35,- DM konnte ich, obwohl Student, gerade noch aufbringen, nicht aber die im Januar 1968 fälligen 105,05 Mark Transportkosten nach Hamburg für den Spatz, den mir ein menschenfreundlicher Apotheker in Köln auf eine Suchanzeige hin geschenkt hatte. Jetzt hieß es, nachts bei Axel Springer Zeitungsstapel auf die LKW wuchten, die Schicht zu 30,- Mark.

    Auch der (Victoria) Spatz glänzte mit Einzelradaufhängung, darüber hinaus mit der ersten serienmäßig hergestellten Kunststoffkarosserie in Westdeutschland. Seine Flugroute ist bewegt und bewegend: Urvogel war ein von Egon Brütsch stammender Dreirad-Roadster mit selbsttragender Fiberglas-Karosserie, der vom Lizenznehmer Spatz Fahrzeugbau Harald Friedrich in Traunreut 1954 mit einem vierten Rad und einem Zentralrohrrahmen eine solidere Grundlage erhielt.

    1956 gründeten Friedrich und die Victoria Werke in Nürnberg die Bayerischen Autowerke, ebenfalls Nürnberg. Als Friedrich 1957 ausschied, vertrieb Allein-Besitzer Victoria den Spatz nun als Victoria 250, und als die Herstellerrechte 1959 an den Burgfalke Fahrzeugbau in Obermurnthal/Bayerischer Wald übergingen, hieß der Spatz alias Victoria fortan Burgfalke FB 250 Export. Die Namensgebung lässt vermuten, dass der Falke in anderen (Kleinstwagen-)Revieren räubern sollte, doch sein Flug endete jäh: Wegen Selbstüberschätzung und zu dünner Kapitaldecke stürzte der flügellahme Burgfalke alias Spatz nach nur zwei Jahren Flugzeit und nicht ganz 1.600 Nestflüchtern tot vom Autohimmel.


  • Mission erfüllt

    Weil der Kunststoff-Vogel schon damals etwas Besonderes und nicht an jeder Ecke zu haben war, kaufte ich den nächsten im Januar 1969 im Raum Frankfurt. Da wohnte ich schon in München, musste den Victoria jedoch nächtens mit Hänger und dem 1953er Käfer als Zugwagen ins niedersächsische Zonengrenzgebiet gleich hinterm Elbdeich transportieren. Dort nämlich hatte ich preisgünstig eine Scheune gemietet, die später den dritten Victoria und einen zweiten Janus aufnahm.

    Sie alle gingen Jahre später, als sich die Oldtimerszene in Kontinental-Europa zu etablieren begann, an Liebhaber oder an Museen, darunter Mahy in Belgien. Die Zeugen aus der Sauregurkenzeit existieren noch heute, selbstgestellte Aufgabe also erfüllt. 
     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Archiv Eckermann


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